• Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.08.2009
 

Selbstreinigende Materialien

Blütenrein dank Lotus-Effekt

Von Peter Forbes

Häuser sind nach einem Regen blitzsauber. Ketchup klebt nicht mehr an Hemden und Hosen. Kein Traum - Nanotechniker arbeiten tatsächlich an der Entwicklung selbstreinigender Materialien und wittern einen Milliardenmarkt. Vorbild für die High-Tech-Chemie ist mal wieder die Natur.

Wilhelm Barthlott von der Universität Bonn, Entdecker und Entwickler des Lotuseffekts, hat eine Vision: Manhattan reinigt sich selbst; ein kleiner Regen genügt, um Fenster und Wände der Wolkenkratzer blitzsauber zu waschen. Anderswo sieht er Zelte und Markisen aus neuartigen Textilien, die ohne menschliches Eingreifen stets picobello bleiben. Tatsächlich gibt es schon Hemden, Blusen, Röcke und Hosen, die Ketschup, Senf, Rotwein und Kaffee abweisen.

Noch einen Schritt weiter gehen japanische Forscher: Sie entwickeln selbstdesodorierende und -desinfizierende Oberflächen, vor allem für Bäder und Krankenhäuser. Michael Rubner und Robert Cohen vom Massachusetts Institute of Technology im Cambridge können dagegen dafür sorgen, dass Spiegel im Bad nicht mehr beschlagen. Vor allem aber hoffen sie mit von ihnen erdachten Materialien den Strom von Flüssigkeiten zu steuern, die sich auf "Labors im Chip-Format" durch mikroskopisch schmale Kanäle bewegen. Kurzum: Bei den Oberflächenbeschichtungen bahnt sich eine Revolution an.

Vorbild selbstreinigender Materialien ist die anmutige Lotuspflanze (Nelumbo nucifera), botanisch Lotos genannt, die große Bedeutung für Religionen und Kultur von Indien, Birma, China und Japan hat. Sie wird dort wegen ihrer außergewöhnlichen Reinheit verehrt. Die mehrjährige Pflanze wächst in schlammigem Wasser, aber wenn sie teils meterhoch über dem Nass ihre Blätter entfaltet, scheinen diese nie schmutzig zu werden. Wassertropfen glitzern darauf in unirdischer Weise, und der Regen wäscht Schmutz vom Lotus viel schneller ab als von jeder anderen Pflanze.

Genau das weckte in den 1970er Jahren die Neugier von Barthlott. Damals faszinierte den Forscher die neu aufgekommene Rasterelektronenmikroskopie, die plastische Bilder bis in den Nanometerbereich lieferte. Bei dieser Vergrößerung können Schmutzteilchen das Bild völlig verderben; deshalb mussten die Proben gründlich gereinigt werden. Wie Barthlott bemerkte, war das bei manchen Pflanzen - darunter dem Lotus - jedoch nicht nötig.

Der Bonner Wissenschaftler fragte sich nach dem Grund und fand heraus, dass der Effekt auf zwei Besonderheiten der Blattoberfläche beruht: einer Wachsschicht und winzigen, nur wenige Mikrometer dicken Noppen. Schon das Wachs allein sollte bewirken, dass die Blätter hydrophob sind, also Wasser abstoßen. Feuchtigkeitstropfen sind dadurch schmal und hoch, damit sie möglichst wenig Kontakt mit der Oberfläche haben. Auf einer hydrophilen Substanz breiten sie sich dagegen flach aus, um die Berührungsfläche zu maximieren. In diesem Fall beträgt der Winkel, unter dem der Tropfen auf das Material trifft, weniger als 30 Grad, wogegen er auf einer hydrophoben Fläche bei 90 Grad und mehr liegt.

Die zahllosen Wülste verstärken, wie Barthlott erkannte, den Effekt noch wesentlich. Dadurch wird das Lotusblatt superhydrophob mit einem Kontaktwinkel von über 150 Grad. Wasser bildet dann fast kugelförmige Tropfen, die wie Bälle abrollen. Es sitzt dabei oben auf den Beulen - wie ein Mensch auf einem Nagelbett. Die Luft, die zwischen dem Wasser und dem Blatt um die Buckel herum eingeschlossen ist, erhöht den Kontaktwinkel; diesen Effekt haben A.B.D. Cassie und S. Baxter schon in den 1940er Jahren entdeckt und in eine mathematische Gleichung gefasst.

Barthlott bemerkte, dass auch der Schmutz nur die Spitzen der Beulen auf dem Lotusblatt berührt. Regentropfen können ihn deshalb sehr leicht benetzen und dazu bringen, mit ihnen vom Blatt herunterzurollen. Dass mikroskopische Beulen der Reinlichkeit dienen, ist ausgesprochen paradox. Normalerweise setzt sich Schmutz an Unebenheiten fest, weshalb sich glatte Flächen besser sauber halten lassen.

Als Botaniker erkannte Barthlott das enorme kommerzielle Anwendungspotenzial seiner Beobachtung nicht gleich. Erst in den 1980er Jahren wurde ihm klar, dass sich ein vielseitig nutzbarer künstlicher Lotuseffekt erzeugen ließe, wenn es gelänge, Gegenstände mit einer genoppten, wachsartigen Schicht zu überziehen. Später meldete er die Idee, Flächen mit mikroskopischen Erhebungen zu versehen, um sie selbstreinigend zu machen, zum Patent an und ließ den Begriff "Lotus-Effekt" als Markenzeichen eintragen.

Ein Objekt so zu beschichten, dass es superhydrophob wird, war allerdings nicht leicht. Trotzdem gelang es Barthlott in den frühen 1990er Jahren, in Eigenproduktion einen Löffel zu kreieren, von dessen genoppter Silikon-oberfläche Honig ohne Rückstände abtropfte. Dieses Produkt überzeugte schließlich einige große Chemiefirmen von der technischen Umsetzbarkeit der Idee. Mit ihren leistungsstarken Forschungsabteilungen fanden sie bald weitere Möglichkeiten, den Lotuseffekt zu nutzen.

Die bislang führende Anwendung ist der Fassadenanstrich Lotusan. 1999 von der Sto AG auf den Markt gebracht, wurde er ein großer Erfolg. Der Lotuseffekt ist heute in Deutschland ein allgemein bekannter Begriff. Im Oktober 2007 zählte die Zeitschrift "Wirtschaftswoche" seine kommerzielle Nutzung zu den 50 bedeutendsten "Innovationen, um die uns die Welt beneidet".

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
08.10.2009 von uerfurth: Selbstreinigende Materialien: Blütenrein dank Lotus-Effekt

In dem Artikel wird die Farbe Lotusan erwähnt, die übrigens von ISPO 1998 entwickelt und in den Markt gebracht wurde. STO hat in einer Forschungsarbeit mit dem Mörike-Gymnasium festgestellt, dass der Lotus-Effekt bei dieser Farbe [...] mehr...

10.08.2009 von Pablo alto: Weiß die Gesundheitsministerin das?

Bekommen wir statt Teflon-Politikern demnächst solche mit Lotus-Effekt? mehr...

10.08.2009 von Ilja: Gesundheitsschädlich?

Was ist eigentlich mit der Gesundheitsverträglich so kleiner Partikel? Teilchen dieser Größe können so weit ich weiß sogar durch die Haut in den Körper eindringen, vom Einatmen und Festsetzen in der Lunge ganz zu schweigen. Von [...] mehr...

10.08.2009 von scientist-on-hartz4: Tenside und ihre Zerstörungswut auf den Lotus

Ich hab Prof. Barthlott während meiner Doktorarbeit am Institut für Botanik in Köln persönlich kennengelernt. Ein im übrigen ausgezeichneter Fachdidaktiker, der selbst einem Bildzeitungsleser die komplexen Zusammenhänge [...] mehr...

10.08.2009 von dansape: Nicht wissenschafltich belegt

Ebenfalls ein Kommentar aus wissenschaftlicher Perspektive: Der in den Marketing-Kampagnen versprochen Effekt ist nicht wissenschaftlich belegt und kann sogar sehr leicht in systematischen Versuchen widerlegt werden - wie schon [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP