25 Jahre sind seit der großen äthiopischen Hungersnot in den achtziger Jahren vergangen, beispiellose Großzügigkeit hat Europa gegenüber seinen Mitmenschen vom anderen Kontinent gezeigt. Natürlich werde ich immer wieder gefragt, ob sich all die Bemühungen überhaupt gelohnt haben. Was haben sie in Äthiopien und in Afrika als Ganzes überhaupt verändert? Meine Antwort: eine ganze Menge - mit allen Vor- und Nachteilen.
Erst vor kurzem war ich wieder in Äthiopien, wo Veränderung in beiden Richtungen offenkundig sind. Auf der positiven Seite steht das Wirtschaftswachstum, das einen Boom erlebt hat: Äthiopiens Wirtschaft ist eine der fünf am schnellsten wachsenden weltweit. Doppelt so viele Kinder gehen inzwischen zur Schule, die Sterberaten durch Malaria haben sich halbiert, die Zahl der HIV/AIDS-Erkrankungen sinkt. Immer mehr Leute besitzen ein Mobiltelefon (es wären noch mehr, wenn der Mobilfunk privatisiert würde). Immer mehr Straßen verbinden abgelegene Gemeinden mit Märkten und Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.
Vor allem aber haben bessere Verteilungs- und Frühwarnsysteme dazu beigetragen, dass in diesem Jahr, wie in den 18 Jahren zuvor, eine Hungersnot abgewendet werden konnte - auch wenn viele Menschen noch auf Hilfe angewiesen sind. Zweifelsohne könnte die Regierung mehr Transparenz an den Tag legen, aber im Großen und Ganzen ist Äthiopien ein Land, das Fortschritte macht - ebenso wie der gesamte Kontinent.
Aber es zeichnen sich auch negative Veränderungen ab: das Klima. Viele Dorfbewohner, denen ich begegnet bin, sehen Mitte der achtziger Jahre als den Zeitpunkt an, ab dem sich das Wettergeschehen zu verändern begann. Seither sei der Regen immer mehr zu einer unbeständigen Komponente geworden, die sie dazu zwinge, ihre Landwirtschaftsmethoden grundlegend zu ändern.
Der soziale Zerfall hat schon begonnen
Die Dorfgemeinden, die wir in der nordäthiopischen Provinz Tigray besucht hatten, mussten die Monate des Jahres umbenennen, weil sich diese von den Jahreszeiten her ableiten. Inzwischen haben sie das aufgegeben, weil sich die Jahreszeiten so schnell verändert haben. Die Menschen erzählten uns, wie ihre Einnahmen durch die Landwirtschaft gesunken sind, weil sich die Niederschlagsmengen verringerten. Das wiederum belastete das gesellschaftliche Gefüge: Diebstähle wurden alltäglich, Kinder zur Arbeit gezwungen.
Wenn wir den sozialen Zerfall, den wir derzeit in Äthiopien beobachten, weiterhin zulassen, dann erwartet uns eine düstere Zukunft. Extreme Armut und der Klimawandel sind die treibende Kraft eines Teufelskreises, der die Dörfer und Gemeinden für extremistische Politikformen angreifbar macht. Doch eine Spur der Armut und Labilität, die sich von der Sahelzone bis in die Sahara zieht, würde einem Europa, das nur unweit im Norden liegt, schlecht zu Gesicht stehen. Diese Spur lässt sich vermeiden.
Die Spannungen zwischen den positiven und negativen Veränderungen in Äthiopien sind spürbar. Welche die Oberhand behält, hängt zum Teil davon ab, welche Entscheidungen die Äthiopier treffen. Zum Teil hängt es aber auch von uns ab. Es geht nicht darum, dass wir Opfer bringen. Vielmehr bieten sich uns neue Möglichkeiten. Man mag an den wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel glauben oder nicht - es ist unumgänglich, dass sich unsere Wirtschaft daran anpasst. Und es gehört zu unseren wirtschaftlichen Grundprinzipien, in den Wandel zu investieren.
Grüne Jobs auf dem Vormarsch
Die Ineffizienz der fossilen Brennstoffindustrie wird durch saubere und günstige erneuerbare Energiequellen ersetzt. Emissionshandel wird ein bedeutender Industriezweig der nahen Zukunft sein. China investiert in erneuerbare Energiequellen, Deutschland hat es bereits getan - dort sind die grünen Jobs auf dem Vormarsch und der am schnellsten wachsende Berufszweig. Anstatt diese unaufhaltsamen Prozesse zu ignorieren, sollte Europa seine Chance wahrnehmen, um nicht zurückzufallen.
Vom Emissionshandel etwa könnten Deutschland und Äthiopien gemeinsam profitieren: So könnten beispielsweise Baumschulen zum Einfangen von CO2 eine neue Geldquelle für Afrikas Landwirte werden - sofern die richtigen Rahmenbedingungen in Kopenhagen verhandelt werden.
In die afrikanische Landwirtschaft zu investieren, sowohl durch private als auch durch staatliche Förderung, ist kritisch - es kann sich aber auch als höchst profitabel erweisen. Von all unseren unerfüllten Versprechungen, sind die Versprechungen reicher Länder für die Landwirtschaft besonders entscheidend.
Der Premierminister Äthiopiens, Meles Zenawi, Afrikas führender Verhandlungspartner beim Klimagipfel in Kopenhagen, sagte mir resigniert, er sei skeptisch was die "Blüten" und die "doppelte Buchführung" der internationalen Staatengemeinschaft angehe. Wir sprachen über die Zusagen führender Nationen über neue Finanzhilfen für die Landwirtschaft, die die Staaten beim vergangenen G-8-Gipfel in Italien abgegeben hatten - Geld, das dazu gedacht war, die globale Hungerkrise zu bekämpfen, und was sich drastisch auf die Lebensmittelpreise auswirken wird. Wir sprachen über die möglichen finanziellen Zusicherungen, die der Klimagipfel in Kopenhagen hervorbringen könnte, um arme Länder dabei zu unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen. Doch Zenawi fürchtet, dass die führenden Nationen einen Etikettenschwindel betreiben und das Geld für den Klimawandel aus den Töpfen für den Klimaschutz entnehmen.
Angela Merkel weiß, was für einen fairen Kompromiss nötig ist
Bedauerlicherweise wurden Zenawis Befürchtungen bestätigt. Die Bundesregierung hat zusätzliche finanzielle Hilfen für Klimaschutz und Anpassung abgelehnt, die über die bereits versprochenen Entwicklungshilfe hinausgehen.* Angela Merkel will, dass Kopenhagen ein Erfolg wird. Ich bin mir sicher, sie weiß, was für einen fairen Kompromiss für die ärmsten Länder der Welt von Nöten ist.
Vor 25 Jahren handelte die Geschichte von einem hungernden Afrika. Jetzt, trotz andauernder Lebensmittelknappheit in manchen Regionen, gibt es eine neue Geschichte. Sie wird getragen von trockenen Statistiken und handelt von einem aufsteigenden Afrika, dem letzten Kontinent, der sich noch entwickeln muss. Mit einer aufkeimenden Mittelschicht und 900 Millionen Herstellern und Konsumenten wird Afrika enorme Erlöse in den kommenden Jahrzehnten einbringen.
Wir müssen mit den Menschen dieses Kontinents zusammenarbeiten, so wie wir es versprochen haben, um der globalen Wirtschaft und des globalen Klimas willen, und weil wir sie in den nächsten 25 Jahren vielleicht einmal mehr brauchen werden als sie uns.
*Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat die Bundesregierung ihre Zusagen zur Klimahilfe nachgebessert .
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Es war abzusehen, dass sich Angela Merkel und die derzeitige deutsche Regierung den "faulen Kompromissen" in Kopenhagen anschließen. Unsere Regierung betreibt ja gerne die Taktik des Hinhaltens und des Sichdrückens vor [...] mehr...
von einer Weltgegend in die andere bringt, wäre ich vorsichtig. Man siehe sich nur Australien an mit seinen Kamelen, Pferden, Kaninchen und Ochsenfröschen an. Bei den Pflanzen war es eine Kakteenart, welche im Outback dort als [...] mehr...
Ich bin wahrlich kein Bauer - aber soooo einfach ist das keineswegs. Jegliche Pflanze wächst nur auf dem passenden Boden, ansonsten sind jahrzehnte lange Züchtungen angesagt. Und die "Kartoffel" dümpelte auch in [...] mehr...
Vielleicht bringt der Anstieg der Bevoelkerung in den letzten 25 Jahren von 44 auf 80 Millionen den sozialen Verfall... mehr...
Mehr Geld für Afrika wäre zunächst mal mehr Geld für die Entwicklungsindustrie in Europa und für die städtischen Eliten in Afrika. Was davon übrig bleibt wirkt zumeist nur auf engem lokalen Bereich da wo das jeweilige Projekt [...] mehr...
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