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31.01.2010
 

Angeblich dubiose Quellen

Neuer Streit um Weltklimabericht

Von Christoph Seidler

IPCC-Chef Rajendra Pachauri: "Ich werde die Wahrheit nicht verbiegen."Zur Großansicht
AP

IPCC-Chef Rajendra Pachauri: "Ich werde die Wahrheit nicht verbiegen."

Britische Zeitungen erheben neue Vorwürfe gegen den jüngsten Bericht des Weltklimarates. Die angeblichen Enthüllungen haben zwar nur wenig Substanz. Sie zeigen aber die Konstruktionsfehler des Gremiums, das auch in nächster Zeit kaum zur Ruhe kommen wird.

Eine peinlich falsche Prognose zur Zukunft der Himalaja-Gletscher, zweifelhafte Aussagen zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Naturkatastrophen, ein mieses Informationsmanagement - die Liste der Unzulänglichkeiten des Uno-Weltklimarates (IPCC) und seines Chefs Rajendra Pachauri ist lang. Und sie könnte noch länger werden: Britische Zeitungen erheben nun neue Vorwürfe, das Gremium habe nicht wissenschaftlich genug gearbeitet.

Es geht um Passagen im zweiten Teil des 2007 veröffentlichten IPCC-Berichtes, die sich mit der Zukunft des Amazonas-Regenwaldes und den Eisformationen an Bergen in den Alpen, Anden und in Afrika befassen. Gemessen an der himmelschreiend falschen Gletscher-Prognose erscheinen die jetzt diskutierten Aussagen aber weniger problematisch. Da wäre zunächst einmal ein Textabschnitt zur Zukunft des Amazonas-Regenwaldes, mit der sich die "Sunday Times" befasst. Sie soll nicht nur aus zweifelhafter Quelle stammen, sondern auch noch inhaltlich falsch sein - die Angelegenheit erinnert also auf den ersten Blick an die falsche Prognose zu den Himalaja-Gletschern.

Die von der Zeitung monierte Passage auf Seite 596 im zweiten Teil des IPCC-Berichts erklärt, dass bis zu 40 Prozent der Amazonas-Wälder "drastisch selbst auf ein geringes Absinken der Niederschlagsmenge" reagieren würden. Die sensiblen Wälder, so schreiben die IPCC-Autoren, könnten durch die Änderungen der Niederschlagsmengen verschwinden und durch Savannen ersetzt werden. Die Vorhersage stammt aus einem Bericht, den die Umweltschutzorganisation WWF im Jahr 2000 bei zwei Journalisten in Auftrag gegeben hatte (" A Global Review of Forest Fires").

Umweltschützer glauben, alles richtig gemacht zu haben

Auch die Gletscher-Passage, die sich vor einigen Wochen als falsch herausgestellt hatte, beruhte auf einem WWF-Bericht - und zwar mit zweifelhaften Quellen. Die Umweltschützer mussten sich dafür entschuldigen. Doch im Fall des Amazonas-Berichts glaubt die Organisation nun alles richtig gemacht zu haben, wie WWF-Sprecher Benjamin Ward im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt.

Die "Times" schreibt, das WWF-Papier stütze sich in entscheidenden Passagen auf einen Artikel im Fachmagazin "Nature". Doch die dort veröffentlichte Studie habe sich nicht mit Waldverlust durch Änderungen der Regenmengen, sondern durch Brandrodung befasst. Ward sagt nun, die Aussagen im Bericht seiner Organisation seien durch weitere Belege gedeckt, unter anderem eine Studie des brasilianischen Umweltforschungsinstituts Ipam ("Instituto de Pesquisa Ambiental da Amazônia"). Außerdem habe schließlich niemand davon gesprochen, dass 40 Prozent des Waldes tatsächlich durch den Klimawandel gefährdet seien. Bei geringeren Regenfällen steige aber die Waldbrandgefahr in Teilen des Amazonas an.

Eine Ungenauigkeit bleibt indes, für den die Autoren des Weltklimaberichtes verantwortlich sind: Die 40-Prozent-Angabe in dem WWF-Papier bezieht sich nur auf Brasilien, im IPCC-Report wird sie hingegen auf den gesamten Amazonas ausgedehnt.

Bergführer für Diplomarbeit befragt

Unterdessen berichtet der "Sunday Telegraph" über einen zweiten vermeintlich problematischen Punkt. Es geht um eine Aussage im IPCC-Bericht zum Verschwinden von Eisformationen an Bergen in den Alpen, Anden und in Afrika. Sie soll ebenfalls aus nur eingeschränkt wissenschaftlichen Quellen stammen. Und in der Tat: Eine Tabelle auf Seite 86 im zweiten Teil des Berichts führt einen Artikel aus einer Zeitschrift für Bergfreunde ("Climbing News") als Referenz auf. Außerdem wird die Diplomarbeit eines Geografiestudenten der Universität Basel aus dem Jahr 2007 zitiert. Der junge Mann hatte Bergführer in den Alpen interviewt.

Es ist tatsächlich fraglich, ob sich für das Verschwinden von Eisformationen keine wissenschaftlich valideren Quellen finden ließen - im Idealfall aus unabhängig begutachteten Fachpublikationen. Die Passagen zum Amazonas und den Berggipfeln führen damit wieder ein entscheidendes Problem vor Augen: Nicht alle drei Arbeitsgruppen des Gremiums sind wissenschaftlich gleichermaßen stark besetzt - als Problemkind gilt die Arbeitsgruppe II, die sich mit dem Einfluss des Klimawandels auf sozioökonomische und ökologische Systeme befasst. Es ist ein Konstruktionsfehler des IPCC, das gerade hier manche Wissenschaftler wegen ihrer Nationalität, nicht wegen ihrer Fachkompetenz berufen wurden.

Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe wurden trotzdem von manchem Wissenschaftlern weniger kritisch gelesen als die der Arbeitsgruppe I. Denn dort wurde der wissenschaftlich härteste - und damit fehleranfälligste - Teil der Arbeit erledigt. Die Gruppe hatte sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimasystems und der Klimaänderung befasst - und musste wegen der akribischen Qualitätskontrolle bisher noch keine Unzulänglichkeiten in ihrem Teil des Berichts einräumen.

Graue Literatur kann Probleme bergen

Außerdem begünstigten die Regeln, welches Material für die Berichte verwendet werden durfte, Fehler und Qualitätsdiskussionen gerade im zweiten Teil des Berichts. Dort geht es um die Folgen für verschiedene Weltregionen - und längst nicht für alle lagen unabhängig begutachtete Forschungsarbeiten vor.

Die jetzt debattierten Passagen basieren wie die zu den Himalaja-Gletschern und den Folgen von Naturkatastrophen auf sogenannter Grauer Literatur. Sie stammt zum Beispiel von Umweltschutzorganisationen. Dass diese nicht wissenschaftlich begutachteten Veröffentlichungen in den IPPC-Berichten Verwendung finden, war ein ausdrücklicher Wunsch vieler Entwicklungsländer bei der Gründung des Gremiums. Nur so ließ sich aus ihrer Sicht die Dominanz westlicher Forscher in den Griff bekommen.

Für den fünften IPCC-Bericht sollen die Regeln nun verschärft werden. Doch bis er im Jahr 2014 erscheint, stellt die mangelnde Qualitätskontrolle ein ernsthaftes Problem für die Glaubwürdigkeit des Weltklimarates dar - auch wenn etwa die Aussagen zum Amazonas und zum Eis auf den Berggipfeln vergleichsweise wenig Konfliktpotential bergen: Die weltweiten Diskussionen um den IPCC-Bericht von 2007 reißen nicht ab.

1,8-Liter-Auto statt Elektromobil

Dabei mag in Vergessenheit geraten, dass die wissenschaftliche Basis des Klimawandels trotz Detailfehlern im zweiten Teil des Papiers als weitestgehend unumstritten gilt: Die Menschheit stößt so viel Treibhausgase aus wie noch nie, das lässt die Durchschnittstemperaturen steigen. Das Eis der Arktis schmilzt, die Meeresspiegel steigen, Ökosysteme verändern sich dramatisch - und mit ihnen Lebensraum und Lebensgrundlage von Millionen Menschen.

Die US-Regierung hat ihr Vertrauen in die Arbeit des Weltklimarats ebenso verkündet wie die Europäische Union. Und doch kommt das Gremium aus den Schlagzeilen nicht heraus, nicht zuletzt auch wegen seines Chefs. Besonders die britische Presse hat sich auf Rajendra Pachauri eingeschossen. So berichtet die "Mail on Sunday" über den vermeintlich luxuriösen Lebensstil des Wissenschaftlers, über ein luxuriöses Haus, über teure Anzüge - und darüber, dass Pachauri gern einmal den 1,8-Liter-Toyota mit Chauffeur seinem umweltfreundlichen Elektro-Mini vorziehe.

Schwerwiegender indes sind Anschuldigungen, Pachauri trenne nicht zwischen der Arbeit für den IPCC und der für sein eigenes Forschungsinstitut Teri ("The Energy and Ressources Institute"). Doch der Inder hat nicht vor, seinen Platz zu räumen. "Aber ich habe nicht die Absicht, zurückzuweichen", sagt er dem Wissenschaftsmagazin "Science" in einem Interview. Seinen Gegnern warf Pachauri seinerseits vor, ihn aus Eigeninteresse zu kritisieren: "Ich werde die Wahrheit nicht verbiegen, damit sie den Interessensgruppen gefällt, die gern ihre gewohnten Geschäfte weitermachen würden." Die Diskussion geht also weiter.

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insgesamt 53 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
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02.02.2010 von Schnarchy: Sie scheinen die Rolle des IPCC misszuverstehen...

Der IPCC forscht nicht selbst und gibt auch selber keine Studien in Auftrag. Er sichtet und bewertet die wissentschaftlichen Arbeiten und Veroeffentlichungen (die wiederrum dem von ihnen zitierten Ablauf folgen sollten) auf den [...] mehr...

02.02.2010 von JEW-T: Billige Polemik

Ich bin auch kein Mitglied der Church of Global Warming, aber dennoch sollte man bei den realitäten bleiben und nicht übersehen, daß Öl ein Rohstoff ist, mit dem spekuliert wird und mit dem Politik gemacht wird - bevor er in die [...] mehr...

01.02.2010 von sponliner: Unumstritten?

Nein, das ist schlichtweg falsch: "...dass die wissenschaftliche Basis des Klimawandels trotz Detailfehlern im zweiten Teil des Papiers als weitestgehend unumstritten gilt: Die Menschheit stößt so viel Treibhausgase aus wie [...] mehr...

01.02.2010 von sichreid: Widerspruch?

Vorher entgegneten Sie mir noch mit dem Hinweis auf "Angebot und Nachfrage" (Die es im Energiebereich so eben leider nicht wirklich gibt.). Kann es sein, oder widersprechen Sie sich selbst? mehr...

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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Ziele

ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...

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