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Selbstreinigende Materialien Blütenrein dank Lotus-Effekt

4. Teil: Ein cleverer Käfer

Millionen von Jahren vor der technischen Verwertung von Lotuseffekt und Superbenetzbarkeit nutzte ein kleiner Käfer in der Wüste Namib beides schon für einen ganz anderen Zweck: das Sammeln von Wasser. In der extrem trockenen und heißen Küstenregion in Südwestafrika sind dicke Morgennebel, die eine steife Brise vom Meer herantreibt, praktisch die einzige Feuchtigkeitsquelle. Der Käfer aus der Gattung Stenocara hält mit geducktem Kopf seinen emporgereckten Hinterleib in den Nebelwind. Die Feuchtigkeit kondensiert auf seinem Rückenpanzer und rinnt in sein Maul. Nach dem Vorbild von Stenocara wollen Wissenschaftler nun Verfahren zur Wassergewinnung in Trockengebieten entwickeln.

Wie so oft wurde der vom Käfer genutzte Mechanismus von einem Forscher entdeckt, der eigentlich etwas anderes suchte. Im Jahr 2001 fiel dem Zoologen Andrew R. Parker, damals an der University of Oxford (England), ein Foto in die Hände, auf dem Käfer in der Namib-Wüste eine Heuschrecke fressen. Von den starken Winden in der Region herangetragen, hätte das Insekt im heißen Sand ohnehin nicht lange überlebt. Doch die Käfer, die sich an diesem wahrhaftigen Geschenk des Himmels gütlich taten, fühlten sich in dem Backofen anscheinend pudelwohl. Parker vermutete, dass sie über eine ausgeklügelte Hitze reflektierende Panzerbeschichtung verfügen müssten.

Tatsächlich reflektieren Stenocara-Käfer die Hitze, aber als der Forscher sie untersuchte, entdeckte er noch viel mehr. Der Rücken des Tiers besteht größtenteils aus einer wachsartigen, superhydrophoben Fläche mit vielen mikroskopisch kleinen Beulen. Außerdem aber weist er mit bloßem Auge sichtbare Erhebungen auf, deren Spitzen wachsfrei und hydrophil sind. Deshalb ziehen sie Feuchtigkeit aus dem Nebel an. Schwerkraft und die hydrophobe Umgebung sorgen dann für den Abtransport der sich bildenden Tröpfchen. In Laborversuchen mit Glasplättchen fand Parker heraus, dass diese Anordnung etwa doppelt so effizient ist wie eine glatte, einheitliche Oberfläche, sei sie nun hydrophil oder hydrophob.

Der Forscher hat sich eine künstliche Nachbildung des Käferrückens patentieren lassen, und die Firma Qinetiq, welche im Dienst des britischen Verteidigungsministeriums steht, ist dabei, daraus ein technisches Verfahren zur Gewinnung von Wasser aus Nebel in Trockengebieten zu entwickeln. Auch andere versuchen sich an der Nachahmung von Stenocara. So stellte das Team von Rubner und Cohen 2006 superhydrophobe Multischichtsysteme mit superhydrophilen Flecken aus Siliziumdioxid her. Das übertrifft den Käfer sogar; denn dessen Höcker sind nur schlicht hydrophil.

Das Jonglieren mit Superhydrophobie und -philie erlaubt auch die Steuerung von Flüssigkeitsströmen im Mikro- und Nanobereich. Daraus ergeben sich Anwendungen weit über das Reinhalten von Materialien hinaus. "Die Tatsache, dass strukturierte Flächen je nach den chemischen Bedingungen superhydrophob oder superhydrophil sein können", erklärt Rubner, "eröffnet eine Vielzahl unterschiedlichster Möglichkeiten." Besonders nützlich wären Materialien, deren Benetzbarkeit an definierten Stellen umgekehrt werden kann.

Ein solches Umschalten ließe sich mit vielen Mitteln erreichen: UV-Licht, Elektrizität, Temperatur, Lösungsmittel und Azidität. Im Jahr 2006 bewies eine Gruppe unter Kilwon Cho von der Universität Pohang in Südkorea die Machbarkeit der Idee, indem sie ein Derivat des Moleküls Azobenzol in die superhydrophobe Silikonoberfläche eines Multischichtsystems aus Polyelektrolyt und Silizium-dioxid einbaute. Die neue Fläche ist ebenfalls superhydrophob, wird bei Bestrahlung mit UV-Licht aber superhydrophil, weil das Azobenzol dann seine Konfiguration ändert. Sichtbares Licht macht den Vorgang rückgängig.

Von dieser Art der Kontrolle könnte die Mikrofluidik profitieren. Das gilt etwa für Mikroarrays, wie sie heute beim Wirkstoff-Screening und anderen biologischen Tests zum Einsatz kommen (Spektrum der Wissenschaft 9/2008, S. 96). Darin könnte man Kanäle schließen oder öffnen, indem man ihre Oberfläche lokal zwischen hydrophob und hydrophil umschaltet.

Für Barthlott, der das Potenzial hinter den Wassertropfen auf Lotusblättern erkannte, hat sich der Horizont für Anwendungen des von ihm entdeckten Effekts fast grenzenlos erweitert. Es überrascht nicht, dass er leidenschaftlicher Anwalt der Artenvielfalt ist. Schließlich könnten zahlreiche Pflanzen und Tiere nützliche Eigenschaften haben - darunter Arten, die noch unbekannt und vom Aussterben bedroht sind.

Gegenwärtig forscht Barthlott über Superhydrophobie unter Wasser. Grundlage waren Untersuchungen darüber, auf welche Weise Pflanzen wie der Wassersalat Pistia und der Schwimmfarn Salvinia Luft auf ihren Blatt-oberflächen einfangen. Nach deren Vorbild hat der findige Bonner Wissenschaftler Gewebe hergestellt, die unter Wasser vier Tage lang trocken bleiben. Ein Badeanzug, der nicht nass wird, scheint also in Reichweite. Der große Wurf aber wäre es, wenn sich auf diese Weise der Gleitwiderstand von Schiffsrümpfen verringern ließe. Statt des sonst üblichen Schmutzes häuft das Lotusblatt, wie es scheint, Gold in Form lukrativer Patente an. l

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insgesamt 16 Beiträge
eerleser 09.08.2009
... eigentlich nichts Neues. Seit fast 2 Jahrzehnten bekannt und doch tut sich eigentlich nichts wirklich. Warum? Die Wirtschaft wittert nicht einen Milliardenmarkt sondern ein Milliardenverlust! Wer braucht dann noch die [...]
... eigentlich nichts Neues. Seit fast 2 Jahrzehnten bekannt und doch tut sich eigentlich nichts wirklich. Warum? Die Wirtschaft wittert nicht einen Milliardenmarkt sondern ein Milliardenverlust! Wer braucht dann noch die Unmengen an Reinigungsmittel, neue Farbe, Desinfektionsmittel ...??? Was wird aus der Abfall- und Recyclingindustrie, aus Klärwerken, aus Henkel, IG Farben usw.? Die Patente liegen sicher schon geschützt in Schubladen der großen Konzerne und Ölmultis dieser Welt. Und erst wenn der Ölmarkt am Ende ist und sich der Reichtum nicht mehr vermehren lässt, dann wird der Joker aus der Lade gezogen. Es geht nicht um Entwicklung, um Umweltschutz, um das Allgemeinwohl, es geht um Macht und Reichtum einzelner. Ähnlich wird es bei alternativen Autoantrieben, beim 1-Liter-Auto, bei Solarstrom, Akkus, Krebs- und Malariaforschung, der weltweiten Ernährung usw. usf. sein! Hoffen wir für uns alle, das es Forscher und Unternehmer mit Gewissen gibt. Leider verdirbt Geld allzuoft den Charakter.
MattBlu 09.08.2009
Asbest ist auch einmal als die Lösung aller Probleme verkauft worden. Geblieben ist es nur als teures Problem. Die Frage ist, welche Spätfolgen der Umgang mit Nanopartikeln haben kann, denn die sind schließlich so klein, daß sie [...]
Zitat von sysopKein Traum - Nanotechniker arbeiten tatsächlich an der Entwicklung selbstreinigender Materialien und wittern einen Milliardenmarkt. Vorbild für die High-Tech-Chemie ist mal wieder die Natur.
Asbest ist auch einmal als die Lösung aller Probleme verkauft worden. Geblieben ist es nur als teures Problem. Die Frage ist, welche Spätfolgen der Umgang mit Nanopartikeln haben kann, denn die sind schließlich so klein, daß sie körpereigene Schutzmechanismen schlicht und einfach umgehen könnten. Welche Auswirkungen das hat, kann man ohne entsprechende Forschung in keiner Weise vorhersagen.
Skepper 09.08.2009
Ein weiteres großes Problem in der Verbreitung von nanoskaligen Oberflächenmodifikationen sind die zahlreichen Trittbrettfahrer und Hinterhoffirmen, die mit alchemistisch anmutenden Produkten dem geneigten Käufer das Geld aus der [...]
Ein weiteres großes Problem in der Verbreitung von nanoskaligen Oberflächenmodifikationen sind die zahlreichen Trittbrettfahrer und Hinterhoffirmen, die mit alchemistisch anmutenden Produkten dem geneigten Käufer das Geld aus der Tasche ziehen. Von 100 Firmen, die Google ausspuckt, sind 95 Fakes oder Betrüger, die Fluorcarbone, Silikonbeschichtungen oder Acryle als Nanotechnologie verkaufen und den Markt ruinieren. Und das Thema Nanopartikel wird nur von wenigen untersucht. Hervorzuheben sind die Veröffentlichungen von Oberstdörfer et al, und dem Arbeitskreis Nanocare an de rTU Karlsruhe (Prof. Krug), aber auch an der ETH Zürich wird an dem Thema geforscht.
kubitus 09.08.2009
gibt es Untersuchungen die zeigen, was diese Materialien an Sammelkosten, Recycling und/oder Endlagerung kosten? Wie sieht es mit den biologischen Risken aus? Asbest war auch ein verdammt gutes Dicht- und Isoliermaterial bis man [...]
gibt es Untersuchungen die zeigen, was diese Materialien an Sammelkosten, Recycling und/oder Endlagerung kosten? Wie sieht es mit den biologischen Risken aus? Asbest war auch ein verdammt gutes Dicht- und Isoliermaterial bis man auf seine krebserregende Wirkung durch seine Form draufkam!
Herr-Bert 09.08.2009
Leider kennen Sie sich in diesem Bereich nur wenig aus. Es wird gerade viel geforscht, um die HSE-Risiken möglichst gut voraussagen zu können. Wo es teilweise verwirrungen gibt ist die Begrifflichkeit "Nanotechnik" [...]
Zitat von SkepperEin weiteres großes Problem in der Verbreitung von nanoskaligen Oberflächenmodifikationen sind die zahlreichen Trittbrettfahrer und Hinterhoffirmen, die mit alchemistisch anmutenden Produkten dem geneigten Käufer das Geld aus der Tasche ziehen. Von 100 Firmen, die Google ausspuckt, sind 95 Fakes oder Betrüger, die Fluorcarbone, Silikonbeschichtungen oder Acryle als Nanotechnologie verkaufen und den Markt ruinieren. Und das Thema Nanopartikel wird nur von wenigen untersucht. Hervorzuheben sind die Veröffentlichungen von Oberstdörfer et al, und dem Arbeitskreis Nanocare an de rTU Karlsruhe (Prof. Krug), aber auch an der ETH Zürich wird an dem Thema geforscht.
Leider kennen Sie sich in diesem Bereich nur wenig aus. Es wird gerade viel geforscht, um die HSE-Risiken möglichst gut voraussagen zu können. Wo es teilweise verwirrungen gibt ist die Begrifflichkeit "Nanotechnik" handelt es sich hierbei um dünne Schichten oder Partikel oder...? Es ist nicht sauber definiert und daher können Sie allerlei Sachen über die Nanotechnologie finden. Fakt ist aber das die Kolloidchemie schon eine der älteren Disziplinen ist und was heute alles so unter "Nano" verkauft wird alte Hüte sind. Einen großen Teil dieser Sachen nannte man vor 20 Jahren noch Kolloide oder es hatte etwas mit Sol-Gel-Chemie zu tun. Es wäre aber falsch anzunehmen, dass sich in den letzten 20 Jahren nichts getan hätte. Es gibt viele Anwendungen der Nanotechnologie ohne dass sie genauer benannt sind. Denken Sie mal an Goldrubingläser. Die Farbe des Glases stammt von Goldkolloiden oder Goldnanopartikeln, die im Glas vorhanden sind. Wenn Sie einen LCD-Fernseher haben, dürften die Pigmente auch so eine durchschnittliche Größe von um die 100 nm haben. Titandioxidanwendungen zum Sonnenschut auch hier wird sehr viel geforscht. Oder glauben Sie, dass die Produzenten morgen die Schlagzeile lesen wollen Sonnencreme XY verursacht XY. Also man macht sich schon Gedanken bei der Entwicklung. Das dabei auch Fehler vorkommen ist nun einmal so. Nur der der sich nicht bewegt macht keine Fehler wird aber wohl auch keine neuen Produkte haben. Ach so ja im Computer wird ja auch je nach Definition Nanotechnologie verwendet.....
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