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12.03.2010
 

Ostseepipeline

Riesenrohre im Rollmops-Revier

Aus Mukran und Rostock berichtet Christoph Seidler

Foto: vTI

Die Vorbereitung läuft mit der Wucht einer ungeheuren Maschine: Bald soll die Ostseepipeline im Greifswalder Bodden verlegt werden. Das aber könnte das Laichen der Heringe bedrohen. Wissenschaftler plädieren für einen Aufschub, Umweltschützer ziehen wegen der Belastung der Ökosysteme vor Gericht.

Wie Sojasprossen liegen die drei Fischlarven im weißen Licht der Stereolupe, konserviert in Formol. Sie gehören zum frühjahrslaichenden Hering der westlichen Ostsee - manchem sicher besser bekannt in seiner Erscheinungsform als Rollmops im Glas. Matjesbrötchen werden nämlich meist mit norwegischem Fisch bestückt. Doch von dem einen wie dem anderen Schicksal sind diese Tiere hier weit entfernt. Eine Messskala verrät, dass sie gerade einmal zehn Millimeter lang waren, als sie vor rund einem Jahr ins engmaschige Netz gingen.

"Hier kann man schon Kopf, Augen und Flossenstrahlen sehen", sagt Christian von Dorrien. Der Fischereibiologe arbeitet am Von-Thünen-Institut für Ostseefischerei im alten Hafen von Rostock. Und während vor dem Fenster des Labors das Wasser der Unterwarnow plätschert, verzeichnet seine Kollegin Dagmar Stephan auf Strichlisten, wie groß die Fischlarven sind.

Die Arbeit ist langwierig und ermüdend. Doch Dorrien und seine Kollegen nutzen die langen Strichlisten für wichtige Vorhersagen: Wann können sich die Fischer auf eine gute Heringsaison einstellen? Und wann bleiben die Netze leer? Rund 80 Prozent eines Heringjahrgangs beginnen ihr Leben im Greifswalder Bodden. Von dort wandern die Tiere in die Nordsee, manche sogar bis zur norwegischen Küste, um dort zu fressen - und um später wieder zurückzukommen. Manche Heringe können bis zu 30 Jahre alt werden.

Seit 1977 fahren die Rostocker Wissenschaftler an bis zu 16 Wochen im Jahr mit ihrem kleinen Kutter "Clupea" auf den Bodden hinaus. Dort nehmen sie Proben für die Heringvorhersage. Die letzten Befunde, sagt von Dorrien, waren wenig erbaulich: "Wir wissen, dass der Hering derzeit eine schwere Phase durchmacht", sagt der Forscher - und dass niemand genau weiß, warum die vergangenen Laichjahrgänge eigentlich so schlecht waren. Dass es auch daran liegen könnte, dass der Klimawandel das Wasser der Ostsee erwärmt, ist noch nicht zweifelsfrei belegt.

45.000 Rohre für die Pipeline liegen auf dem Lagerplatz

Dieses Jahr droht der Fisch-Kinderstube in jedem Fall eine weitere Störung: In metertiefen Gräben sollen die Rohre der Ostseepipeline im Bodden versenkt werden. Genau genommen ist der Hering sogar Schuld daran, dass das Mammutprojekt noch nicht begonnen hat. Denn eigentlich könnte der Bau jederzeit starten. Im Greifswalder Bodden darf aber erst ab Mitte Mai gebaggert werden, der jungen Fische wegen. "Wir haben uns verpflichtet, dieses Zeitfenster einzuhalten, wegen der Laichsaison des Herings ", sagt Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek.


Bis dahin laufen die Vorbereitungsarbeiten mit der Wucht einer ungeheuren Maschine. Nirgendwo lässt sich das besser erleben als am Fährhafen Sassnitz im Nordosten von Rügen: Der Wind pfeift arktisch, Sattelzüge ächzen über matschige Wege, von den vielen Zweckbauten aus DDR-Zeiten stehen einige leer. Unter einer riesigen Krananlage stehen Heerscharen ausgemusterten Loks, deren roter Anstrich langsam verblasst. Und überall Röhren - außen schwarz, innen rot.

Auf mehreren Lagerplätzen sind am Rand des Fährhafens insgesamt 45.000 Segmente der Pipeline gestapelt, jedes um die zwölf Meter lang. Das sind 550 Kilometer des Riesenrohres. Seit dem Frühjahr 2009 werden die Segmente nach und nach mit Beton ummantelt, in einem speziell dafür gebauten Werk der französischen Firma Eupec. Die Umhüllung sorgt dafür, dass sich das Gewicht jeder Röhre auf rund 24 Tonnen verdoppelt - damit die Pipeline nicht vom Grund der Ostsee nach oben schwebt. Schließlich soll durch sie mindestens 50 Jahre lang russisches Gas störungsfrei nach Europa strömen.

Beton fliegt 190 Kilometer pro Stunde schnell

Pro Tag werden 200 Rohre mit dem dicken Betonüberzug versehen. Im Eupec-Werk, einem Flachbau mit rotem Dach, geht es zu wie in Willy Wonkas Schokoladenfabrik. Die schweren Rohre gleiten recht leise über Förderbänder, werden mit einem Drahtkäfig versehen. Dann saust mit rund 190 Kilometern in der Stunde Beton auf die Röhren nieder. Alles mehr oder weniger automatisch. Anschließend werden die Schwergewichte 24 Stunden lang getrocknet, in der größten Sauna Mecklenburg-Vorpommerns, wie man hier witzelt.

Und ständig werden weitere Rohre per Bahn angeliefert. Manchmal kommt ein Zug pro Tag, manchmal zwei. Ein roter Kran entlädt die Waggons, stapelt die Rohre zu imposanten Haufen oder belädt die Sattelzüge direkt. Die fahren dann zur Betonummantelung oder liefern die Rohre an den Kai, wo Abend für Abend ein Schiff beladen wird, das Röhren zu einem weiteren Lagerplatz im schwedischen Slite bringt. Eine logistische Meisterleistung, zumal die Pipelinebauer ständig sagen können, wo sich gerade welches gigantische Bauteil auf dem Gelände befindet. "Jedes Rohr ist einzeln identifizierbar", sagt Nord-Stream-Mann Lissek stolz.

Der Kommunikationsprofi hat früher für die Telekom und den Handelskonzern Rewe gearbeitet. Jetzt spricht er für das Pipelinekonsortium, dessen Aufsichtsrat von Ex-Kanzler Gerhard Schröder geführt wird - und hat klare Botschaften: Die Vorbereitungsarbeiten gehen gut voran, um den Umweltschutz muss sich niemand Sorgen machen. Kurzum: Alles läuft nach Plan.

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insgesamt 8 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.03.2010 von saul7: +++

Gewiß, gewiß, "um den Umweltschutz muss man sich keine Sorgen machen." Denn immerhin ist unser aller ehemaliger Bundeskanzler Schröder ja im Aufsichtsrat dieses Konsortiums tätig. Da kann ja nichts schiefgehen...;-)) mehr...

14.03.2010 von eikfier: unkartographiert

....man soll den Tag so oder so niemals vor dem Abend bejammern, denn vielleicht hat Ihr Hering ja auch Verbündete - z.B. schlafende Hunde a la in die Ostsee geschmissener Kampfstofffässer aus dem großen vaterländischen [...] mehr...

14.03.2010 von Celegorm: ...

Das ist nicht wirklich zu befürchten. Der hinsichtlich Fangmengen weitaus wichtigere Bestand des Herings ist jener in Norwegen - und dem geht es besser denn je. Was sich wohl auch nicht so schnell ändern dürfte, weshalb man sich [...] mehr...

14.03.2010 von Celegorm: ...

Solche fiktiven Entweder-oder-Situationen sind letztlich argumentative Nötigung und damit so unlauter wie sinnlos. Die Gesamtenergieversorung Deutschlands hängt schliesslich nicht von dieser Pipeline ab und erst recht nicht von [...] mehr...

14.03.2010 von tommm: Leseverständnis...

... 6, setzen! Wenn Sie den Artikel gelesen UND VERSTANDEN hätten müsste doch durchgedrungen sein dass nicht die Existenz einer Pipeline den Laicherfolg bedroht sondern die Verlegearbeiten. mehr...

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Megaprojekt in der Ostsee

Die Trasse

Zwei Leitungen sollen Erdgas am Boden der Ostsee vom russischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald in Deutschland bringen. Der Abstand zwischen beiden Strängen soll bei etwa 100 Metern liegen, zum Teil sind es aber auch beinahe doppelt so viel. Die Leitung wird rund 1224 Kilometer lang und führt durch finnische, schwedische, dänische und deutsche Gewässer. Der Anteil im deutschen Bereich der Ostsee liegt bei 81 Kilometern.

Die Rohrleitung

Der Bau

Das Konsortium

Die Klage







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