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19.12.2009
 

Gescheiterter Gipfel

Mit Vollgas ins Treibhaus

Ein Kommentar von Markus Becker, Kopenhagen

Was für ein Fiasko: Der Klimagipfel von Kopenhagen ist an knallharter Interessenpolitik der USA, Chinas und vieler anderer Staaten gescheitert. Wie katastrophal der Klimawandel wirklich wird, werden wir vermutlich bald erleben - im globalen Treibhaus-Experiment.


Der Weltklimagipfel in Kopenhagen ist gescheitert. Es wird keine konkreten Ziele für die Senkung des Treibhausgasausstoßes geben. Die Industriestaaten haben den Entwicklungsländern keine konkreten Hilfsangebote gemacht. Schwellenländer wie Indien und China können ihre Wirtschaft ungebremst weiter wachsen lassen.

Die Konferenz, die Wissenschaftler, Umweltschützer und Politiker zu einer der wichtigsten der Geschichte erklärt hatten, ist zur verpassten Chance geworden. Dabei könnte sie die letzte im Kampf gegen den Klimawandel gewesen sein.

17 Jahre haben die Regierungen dieser Welt gebraucht bis zum Gipfel von Kopenhagen. 17 Jahre des Redens, des scheinbar endlosen Verhandelns, der ideologischen Debatten, des Hinhaltens, des Taktierens. 17 Jahre sind vergangen seit dem ersten Treffen von Rio 1992. 17 Jahre, in denen Lösungen gesucht wurden, um der Bedrohung durch den Klimawandel zu begegnen. Und nun das. Viele Hoffnungen sind zerborsten, die sich seit 1992 aufgetürmt hatten.

Bis kurz vor Schluss hatte es ausgesehen, als könne ein Scheitern in Kopenhagen noch verhindert werden. In letzten Entwürfen der Abschlusserklärung stand nicht nur, dass die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit beschränkt werden soll - sondern auch, wie man das anzustellen gedenkt. 80 Prozent weniger Treibhausgasausstoß bis 2050 und sogar die Aussicht auf ein Mittelfrist-Ziel bis 2020 wurden genannt.

Ein einziges Zugeständnis hat Obama gemacht - nicht mehr

Am Ende blieb in dem Mini-Kompromissentwurf, auf den sich die rund 30 führenden Staaten am Freitagabend geeinigt haben, nur die Zwei-Grad-Marke übrig - ohne konkrete Vorgaben für die kommenden Jahrzehnte. Man legte sich einfach unverbindlich auf jene Grenze fest, die Wissenschaftler als Schwelle zur Klimakatastrophe ausgemacht haben. Diese Zwei-Grad-Grenze dürfte allerdings nun, angesichts des Fiaskos von Kopenhagen, nicht mehr zu halten sein.

Kein Wunder, dass der Kompromissplan der 30er-Gruppe gleich nach seiner Präsentation im großen Plenum von vielen anderen der insgesamt 192 Staaten zerfetzt wurde. Vor allem die existentiell bedrohten Länder sehen in ihm keine Lösung.

Jetzt droht Stillstand in der globalen Klimapolitik. Und die Folgen dieses Stillstands werden zuerst die Ärmsten der Armen zu spüren bekommen. Stürme und Überschwemmungen werden voraussichtlich noch heftiger als zuvor über sie hereinbrechen. Ihre Ernten werden öfter verdorren. Das Abschmelzen der Gletscher droht vielen Millionen Menschen die Wasserversorgung und damit die Lebensgrundlage entziehen. Auch die Industriestaaten werden nicht von den Folgen verschont bleiben - allerdings dank ihrer technischen und finanziellen Mittel weit besser damit fertig werden.

Das Debakel von Kopenhagen ist auch das Debakel von Barack Obama. Ein einziges Zugeständnis hat der US-Präsident bei dem Gipfeltreffen gemacht: Er sagte zu, sich an Finanzhilfen für arme Länder zu beteiligen. Diese sollen mit dem Geld in die Lage versetzt werden, die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen und ihr Wirtschaftswachstum umweltfreundlicher zu gestalten, als es die etablierten Industriestaaten getan haben. 100 Milliarden Dollar jährlich sollen es ab 2020 sein - "eine Menge Geld", prahlte Hillary Clinton in Kopenhagen. Zum Anteil der USA an diesem Betrag schwieg sie allerdings. Und auch der Mini-Kompromissentwurf des "Copenhagen Accords", der von den führenden Nationen ausgearbeitet wurde, verschafft bezüglich dieser Frage keine Klarheit.

Ausgerechnet die USA halten die Ergebnisse für kümmerlich

Dafür enthält er ein anderes Detail über die Spendierfreude der USA. An der Soforthilfe für die armen Länder von 2010 bis 2012 wollen sie sich mit insgesamt 3,6 Milliarden Dollar beteiligen. Zum Vergleich: Die EU bringt 10,6 Milliarden Dollar auf, rund dreimal so viel. Japan steuert gar elf Milliarden bei.

In den armen Ländern wird man vermutlich nicht wissen, ob man über den US-Anteil lachen oder weinen soll.

Ausgerechnet die USA, die in den vergangenen 17 Jahren beim Klimaschutz heftig gebremst haben, kritisierten am Ende den von ihnen mitverhandelten Kompromissplan der 30er-Gruppe als ungenügend. "Er reicht nicht aus, um die Bedrohung durch den Klimawandel zu bekämpfen", sagte ein Unterhändler. Als ob die US-Politik in ihrer Gesamtheit je wirklich Interesse daran gehabt hätte. Und Obama, der für einen Neuanfang stand, hat die Zweifel an der Ernsthaftigkeit der US-Klimapolitik keineswegs beseitigt.

Kaum besser haben sich die großen Schwellenländer verhalten, allen voran China. Auch für sie gehen die kurzfristigen Wirtschaftsinteressen vor dem langfristigen Wohlergehen der Menschheit. Mit der Weigerung, seine Klimaschutzmaßnahmen internationalen Kontrollen zu unterwerfen, dürfte China entscheidend zum Scheitern des Gipfels beigetragen haben.

Der Kollaps von Kopenhagen bestätigt jene, die den Klimawandel für ein Hirngespinst von Wissenschaftlern, linken Politikern und Panik machenden Medien halten. Und all jene, die die Menschheit schlicht für unfähig halten, eine Bedrohung wie den Klimawandel in einer kollektiven Anstrengung zu lösen.

Es rächt sich, dass sich der Mensch die Gefahr nicht vorstellen kann

Diese Haltung ist übrigens keineswegs reiner Zynismus. Sie kann in einer gewissen Einsicht über die menschliche Natur gründen. Der Mensch handelt aus persönlicher Erfahrung. Viele haben Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass eine Seuche ganze Landstriche entvölkern kann - obwohl dergleichen schon oft vorgekommen ist. Ähnliches gilt für Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge, die ganze Regionen oder gar Kontinente verwüsten. Der Klimawandel aber ist in dieser Hinsicht noch gefährlicher. Denn er ist gleich in mehrfacher Hinsicht ohne Beispiel:

  • Kein Krieg und keine Seuche hat jemals mehr als eine Handvoll Staaten zugleich betroffen, auch die Gefahr eines Atomkriegs nicht. Der Klimawandel aber betrifft praktisch die gesamte Menschheit.
  • Er müsste schnell bekämpft werden, obwohl seine schlimmsten Folgen in der Zukunft liegen und nicht unmittelbar drohen.
  • Seine Bekämpfung erfordert revolutionäre Veränderungen der Lebensweise großer Teile der Menschheit.
  • Er verlangt nach der Zusammenarbeit von Gesellschaften, deren Interessen unterschiedlicher nicht sein könnten; zum Beispiel von Ölstaaten, die von fossilen Brennstoffen leben, und Inselstaaten, die um ihre Existenz bangen.

Es läuft der menschlichen Psyche zuwider, eine solche Gefahr wahrzunehmen - geschweige denn, sie entschlossen und unter Opfern zu bekämpfen. Leider stellt der Mensch den kurzfristigen Erfolg allzu oft über die langfristige Planung.

Das wird schon an banalen Alltagsdingen klar. Man kann noch so oft sagen, dass eine Energiesparlampe auf die Dauer Geld spart - sieht ein Mensch im Supermarkt die 99-Cent-Glühbirne neben der teureren Energiesparlampe, greift er zu oft zu ersterer. Und glaubt am Ende noch, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Wissenschaftliche Studien, die ähnliche Effekte nachweisen, füllen in Bibliotheken ganze Regalwände.

Nun kommt beim Klimawandel hinzu, dass die Welt kein politisches Instrument besitzt, um ein solches Problem wirkungsvoll anzugehen - Kopenhagen hat es bewiesen. So viele Staats- und Regierungschefs und so viel Druck von außen werden vielleicht nie wieder zusammenkommen, um die Welt zu vereinen und eine Entscheidung im gemeinsamen Interesse herbeizuführen.

Gereicht hat es trotzdem nicht. Es wird jene geben, die sagen, dass es wegen der Unzulänglichkeit des Menschen nicht reichen konnte, nie reichen wird.

Möglich, dass sie Recht haben.

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