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11.03.2010
 

Spitzbergen

Arktischer Saatguttresor knackt die halbe Million

Saatgut auf Spitzbergen: Bayern-Iowa-Arktis
Fotos
dpa

Wie ein gigantischer Banksafe für das Leben funktioniert der Saatguttresor auf Spitzbergen. Nun liegen ein Drittel der weltweit vorhandenen Varianten von Kulturpflanzensamen im arktischen Lager - mehr als irgendwo sonst.

Longyearbyen - Den grauen Behältern sieht man die bewegte Geschichte ihres Inhalts nicht an. Eng aufgereiht stehen die Kisten in den orange und blau gestrichenen Regalwänden. In ihrem Inneren: Unzählige verspiegelte Plastiktüten mit aufgeklebten Barcodes. Zwei Jahre nachdem der Saatguttresor auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen in Betrieb ging, liegen mittlerweile eine halbe Million Samenproben dort. Für den Betreiber, den unabhängigen Global Crop Diversity Trust, ist das ein Grund zum Feiern.

In diesen Tagen werden neue Kisten angeliefert, unter anderem aus Kolumbien und den USA. In einer von ihnen steckt zum Beispiel das Saatgut einer ganz besonderen Fleischtomate. Ein Emmigrant hatte sie im Jahr 1883 aus seiner bayerischen Heimat nach Iowa gebracht. Auf beiden Seiten des Atlantiks geriet "German Pink", groß und süß, allerdings im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Die nicht-kommerzielle Organisation Seed Savers Exchange sorgte dafür, dass die Samen der Tomate trotzdem nicht verlorengingen - und nun in der Abgeschiedenheit der Arktis mögliche Widrigkeiten der Zukunft hoffentlich unbeschadet überdauern können.

Der Saatguttresor, offiziell heißt er Global Seed Vault (GSV), soll der Menschheit selbst nach den schlimmsten vorstellbaren Katastrophen einen Neuanfang ermöglichen. Ob Klimawandel, Kriege oder Epidemien, von hier kann gefrorene Saat tief aus dem Berg zurück ans Tageslicht geholt werden - um die Erde zu rekultivieren. Der 2008 eröffnete Bau soll - nach einigen Startproblemen - als Sicherungssystem für die weltweit 1400 nationalen Genbanken dienen, falls deren Bestände verlorengehen. Auch das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) aus Sachsen-Anhalt hat Kisten ins arktische Eis geschickt.

Wilderdbeere vom Vulkanrand

Mit den neuen Lieferungen beherberge der frostige Tresor nun mindestens ein Drittel der weltweit vorhandenen Varianten von Kulturpflanzensamen, sagt Cary Fowler, der Chef des Global Crop Diversity Trust. Unter den Neuankömmlingen sind Exoten, wie die Wilderdbeere, die Forscher nach tagelangen Wanderungen an den Flanken des Vulkans Atsonupuri auf der zwischen Russland und Japan umstrittenen Kurilen-Insel Iturup gefunden hatten. Außerdem liegen Bohnen aus Costa Rica, die im Gegensatz zu vielen kommerziell eingesetzten Arten resistent gegen weißen Schimmelpilzbefall sind, nun genauso sicher im Berg wie eine Sammlung praktisch aller Sojabohnenzüchtungen des vergangenen Jahrhunderts aus den USA.

Die Genbank komme gut voran, sagt Fowler. Allerdings bestünden noch bedeutende Lücken in der Sammlung. Unter anderem fehle noch wichtiges Material aus Äthiopien, Indien und China.

Helfen soll der Saatguttresor auch bei der Suche nach Pflanzenarten, mit denen sich Länder auf steigende Temperaturen und ausbleibende Niederschläge einstellen können. "Wenn sich Kulturpflanzen und die Landwirtschaft nicht an den Klimawandel anpassen, dann wird es auch die Menschheit nicht tun", warnt Fowler.

Einen kleinen Haken dabei gibt es allerdings: Wer Saatgut auf Spitzbergen einlagert, der ist auch der einzige, der Zugriff darauf hat. Widerstandfähige Pflanzenarten können also nur dann in neuen Revieren kultiviert werden, wenn die entsprechenden Staaten auch bereit dafür sind, ihr genetisches Bankkonto mit anderen zu teilen.

chs/apn

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