Von Axel Bojanowski
Die internationale Staatengemeinschaft betreibt deshalb seit vier Jahrzehnten einen immensen bürokratischen Aufwand, um die Meere vom Abfall zu befreien. Der 1973 beschlossene Uno-Vertrag zum Schutz der Ozeane, das sogenannte Marpol-Übereinkommen, wurde sechsmal verschärft. Die Europäische Union erließ bereits vor neun Jahren eine Richtlinie, die die Entsorgung von Schiffsabfällen in Häfen vorschrieb.
Erreicht haben all die Verordnungen: nichts.
Das belegt ein internes Strategiepapier der Bundesregierung, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Demnach ist der internationale Meeresschutz auf ganzer Linie gescheitert. Die Ozeane verkommen zur Müllkippe, auch Nordsee und Ostsee sind schwer betroffen.
Selbst strikte Erlasse haben bislang keine Wirkung zum Schutz der Meere gezeigt. Die Müllbelastung in Nord- und Ostsee habe sich "nicht gebessert", obwohl die Entsorgung von Abfällen dort seit 1988 verboten ist, heißt es in dem Papier. Jährlich 20.000 Tonnen Abfall werden nach Angaben der Bundesregierung allein in die Nordsee entsorgt, das meiste stamme von Schiffen und aus der Fischerei. Internationale Abkommen seien "nicht erfolgreich", konstatiert das Papier.
Abfallentsorgung ins blaue Regal
Vordergründig scheint die Europäische Union viel für die Entmüllung der Meere zu tun. Die neueste EU-Richtlinie vom Juli 2008 soll bis 2020 einen "guten Zustand" der europäischen Meere sicherstellen. Am Dienstag kündigte die Europäische Kommission zudem an, einen Umwelt-Inspektionsdienst einrichten zu wollen. Doch auch diese Vorhaben sind dem Strategie-Papier zufolge bedeutungslos: Es sei "höchst unwahrscheinlich", in absehbarer Zeit ein wirksames Übereinkommen gegen die Verschmutzung der Ozeane zu entwickeln, heißt es in dem vertraulichen Dokument. Einfach neue internationale Vereinbarungen zu treffen erscheint den Experten des Bundes nicht geeignet. Die Praktikabilität künftiger Meeresschutz-Verträge sollte künftig "zuvor untersucht werden".
Offiziell schlägt die Bundesregierung mildere Töne an. Im April 2008 erklärte die große Koalition die vorhandenen Regeln zur Eindämmung der Müllflut als "prinzipiell ausreichend". Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE gab das Bundesumweltministerium keine weitere Stellungnahme ab.
Umweltschützer dagegen äußern offen ihre Bestürzung. "Mangels Kontrollen und Strafen ist es anscheinend verführerisch, seinen Müll ins 'blaue Regal' zu entsorgen", sagt Onno Groß, Vorsitzender der Meeresschutz-Organisation Deepwave. Doch die ordnungsgemäße Verklappung ist laut dem Papier der Bundesregierung gar nicht so einfach. "Unzureichende Entsorgungsmöglichkeiten in den Häfen, hohe Gebühren und komplizierte Logistik", erschwerten das Vorhaben.
Eine Eindämmung der Verschmutzung wäre jedoch dringend notwendig: Der Expertenbericht des Bundes dokumentiert ein "gravierendes ökologisches und ökonomisches Problem" mit bösen Folgen für Meerestiere und "immensen Kosten". Er warnt auch vor ernsten gesundheitlichen Folgen für Menschen.
Kunststoff-Bestandteile könnten den Hormonhaushalt des Menschen durcheinander bringen, berichteten Forscher der Berliner Charité-Klinik vergangenes Jahr in einer Studie. Die Plastikteile fungierten zudem als "Gift-Fallen", berichtet Richard Thompson, Meeresbiologe an der Universität Plymouth in Großbritannien: Unlösliche krebserregende Substanzen wie DDT lagerten sich daran ab; ihre Konzentration ist jüngsten Studien zufolge an den Partikeln mitunter um den Faktor eine Million höher als normal.
"Mit dem Verzehr von Fischen kann das Gift letztlich auch von Menschen aufgenommen werden", warnt Meeresbiologe Groß. Solch eine gefährliche Kettenreaktion sei möglich, bestätigt Thompson: Je höher Tiere in der Nahrungskette stünden, umso mehr Gift reichere sich in ihnen an. Wie viel davon Menschen beim Essen von Meereslebewesen aufnähmen, sei derzeit Gegenstand der Forschung.
Die meisten Vögel haben Plastik im Bauch
Vögel können Kunststoffteilchen oftmals nicht von Nahrung unterscheiden. Laut einer Studie von 2002 wiesen vier von fünf Plastikpartikeln in der Nordsee Schnabelabdrücke auf. Fast alle Nordsee-Vögel (93 Prozent), die nach Nahrung tauchen, hätten Plastikteile im Magen, haben Wissenschaftler des Forschungszentrums Westküste in Büsum unlängst herausgefunden.
Eine andere Untersuchung dokumentierte durchschnittlich 32 Kunststoffstücke in den Mägen von Eissturmvögeln. Die Tiere verspürten ein beständiges Sättigungsgefühl, sie nähmen daher weniger Nährstoffe auf; viele verendeten, warnten die Forscher. Zugvögel verfütterten Plastikteile aus dem Nordatlantik an ihre Jungen in der Antarktis, berichtete eine Expertenkommission der EU.
Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen Unep treiben pro Quadratkilometer Meer durchschnittlich 18.000 sichtbare Plastikteile. Mancher Müllstrudel ist gar auf Satellitenfotos sichtbar. Mitten im Pazifik haben Meeresforscher von der Algalita Marine Research Foundation an elf zufällig gewählten Orten sechsmal mehr Kunststoffmasse gefunden als Plankton. Plastik zerfällt mit der Zeit zwar in immer kleinere Teile, baut sich aber erst nach Jahrhunderten vollständig ab.
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Schade, dass am Beitrag um 06:32 der von mir vorgesehene 'Titel' unterging (in den Fluten versank?): Müllflut in den Ozeanen -- wird übertroffen vom Müll im Hirn mehr...
Die Herz-"erfrischende" Müllflutdiskussion düngt den Acker für Früchte am Baume der Erkenntnis, die es bis dato gar nicht gab. Seit Beginn von Kulturgeschichte gibt es den Trend vom Guten (das wir haben) zum [...] mehr...
1. Essensreste dürfen auf hoher See über Bord geworfen werden und das wird auch getan. 2. Welcher andere Müll soll anfangen zu stinken und Krankheiten verbreiten? Plastik? Oder vielleicht Papier? 3. Wo sollen denn die [...] mehr...
Koennen sie sich vorstellen wie Muell nach 1 Monat auf dem Meer stinkt? Und dann kommen die Ratten und Krankheiten etc...... Also ich glaube nicht das Seemaenner unter diesen Umstaenden Muell ansammeln um ihn dann spaeter [...] mehr...
Herr Onno Groß von Deepwave hätte sich vor seinem Kommentar mal mit dem Regelwerk der Seeschifffahrt auseinandersetzten sollen. Besagtes Mülltagebuch existiert schon und ist in MARPOL (Int. Übereinkommen zur Verhütung der [...] mehr...
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