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02.04.2010
 

Uranabbau in Niger

"Die Gesundheit von 80.000 Menschen ist bedroht"

Uran-Minenstädte in Niger: Allgegenwärtige Radioaktivität
Fotos
AFP

Der französische Staatskonzern Areva schürft seit Jahrzehnten in Niger Uran - und hat dabei offenbar lange die Gesundheitsrisiken für Arbeiter und die Bevölkerung in Minenstädten ignoriert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Greenpeace-Expertin Rianne Teule über die schmutzige Seite der Kernkraft.

SPIEGEL ONLINE: Frau Teule, Sie waren im November mit einem Greenpeace-Team in Niger, um die Auswirkungen des Uranbergbaus dort zu prüfen. Seit 40 Jahren schürft Areva in dem afrikanischen Land den Brennstoff für europäische Atomkraftwerke. Was haben Sie gefunden?

Teule: Es gibt in den Minenstädten Arlit und Akokan überall radioaktive Kontamination: in der Luft, im Wasser, in der Erde. Wir fanden eine hohe radioaktive Belastung in den Straßen von Akokan. Das bei der Uranförderung übriggebliebene Gestein liegt im Freien herum. Dadurch gelangt Radon in die Luft, das schon in geringen Konzentrationen Krebs verursachen kann. All das bedroht die Gesundheit der 80.000 Menschen, die dort leben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen kann denn eine solche radioaktive Belastung für die Menschen haben?

Teule: Typischerweise werden Fehlbildungen bei Neugeborenen, Leukämie, Krebs, und Atemwegserkrankungen mit Radioaktivität in Verbindung gebracht. Viele der Stoffe werden eingeatmet oder gegessen, sie wirken dann auch toxisch. Uran zum Beispiel ist ein Schwermetall, das die Nieren schädigt und in hohen Dosen zu Nierenversagen führt.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelangt die Radioaktivität aus dem Uranerz in die Umwelt?

Teule: In den Minen wird sehr tief gegraben, bis unter den Grundwasserspiegel. Dadurch ist das Risiko hoch, dass Uranerz mit Wasser und Sauerstoff in Verbindung kommt und in das Wasser gelangt. Wir können allerdings nicht wissenschaftlich belegen, dass die Kontamination durch die Minen verursacht wurde. Aber die Wasserbelastung ist immer weiter gestiegen, seit die Minen aufgemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Areva kontert die Vorwürfe von Greenpeace mit dem Argument, die Belastung der Bevölkerung über das ganze Jahr entspreche der einer Röntgenaufnahme und liege unterhalb der Grenzwerte.

Teule: Eine solche Antwort haben wir erwartet. Aber sie stimmt nach unserer Überzeugung nicht. Beim Wasser liegen vier von fünf Proben über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation. Auch beim radioaktiven Gas Radon ist das bei zumindest einer Probe der Fall. Vor allem aber: Es kommt doch alles zusammen - Uran im Wasser, Radon in der Luft, radioaktives Gestein in den Straßen, möglicherweise auch verseuchtes Gemüse, verseuchte Milch. Das addiert sich zu einer ernsthaften Gesundheitsgefährdung für die Menschen in den Minenstädten. Areva hätte eigentlich die Verantwortung, die Bevölkerung vor allen negativen Folgen des Abbaus zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen der Firma vor, das nicht getan zu haben.

Teule: Die Probleme sind Areva seit Jahren bekannt. Seit mehreren Jahren weiß der Konzern von belastetem Wasser und kontaminierten Straßen. Aber Areva hat unseres Erachtens nicht ausreichend darauf reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Areva soll mehrfach versucht haben, kontaminiertes Material in den Städten zu identifizieren und systematisch wieder einzusammeln sowie radioaktives Material entfernt haben, das beim Straßenbau verwendet worden war.

Teule: Aber das Problem gibt es heute noch. Wir haben auch Altmetall aus der Mine gefunden, etwa eine Baggerschaufel voll mit radioaktivem Schlamm, die auf dem Altmetallmarkt von Arlit zum verkauf stand. Dabei sagt Areva, dass die Firma dieses Problem gelöst habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie effektiv überwacht der Staat in Niger die Minenfirmen?

Teule: Das soll eigentlich das Strahlenschutzzentrum übernehmen, die Fachleute inspizieren die Minen auch. Aber das Zentrum hat wenig Mitarbeiter, wenig Messgeräte und wenig Geld. Die Kontrolleure dort haben nicht einmal Geräte, mit denen man Radon messen kann und müssen sich auf die Messungen der Firma verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Areva hat Sie eingeladen, die Minen zu besichtigen. Was haben Sie gesehen?

Teule: Die schiere Größe der Minen ist beeindruckend. Es sind gigantische Löcher in der Erde, hundert Meter tief, umgeben von Bergen von Abraum. Wenn der Fels weggesprengt wird, ziehen danach Staubwolken über das Land. Da kann man geradezu sehen, wie sich das Radon verteilt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Messungen gemacht?

Teule: Wir hatten Geigerzähler und Gammaspektrometer dabei. Wir haben auch Wasser- und Bodenproben genommen. Private Organisationen vor Ort, wie zum Beispiel Umweltgruppen, haben uns Hinweise gegeben, wo wir messen sollen. Leider haben uns die örtlichen Behörden daran gehindert, näher an der Mine zu messen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel dieser Kampagne in Niger?

Teule: Wir wussten schon, dass der Uranabbau in Niger ernste Auswirkungen hat. Atomstrom wird heute als saubere Energie verkauft. Wir wollten auf das dreckige Gesicht der Nuklearindustrie hinweisen, das sich bei den Minen zeigt, ganz am Anfang der nuklearen Kette. Der Areva-Konzern vernachlässigt nach unserer Auffassung hier seine Verantwortung und gleichzeitig drängt die Firma überall in der Welt auf den Bau neuer Atomreaktoren. Areva hat zwei Gesichter, und die wollten wir entlarven. Anfang Mai werden wir einen umfassenden Bericht zu unserer Studie in Niger vorlegen.

SPIEGEL ONLINE: Was verlangen Sie von der Firma?

Teule: Areva soll die schlimmen Auswirkungen des Uranabbaus zugeben. Die Firma muss alles tun, damit potentielle Gefahren ausgeschaltet werden. Das kann für Areva teuer werden, aber es ist notwendig. Die ersten 35 Jahre hat das Unternehmen Niger hauptsächlich ausgebeutet. Die Firma wollte die Rohstoffe für Frankreich und sonst wenig Ärger. Es gab keine Kontrolle. Erst in den letzten Jahren haben Arbeiter in den Minen und Umweltorganisationen Kritik geübt. Danach hat sich einiges gebessert. Aber eben nicht genug.

Das Interview führte Cordula Meyer

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Zur Person

Greenpeace
Rianne Teule, 41, aus Amsterdam ist Spezialistin für Nuklearthemen bei Greenpeace International. Sie promovierte in physikalischer Chemie an der Universität Amsterdam. Seit sieben Jahren ist sie bei Greenpeace und hat im Auftrag der Umweltorganisation zahlreiche radioaktiv verseuchte Gebiete untersucht, etwa in Tschernobyl, Russland und im Irak.

Kernreaktoren

Thermischer Reaktor

DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.

Brutreaktor

Uran und Plutonium in Atomwaffen






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