• Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.12.2009
 

Gipfel-Desaster

Oberster Klimaschützer verdammt Tatenlosigkeit

Aus Kopenhagen berichtet Gerald Traufetter

Wertvolle Zeit, sinnlos vertan: Der Chef des Uno-Klimarats geht nach dem Gipfel in Kopenhagen hart mit den Staatenlenkern ins Gericht. Das umstrittene Abschlussdokument enthalte keine einzige konkrete Zahl, die Politiker hätten den Ernst der Lage wohl noch nicht begriffen.


Rajendra Pachauri ist der Hüter jener zwei entscheidender Zahlen: 2 und 750. Wegen dieser beiden Zahlen sind 130 Staatschefs nach Kopenhagen gekommen, die Milliardensummen bewegen und damit die Erwärmung der Erde stoppen wollen.

Pachauri ist der Chef des Uno-Weltklimarates IPCC. Er hat mit mehr als tausend Wissenschaftlern herausgearbeitet, dass die globalen Temperaturen um nicht mehr als zwei Grad steigen dürfen - was nichts anderes bedeutet, als dass die Menschheit nur noch 750 Gigatonnen Treibhausgase ausstoßen darf.

Und jetzt das: Am Ende des Gipfels ringt der Wissenschaftler sichtlich darum, der Kopenhagener Vereinbarung irgendetwas Positives abzugewinnen. "Das Papier ist nur der Beginn der Arbeit an einem echten Vertrag", sagt er SPIEGEL ONLINE. Er lege, und das sei das einzig Positive, zwei Fundamente: Einerseits das Zwei-Grad-Ziel. "Das ist für uns Forscher ein Erfolg. Erstmals ist es in ein politisches Ziel umgesetzt", sagt der Energieexperte. Andererseits habe man jetzt ein Regelwerk, mit dem künftig die Einhaltung der Emissionsreduzierungen überwacht werde. "Da hat sich zum Glück nicht die Sprache Chinas durchgesetzt", sagt Pachauri.

"Wertvolle Zeit verspielt"

Doch dann geht er hart ins Gericht mit den mehr als 10.000 Delegierten, die bis weit ins Wochenende hinein um das Abkommen gerungen haben. "Ich finde darin keine einzige konkrete Zahl", klagt der IPCC-Chef. Man habe wertvolle Zeit verspielt. "Und jedes Jahr, das wir verlieren, lässt die Summen explodieren, die uns die Begrenzung des Klimawandels später kosten wird."

Doch damit nicht genug: Der Inder hat in Kopenhagen einen gefährlichen Stimmungswandel ausgemacht. "Bei der letzten Klimakonferenz in Bali lag eine positive Atmosphäre über allem, endlich das Problem anzupacken", sagt er SPIEGEL ONLINE. Dieser Geist sei fast vollständig verloren.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: US-Präsident Barack Obama müsse wegen des schwebenden Klimagesetzes im Senat Rücksicht auf die Innenpolitik nehmen. Die Chinesen, die mit einem von früher unbekannten Maß an Selbstbewusstsein aufgetreten seien, würden an ihrem nächsten Fünf-Jahres-Wirtschaftsplan arbeiten. "Dies hat in Kopenhagen eine echte Einigung verhindert", sagt Pachauri.

Er hofft nun, dass in den Verhandlungen des kommenden Jahres diese beiden Hindernisse weggeräumt seien. "Wenn dann noch die Weltwirtschaft wieder anspringt, bekommen wir hoffentlich wieder eine neue Dynamik in den Prozess", macht er sich Mut. Die Chinesen hätten signalisiert, mehr Treibhausgase einsparen zu wollen.

"Klimawandel kann nur global gelöst werden"

Doch bis dahin steht erstmal Manöverkritik im Vordergrund. Denn nach der desaströsen Verhandlungsnacht werden die Stimmen lauter, die eine neue, effektivere Institution fordern als jene Mammutkonferenz der 192 Staaten. Diese Kritik aber teilt Pachauri nicht: "Wir haben keine Alternative. Der Klimawandel ist ein globales Problem und kann folglich nur im Einvernehmen aller gelöst werden", sagt er - auch weil es um die Finanzierung der Klimaschäden geht. "Deshalb müssen alle Staaten mit am Tisch sitzen."

Bis das geschafft ist, macht Pachauri das, was er seit Jahren tut: Er wird mit dem IPCC weiter die wissenschaftliche Botschaft über den Klimawandel verbreiten und damit die Politik vor sich hertreiben. "Die Politiker müssen sich der Wahrheit stellen und handeln", sagt er - und hofft dabei auch auf die Wirkung des nächsten IPCC-Berichts.

Der wird 2014 erscheinen und - wenn es nach Pachauri geht - die Diskussion noch einmal ordentlich anfeuern. Dann könnten die in Kopenhagen erzielten Vereinbarungen hoffentlich schon im gleichen Jahr überprüft und überarbeitet werden.

Eine Pause aber gönnt er weder sich noch dem Rest der Welt: "Wir müssen gleich nach den Weihnachtsferien die Verhandlungen für verbindliche Ziele aufnehmen. Sonst verlieren wir das Momentum von Kopenhagen vollständig." Wenn die Diplomaten und Politiker aus ihrem Erschöpfungsschlaf aufwachten, würden sie den Ernst der Lage begreifen.

Und als ob das nicht genug sei, warnt Pachauri, der Hüter jenes nüchternen Zahlenwerks über den schlechten Zustand der Erde, die Staatslenker noch einmal ausdrücklich davor, den Klimawandel als ein Problem zukünftiger Generationen abzutun: "Die Auswirkungen werden sie noch in ihrer eigenen Amtszeit zu spüren bekommen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4346 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.12.2009 von cluster15: jetzt mal Tacheles

Tja, was man Sie was schlimmer wird, Wortklauben oder Datenklauben..... Keine Ahnung was Sie meinen, der lineare Trend zeigt einen Anstieg von etwas mehr als 0.4 Grad Celsius Warum 1940 oder 1970? Von 1930-1970 ist [...] mehr...

21.12.2009 von cluster15: A posteriori

Kausalketten im Nachhinein konstruieren zu können, heißt nicht in jedem Fall, dass die Ereignisse tatsächlich in der Abfolge als solche im Vorhinein geplant waren (schönes Beispiel wäre das Minenfeld der Evolution). Ich hatte [...] mehr...

21.12.2009 von snoopdog: Beamtenspeech.

... und falls das Klima sich nicht reglementskonform entwickeln will, dann ist fristgemäß bis spätestens 31.12.09... Beamtenspeech pur ... hoffentlich kriegen Sie Ihre Kaffeepause eben so zuverlässig geregelt mehr...

20.12.2009 von denkmal!:

[QUOTE=Blackjack51;4733832][QUOTE=denkmal!;4733314]Also ich bin meinen chinesischen Solarzellen absolut zufrieden. Sie überteffen sogar die angegebenen Werte. ---Zitat--- Hast du die Panels messen lassen? Das können nur wenige [...] mehr...

20.12.2009 von de.nada: Hatte was zu erledigen. ;)

Ich weiß nicht wie ehrlich "Die Welt" ist. Ich weiß nicht mal ob die Welt weiß was PR ist und was nicht. (hoffentlich erscheint nur dieses) mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote

Ergebnis des Klimagipfels

Der Kopenhagener Klimagipfel ist mit einem unverbindlichen Abkommen zu Ende gegangen. Hätte man den Gipfel lieber scheitern lassen sollen?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.


Kernpunkte der Kopenhagener Vereinbarung

Langfristige Ziele

Der weltweite Ausstoß klimaschädigender Gase muss drastisch gesenkt werden. Die Emissionen sollen soweit gedrosselt werden, dass die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius beschränkt bleibt.

Zwei-Grad-Ziel

Treibhausgase

Rechtliche Bindung

Finanzhilfen für arme Länder

Wälder

Überprüfung

Verbindlichkeit

Multimedia-Special


Wer wie viel CO2 reduzieren will

EU

Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.

Russland

USA

Japan

Brasilien

China

Indien

Australien


Der lange Weg zum Klimaschutz

1988

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.

1992

1994

1997

2005

2007

2009




TOP



TOP