Das Sterben im Stillen läuft mit bedrückender Stetigkeit. Immer wieder verschwinden Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich von unserer Erde. Umweltverschmutzung, stetige Abholzung von Wäldern und die Überfischung der Meere sind nur einige der Gründe dafür. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen - und doch kann man sich ein Bild von der Dramatik des Prozesses machen: Nach einem Bericht der Weltnaturschutzorganisation IUCN aus dem Sommer droht rund 17.000 Tierarten die Ausrottung. Beinahe 900 Tierarten seien bereits verschwunden, sagen die IUCN-Statistiker. Da aber nur ein Bruchteil der 1,8 Millionen bekannten Arten analysiert wurden, dürften die realen Zahlen noch weit höher liegen.
Wenn eine Art verschwindet, dann nimmt nicht nur die Biodiversität auf der Erde irreparablen Schaden, auch andere Arten müssen darunter leiden. Auch Spezies, die eng oder sogar kaum in Beziehung zu der gerade ausgestorbenen Art standen, könnten betroffen sein. "Artenschutz befasst sich meistens nur mit einer einzelnen Art", sagt Forscher Allesina von der University of California in Santa Barbara im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir wollten zeigen, wie sehr wir berücksichtigen müssen, dass die Arten voneinander abhängig sind."
Zusammen mit seiner Kollegin Mercedes Pascual von der University of Michigan in Ann Arbor hat er einen neuen Ansatz entwickelt, mit dem sich die Folgen des großen Sterbens berechnen lassen - mit einem ziemlich ungewöhnlichen Hilfsmittel: Im Fachmagazin "PLoS Computational Biology" berichten beide, wie sie den Algorithmus der Suchmaschine Google für die zunächst grundsätzlich anders anmutende Biologie-Aufgabe einsetzten.
Der "Page Rank"-Algorithmus von Google weist einer Web-Seite jeweils einen Wert zu, der ihre Bedeutung misst. Dieser Wert wird daraus bestimmt, wie viele andere Web-Seiten auf dieses Angebot verweisen. Je mehr, desto besser, lautet dabei die Regel. Denn nur Wichtiges wird vor anderem aufgeführt - zumindest, wenn man im Fall von Google betrügerische Machenschaften ausschließt. Das Ranking einer Web-Seite steigt weiter, wenn von einer - idealerweise möglichst wichtigen - anderen Web-Seite auf sie verwiesen wird.
Ranking-Konzept auch für Arten übernommen
Dieses Ranking-Konzept übernahmen Allesina und Pascual nun auch für Arten: Sie fragten sich, wie beim Aussterben einer Art ein bestimmtes Ökosystem am schnellsten zusammenbrechen würde. "Es gibt zahlreiche Gründe, warum Arten verschwinden können", sagt Forscher Allesina. "Wir haben uns mit dem Futtermangel auf einen einzigen konzentriert." Mit dem Google-Algorithmus konnten die Forscher diejenigen Spezies identifizieren, die besonders wichtig sind, um eine bestimmte Nahrungskette funktionsfähig zu halten.
Getestet wurde der neue Algorithmus an zwölf verschiedenen Nahrungsketten, die in der Wissenschaft als Referenzmodelle genutzt werden. In ihnen gibt es jeweils zwischen 25 und 124 Arten, darunter in jedem Fall auch mehrere Pflanzen.
Um den Google-Algorithmus, dessen Konzept im Prinzip auch schon Jahrzehnte vor der Geburt der Suchmaschine bekannt war, auch auf das Leben anzuwenden, mussten die Forscher allerdings einen Trick verwenden: Sie schufen eine virtuelle Art, um die Nahrungsketten problemlos zu einem Kreis zu schließen. Sie übernimmt die Aufgabe der Nährstoffherstellung aus gestorbenen Individuen, die dann wieder Pflanzen sprießen lassen. So kann der Kreislauf im Prinzip von vorn beginnen - so lange alle Arten noch existieren.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH