London - Jetzt wird es noch ungemütlicher für den Chef des Uno-Weltklimarates IPCC: Rajendra Pachauri soll bereits vor der Klimakonferenz in Kopenhagen gewusst haben, dass die drastische Prognose seines Rates zum Schmelzen der Himalaja-Gletscher falsch war. Das berichtet die britische "Times". Der Klimarat hatte vorausgesagt, dass die Gletscher bis zum Jahr 2035 höchstwahrscheinlich geschmolzen seien - was sich als fatale Panne herausstellte. Der Rat korrigierte die Einschätzung um gut 300 Jahre.
Dem "Times"-Bericht zufolge wusste Pachauri bereits seit zwei Monaten von dem Fehler, machte ihn aber erst im Januar öffentlich. Mehrere Gletscherexperten sollen ihn zuvor darauf aufmerksam gemacht haben.
Pachauri, der auf dem Kopenhagen-Gipfel eine wichtige Rolle spielte, sagte noch am 22. Januar auf Anfrage der "Times", er selbst habe erst einige Tage zuvor von dem Fehler erfahren. Den Vorwurf, er habe die Panne bewusst verschwiegen, um Peinlichkeiten in Kopenhagen zu vermeiden, weist er zurück: "Das ist lächerlich. Ich wusste vor Kopenhagen nichts davon", sagte Pachauri dem "Times"-Bericht zufolge.
Allerdings behauptet ein bekannter Wissenschaftsjournalist, dass er bereits im November 2009 Pachauri auf den Fehler angesprochen habe. Pallava Bagla, der für das renommierte Wissenschaftsmagazin "Science" schreibt, sagt, er habe den Klimarat-Chef in mehreren E-Mails darüber informiert, dass verschiedene Experten die Jahreszahl 2035 als eine Fehleinschätzung um mindestens 300 Jahre bezeichnen.
Auch andere Wissenschaftler hatten frühzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass die Prognose kaum stimmen könne. "Das Datum 2035 ist schon beinahe abstrus. Niemand konnte diesen Wert wirklich ernst nehmen", sagte der Gletscherforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Kein Wunder, selbst bei gigantischen Abschmelzraten würden die bisweilen mehrere hundert Meter dicken Eismassen kaum innerhalb weniger Jahrzehnte abgeschmolzen sein.
Erste Fachleute forderten bereits eine Reform des IPCC - weil Pannen wie die mit der dubiosen Gletscherprognose die Glaubwürdigkeit der ganzen Zunft beschädigen. Die Wissenschaft steht auf einem soliden Fundament, doch Kritikern kommt jede derartige Diskussion wie gerufen. "Grundsätzlich sind die Dokumente sorgfältig erarbeitet, doch das Jahr 2035 ist vollkommen unplausibel ", erklärt Julian Dowdeswell, Chef des Scott Polar Research Institute im britischen Cambridge. Das sei "bedauerlich", sagt der Glaziologe SPIEGEL ONLINE: "Der Fehler muss irgendwie durchs Netz gerutscht sein."
lgr/otr
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