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03.08.2009
 

Chinas Appetit auf seltene Tiere

Schlangendip und Bärenbraten

Von Thilo Thielke, Bangkok

Auf chinesischen Speisekarten stehen Tigersud und Leopard süß-sauer, gebratener Affe und Pangolin - und deshalb boomt in Burma der Export von Wildtieren. Jetzt schlagen Tierschützer Alarm: China bringe mit seiner Gier nach "Buschfleisch" viele seltene Arten in Gefahr.

Der kleine Makake hat schlimme Zeiten hinter sich, doch das Übelste steht ihm womöglich erst bevor. Ahnungsvoll springt er in seinem winzigen, verrosteten Käfig neben dem Feinschmeckerrestaurant hin und her und kreischt. Auf seiner Stirn eitert eine Platzwunde, die Augen sind groß und rund und weit aufgerissen. Eine Gruppe hungriger chinesischer Gäste ist soeben eingetroffen und nimmt - nur einen geschmacklosen Meter vom Affen entfernt - Platz.

Nein, dieses Mal haben sie kein Affengericht bestellt. Die Kunden lachen, und dann stürzen sie sich gierig auf ein Wildmenü und schmatzen. Es ist irgendeine Mischung aus Schlangen- und Antilopenfleisch, die gerade in ihren Mägen verschwindet. Nachgegossen wird mit Tsingtao-Bier - es wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut.

Neben dem Makakenäffchen zischelt eine Kobra in ihrer Kiste, auch sie ist noch einmal davongekommen. In der Natur sind die beiden die ärgsten Feinde, doch hier teilen sie ein ähnliches Schicksal: sie enden als "Buschfleisch" für Chinesen.

Die Restaurants in Mong La, einer Casino- und Bordellstadt im Norden Burmas, gerade an der chinesischen Grenze gelegen, sind berühmt für ihre Speisekarten mit traditionellen chinesischen Gerichten. Nach Herzenslust kann der Grenzgänger aus dem Reich der Mitte hier bestellen, was ihm in seiner Heimat mittlerweile verwehrt ist: Elefantensteak und Kragenbär-Braten, Geschnetzeltes vom Affen und Leopard süß-sauer, Tigersud und Schlangendip und Pangolin mit Chilisoße. Es gibt kaum eine Delikatesse, die hier nicht serviert wird. Hauptsache, sie kommt frisch aus der Wildnis - je weniger Tiere es von einer Art noch gibt desto besser.

Der Schweizer Artenschützer und Naturfotograf Karl Ammann, 59, ist zum vierten Mal in Mong La. Seit 15 Jahren beobachtet er den Wildtierhandel im Goldenen Dreieck, einer der abgelegensten Gegenden der Welt und ehedem Hauptanbaugebiet für Opium. "Viel hat sich nicht geändert, seit ich das erste Mal kam", sagt Ammann, "nur die Preise für die Tiere steigen von Jahr zu Jahr - weil es immer weniger werden." Gerade bietet ihm eine Händlerin auf dem Tiermarkt einen Tigerknochen an. Er liegt auf einer Decke zwischen einigen Tierpenissen und Fellen, Gallenblasen und Stücken getrockneter Elefantenhaut, Affenschädeln und Schlangenhäuten. 1200 amerikanische Dollar will sie für das Stück, das den Chinesen als wirksam gegen Arthritis und rheumatische Beschwerden gilt und deshalb zu Pulver zerrieben oder zu Sud zerkocht wird.

Drogen-, Waffen- und Tierhandel

Es ist kein Wunder, dass der Knochen so kostbar ist: Gerade einmal 150 der Großkatzen sollen in Burma noch in freier Wildbahn zu finden sein, weltweit sind es gerade einmal 5000 bis 7000 Stück. Vor zwei Jahren boten Händler in der Nähe eine komplette Tigerhaut für 15.000 und einen Tigerpenis für 1500 Dollar an. Ein komplettes Tier, also Knochen, Penis, Fell und Fleisch, dürfte es dann auf rund 35.000 Dollar bringen - viel Geld für einen hungrigen Burmesen, aber nicht zu viel für reiche chinesische Geschäftsleute.

Der sagenhafte ökonomische Aufstieg des chinesischen Riesenreichs gefährdet die Tierwelt mittlerweile weltweit. Im sudanesischen Khartum boomt nach einer Studie der britischen Tierschutzorganisation "Care for the Wild" der Handel mit Elfenbein wie zu Zeiten des Mahdi, seit Chinas Emissäre ins Land strömen, um die Ölquellen auszubeuten. Die gestiegene Nachfrage bekommen Waldelefanten bis in die tiefsten Wälder des Kongobeckens oder der Zentralafrikanischen Republik zu spüren. Und auch in den asiatischen Anrainerstaaten wird derzeit alles gejagt, was den Schützen vor die Flinte kommt und sich zu Geld machen lässt.

Die von keinerlei Sinn für den Erhalt der Artenvielfalt getrübte Gier nach seltenen Spezies erinnert an das längst überwunden geglaubte Gebaren skrupelloser Kolonialherren. Schon jetzt rangiert der Handel mit gefährdeten Tieren auf Rang drei der illegalen Handelsgüter - gleich hinter dem Drogen- und dem Waffenhandel. Sechs Milliarden Euro sollen damit Jahr für Jahr umgesetzt werden.

Nur Kleinigkeiten haben sich im Vergleich zu früheren Zeiten verbessert. "Man findet die Tische mit den runden Löchern in der Mitte jetzt nicht mehr, in denen früher die Affen fixiert wurden, damit man den lebenden Tieren das Gehirn aus dem zertrümmerten Schädel löffeln konnte", sagt Ammann. "Affen werden jetzt gebraten." Den Tierschützer, der im kenianischen Nanyuki lebt und dort selber zwei Schimpansen großzieht, tröstet das kaum. Ammann gilt als einer der weltweit engagiertesten Kämpfer gegen den Handel mit Tieren, die unter Artenschutz stehen.

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