ThemaKlimawandelRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.01.2010
 

Recherchepanne

Weltklimarat schlampte bei Gletscher-Prognosen

Von Gerald Traufetter

Klimaforscher in Erklärungsnot: Das Uno-Wissenschaftlergremium IPCC hat das Verschwinden der Himalaja-Gletscher bis 2035 vorausgesagt - aber das beruht offenbar auf peinlichen Fehlern. Ein Forscher wirft dem Weltklimarat vor, Zahlen falsch und ungeprüft übernommen zu haben.


Die Recherche kostete Graham Cogley drei Tage und Nächte. Er googelte indische Zeitungen, durchkämmte wissenschaftliche Datenbanken. Das Ergebnis seiner Recherche habe ihn "maßlos enttäuscht".

Denn der kanadische Geograf hat mit seiner Detektivarbeit dem Uno-Weltklimarat IPCC den bislang peinlichsten wissenschaftlichen Fehler nachgewiesen. Es geht um die Gletscher des Himalaja und die Aussage im über 2000 Seiten starken Bericht des IPCC aus dem Jahre 2007 zum Stand der Klimaforschung. Demnach sei es "sehr wahrscheinlich", dass die Gletscher des höchsten Gebirges der Welt schon bis 2035 verschwunden seien.

Und auch eine Angabe des Gletscherrückganges findet sich dort im Kapitel 10.6.2 auf Seite 493: "Seine Gesamtfläche wird wahrscheinlich bis ins Jahr 2035 von derzeit 500.000 Quadratkilometer auf 100.000 Quadratkilometer schrumpfen." Klimaschützer und Politiker griffen diese Passage aus dem IPCC-Bericht schnell auf. Denn wenn die Gletscher schmelzen, dann sei die Versorgung mit Wasser für Milliarden Menschen in Asien, vor allem in Indien und in China, gefährdet.

Doch jetzt löst sich diese Behauptung des Wissenschaftlergremiums in Luft auf, dank Cogleys hartnäckiger Suche. Als Quelle gibt der IPCC einen Bericht der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) an. Doch schnell merkte Cogley, dass deren Quelle keine wissenschaftliche Untersuchung in einem von Forscherkollegen begutachteten Fachmagazin (peer-reviewed journal) war. "Ich fand einen Artikel des populärwissenschaftlichen Magazins 'New Scientist' aus dem Jahre 1999, das einen indischen Gletscherforscher interviewt hat", so berichtet der Klimatologe SPIEGEL ONLINE.

"Das muss einem aufstoßen"

Dann wurde es ein wenig kniffliger. Woher stammt die Zeitangabe: 2035? Cogley googelte weiter und fand einen Artikel in einer indischen Zeitung. Lange hatte er schon an den Aussagen des IPCC über Himalaja-Gletscher gezweifelt, denn selbst bei gigantischen Abschmelzraten würden die bisweilen mehrere hundert Meter dicken Eismassen kaum bis 2035 abgeschmolzen sein. "Das muss einem schon beim oberflächlichen Lesen falsch aufstoßen", sagt Cogley.

Doch dann schlägt sein Verdruss in Wut um. Denn er findet tatsächlich eine wissenschaftliche Veröffentlichung, in dem das Schrumpfen des Himalaja-Eises von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer prognostiziert wird. Sie stammt von Vladimir Kotlyakov, einem Doyen der russischen Gletscherforschung, aus dem Jahre 1996.

Doch Kotlyakov hat damals nur eine grobe Berechnung angestellt, und das Schrumpfen schätzte er weit weniger dramatisch ein: Im Jahre 2350 könnte nur noch ein Fünftel des Himalaja-Eises vorhanden sein, und nicht im Jahre 2035, was immerhin ein Unterschied von 315 Jahren ausmacht. "Es fällt mir schwer, vorzustellen, wie sich ein so grober Fehler durch alle Kontrollinstanzen des IPCC durchsetzen konnte", schäumt Cogley.

Auch er ist ein Autor des IPCC-Berichtes. Was ihn besonders aufregt ist, dass mit einer solchen Fehlleistung die Glaubwürdigkeit des Gesamtwerkes leidet. "Dummerweise ist die Himalaja-Passage von der Öffentlichkeit so schnell aufgegriffen worden", klagt Cogley. Der Schaden für den IPCC sei deshalb besonders groß.

Und genau solch eine Affäre kommt für die Klimaforschung gerade zur Unzeit. Denn die Forscher stehen seit vergangenem Herbst bereits unter Druck, nachdem Hacker Hunderte von E-Mails vom Server der Climate Research Unit der Universität von East Anglia gestohlen und im Internet publiziert haben.

Zweifler reiben sich die Hände

Gerne aufgegriffen werden diese Informationen von Skeptikern, die den Klimawandel für eine große Verschwörung halten. Auch deshalb versuchen die Klimaforscher, ihre eigene Arbeit nicht im Lichte der Öffentlichkeit kritisch zu beleuchten. Der Weltklimarat IPCC tritt nach den neuerlichen Vorwürfen nun die Flucht nach vorne an. "Wir werden uns die Sache mit den Himalaja-Gletschern anschauen und eine Position dazu in den nächsten Tagen einnehmen", verspricht IPCC-Chef Pachauri.

Der Inder gerät auch in seinem Heimatland in dieser Sache unter starken politischen Druck. Im November letzten Jahres hat der indische Gletscherforscher Vijay Kumar Raina eine Studie im Auftrag des dortigen Umweltministeriums veröffentlicht, die zu dem Ergebnis kam, dass "viele" indische Himalaja-Gletscher in den letzten Jahren stabil seien oder sich vergrößert haben und die Schrumpfrate "vieler anderer" sich verringert habe.

IPCC-Chef Pachauri hat diese Studie postwendend als "Voodoo-Wissenschaft", beschimpft. Der Auftraggeber der Studie, der indische Umweltminister Jairam Ramesh, ließ gestern mit Genugtuung verlauten: "Ich hatte recht mit den Gletschern." Reagiert hat auch die Naturschutzorganisation WWF, die im IPCC-Bericht als Quelle für das apokalyptische Szenario hergehalten hat. Kleinlaut heißt es dort: "Obwohl Wissenschaftler zutiefst besorgt sind über den Rückzug der Gletscher in dieser Region, hat sich diese bestimmte Vorhersage als falsch erwiesen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 287 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.02.2010 von Dion: Lieber warmeres Klima als eine neue Eiszeit

Die Enden der letzten 5 Eiszeiten wurden durch einen Temperaturanstieg eingeleitet, dem jeweils der Anstieg des Kohlendioxids mit einer Verzögerung von 200 bis 800 Jahren folgte. Diese globalen Temperaturveränderungen sind [...] mehr...

31.01.2010 von orwell84: Erkennt der Ideologe sich im Spiegel??

[QUOTE=iceland62;4887602] Ich hab einen lachkrampf bekommen, als ich gelesen habe, das Erdöl abiotisch ist und im Erdkern automatisch nachwächst................ Es sind meist die Ideologen, die es zuletzt bemerken, wenn [...] mehr...

23.01.2010 von iceland62: Keine Schlampige Recherche mehr: Blanker Unsinn

Das sind nun aber leider keine Argumente, sondern Trivialitäten, die darauf hinauslaufen, dass an den große unbekannten klimaverursachende Naturgnom oder sowas ähnliches geglaubt wird. Wissenschaft beschäftigt sich damit, wie [...] mehr...

21.01.2010 von trabeler: Waere es...

Waere es nicht genauso verlogen gewesen, wenn er im Kleinwagen, Goggo oder auf einem eierigen Fahrrad demonstrativ angekommen waere? Solche demonstrativen Aktionen nehmen nur wir an unseren gruenen Abgeordneten ernst. Siehe [...] mehr...

21.01.2010 von cosmo72: Privatjet egal - das verlogene Gelaber nervt!

Es ist mir vollkommen gleich, ob der Charles nen Privatjet hat - *es nervt die Verlogenheit und Arroganz damit zum Klimagipfel zu jetten!* Falls das in UK mit der Armut und dem Absturz noch 2-3 Jahre so weitergeht, hat er Glück, [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Klimawandel

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Ziele

ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...

Arbeitsgruppen

Ergebnisse bisher







TOP



TOP