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12.02.2010
 

US-Debatte

Schneesturm wärmt Klimawandel-Skeptiker

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

In Washington fällt so viel Schnee wie seit mehr als 100 Jahren nicht - alles halb so schlimm mit dem Klimawandel? Skeptiker und Lobbyisten nutzen die Winterstürme als Beleg für ihre kruden Thesen. Und könnten damit die Umweltschutzpläne von Präsident Obama beschädigen.


Das Klima könnte sich ruhig mal etwas anstrengen. So dürften zumindest manche Umweltschützer in den USA derzeit denken.

Aus ihrer Sicht hat Präsident Barack Obama einiges getan fürs Klima: Er hat sich mit Großkonzernen und skeptischen Republikanern angelegt, er verschärfte Schadstoffvorschriften und ist sogar zum Weltklimagipfel nach Kopenhagen gereist. Obama hat dabei nicht immer alle Erwartungen erfüllt. Aber er hat sich, anders als sein Vorgänger George W. Bush, immerhin bemüht.

Das kann man vom Wetter selbst nicht gerade sagen. Immer, wenn es darauf ankam, ließ es Obama hängen - oder eher frieren. Aus Kopenhagen musste er früher abreisen, weil daheim in Washington ein Schneesturm tobte. In eiskaltem Flockengestöber kehrte der Präsident zurück von den Verhandlungen über die drohende Erderwärmung.

In diesen Tagen, da Obamas Regierung darüber berät, wie sich überhaupt noch Klimaschutzvorschriften durch einen skeptischen Kongress boxen lassen, lässt der Blick aus dem Fenster die weltweite Hitzekatastrophe unwahrscheinlicher denn je wirken. In der US-Hauptstadt türmt sich in diesem Winter so viel Schnee wie seit mehr als 100 Jahren nicht mehr, Dutzende Unglückliche froren in ihren Autos ein, Tausende Bürger müssen ohne Elektrizität auskommen.

Bestätigt der Schneesturm Klimaskeptiker oder Klimaschützer?

Es drohe wohl eher "global cooling", eine weltweite Abkühlung, höhnen US-Klimawandelskeptiker. Die Familie von Senator James Inhofe, einem der schärfsten Klimaschutzgegner im US-Kongress, baute ein Iglu auf dem Parlamentshügel in Washington und hängte ein Schild daran: "Al Gore's new home" - der Friedensnobelpreisträger und Klimawandel-Warner gilt ihnen als Hassfigur. Inhofe selbst sagte im Parlament, beim Blick auf den Schnee teilten die Menschen doch wohl endlich seine Klimaskepsis.

Rechte Blogger vermelden genüsslich, der Kongress habe eine Anhörung zum Klimaschutz absagen müssen - wegen des Schneesturms. Republikaner aus Virginia schalten Werbespots gegen demokratische Rivalen, die für ein Klimaschutzgesetz gestimmt haben. Ob sie nun nicht ihren Wählern beim Schneeschaufeln helfen wollten?

Umweltschützer feuern zurück. Das Klima entwickele sich langfristig über Jahrzehnte und Jahrhunderte, argumentieren sie: Einzelne Schneerekorde widerlegten keinen Trend. Dabei haben sie aktuelle Forschungswerte auf ihrer Seite. Erst vor kurzem gaben Wissenschaftler bekannt, dass die vergangenen zehn Jahre die wärmsten seit Beginn der Messungen waren.

Hoffnung trotz des Debatten-Irrsinns

Doch kühle Argumente verpuffen in der Hitze der Debatte. Etwa wenn Hummer-Fahrer triumphierend in den Straßen der Hauptstadt posieren. Die Benzinschluckmonster können derzeit, anders als viele andere Fahrzeuge, problemlos die Straßen benutzen. Ihre Besitzer fühlen sich bestätigt - ganz so, als ob diese Art von Schnee jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit drohe. Radioprovokateur Rush Limbaugh, selbst ein erklärter Hummer-Fan, jubelt, der Schneesturm sei der letzte Sargnagel für das Gerede vom Klimawandel.

Der ganze Streit wäre zum Schmunzeln - hätte die Debatte nicht einen ernsten Hintergrund. Die Unterstützung für mehr Klimaschutz ist in den USA deutlich gesunken. Schuld daran ist vor allem die Wirtschaftskrise, sie rückt die Sorge um Arbeitsplätze in den Vordergrund. In den vergangenen Wochen kam noch die Debatte um die gestohlenen E-Mails von Klimaforschern hinzu, die zwar - anders als von Klimawandelskeptikern behauptet - keine Hinweise auf eine Verschwörung von Wissenschaftlern enthielten, einzelne Forscher aber nicht besonders gut aussehen ließen. Auch die Diskussionen um Fehler im jüngsten Sachstandsbericht des Uno-Klimarats IPCC haben dem öffentlichen Image der Klimaforschung nicht gutgetan.

Vor diesem Hintergrund dienen die Schneebilder als weiteres PR-Instrument gegen den Klimaschutz. "Es ist wirklich traurig, wie so ein Schneesturm genutzt wird, um die öffentliche Meinung zu manipulieren", sagt Peter Goldmark von der einflussreichen Umweltschutzorganisation Environmental Defense Fund zu SPIEGEL ONLINE. Trotz des Debattenirrsinns hofft er noch - und verweist auf jüngste Umfragen, denen zufolge eine Mehrheit von US-Bürgern glaubt, Schadstoffemissionen und Energieverbrauch sollten in jedem Fall eingeschränkt werden. Um die Abhängigkeit der USA von Erdölstaaten im Mittleren Osten zu verringern.

Auch die Aussichten für Obamas Klimateam sind nicht übel. Die Klimaschutzverhandlungen im Kongress stecken so fest, dass die nächste Entscheidung wohl frühestens im Sommer ansteht. Der ist in Washington besonders heiß. Wenn nur das Klima endlich mitspielt.

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