ThemaEyjafjallajökullRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.04.2010
 

Gigantische Aschewolke

Deutschland droht tagelanges Flugverbot

Von Axel Bojanowski

Foto: REUTERS

Schlechte Aussichten für Reisende: Der Wind hat die vulkanische Aschewolke nach Deutschland getrieben, inzwischen bedeckt sie fast das ganze Land. Nur noch München kann derzeit angeflogen werden. Nun droht ein landesweites Flugverbot, das tagelang aufrechterhalten bleiben könnte.

Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull schiebt sich Richtung Süddeutschland. Am Freitagnachmittag werde die Wolke München und Nürnberg erreichen, sagte Sabine Bork, Leiterin der Luftfahrtberatung beim Deutschen Wetterdienst (DWD), zu SPIEGEL ONLINE. Dann werde man voraussichtlich für ganz Deutschland ein Flugverbot aussprechen, das bis mindestens Samstagabend bestehen bleiben könnte. Die Entscheidung darüber trifft das Verkehrsministerium.

Der Vulkanausbruch auf Island hatte den Flugverkehr in Deutschland am Freitagvormittag nahezu zum Erliegen gebracht. Ab Mittag war nur noch der Flughafen München geöffnet.

Bis Freitagnacht null Uhr, werde die Aschewolke über Deutschland hängen, berichtet der DWD. Die Prognosen würden alle sechs Stunden aufgrund neuer Daten aktualisiert. Doch bislang hat sich die Lage kaum verändert: Der Vulkan stößt weiterhin unentwegt Asche aus. Über Nordeuropa hängt nun eine riesige Ascheglocke. Solange Nordwestwinde anhalten, gelangt die Asche auch nach Deutschland, erklärt Bork.

Tagelanges Flugverbot möglich

Wohl erst in der Nacht zum Sonntag bestehe die Möglichkeit, dass der Wind auf West drehe - doch selbst dann dürfte die Aschewolke nicht gleich verschwinden. Denn Satellitenbilder zeigen auch über Westeuropa große Aschemengen, für Nachschub scheint also auch aus dieser Richtung gesorgt. Ein tagelanges Flugverbot scheint demnach möglich.

Das Verkehrsministerium entscheidet über Flugverbote aufgrund von Daten der Wetterdienste und des Volcanic Ash Advisory Centre (VAAC) in London. Das VAAC beliefert die nationalen Wetterdienste mit Informationen über die aktuelle Lage. Die Analyse der Aschewolke ist ein komplexer Vorgang: Ihre Ausdehnung ist nicht einfach zu messen, viele Teilchen sind nur mit ultraviolettem Licht zu entdecken. Doch UV-Sensoren funktionieren nur am Tag. Zudem hängt die Gefährlichkeit der Wolke von vielen Faktoren ab, wie etwa ihrer Zusammensetzung, ihrer Höhe und ihrer Geschwindigkeit.


Medizinische Probleme durch die Vulkanasche erwarten Fachleute nicht. Die Gesundheitsbehörde Großbritanniens empfiehlt lediglich Menschen mit Atemwegserkrankungen, ihre Aktivitäten im Freien einzuschränken. In Deutschland dürfte sich höchstens ein feiner Staubfilm niederschlagen. Es ist kein neues Szenario: Am Grund von Seen in Deutschland haben Geologen diverse Aschelagen früherer isländischer Vulkanausbrüche aus den vergangenen Jahrhunderten entdeckt.

Malerische Sonnenuntergänge

Regen könnte größere Mengen Asche aus der Luft waschen, doch Meteorologen erwarten für Freitag sonniges Wetter in Deutschland. Vereinzelt jedoch könnte sogenannter " Blutregen niedergehen": Rostfarbene Staubpartikel schweben dann herab und schimmern auf Autodächern.

Auswirkungen auf das Klima sind nach neuesten Messungen bislang nicht zu befürchten. Inwieweit Vulkanstaub die globalen Temperaturen kurzfristig ändert, hängt davon ab, wie viel Schwefeldioxid (SO2) der Berg in hohe Luftschichten schleudert. SO2 verbindet sich mit Wasser zu Schwefelsäure. Die Säuretröpfchen legen sich als feiner Schleier um den Globus und kühlen die Erde wie ein Sonnenschirm. Offenbar sind beim jüngsten Ausbruch in Island aber keine klimawirksamen Schwefelmengen in höhere Luftschichten gelangt. Doch das könnte sich ändern: Der Ausbruch des Eyjafjallajökull könnte noch mehrere Wochen andauern und noch große Mengen Schwefelverbindungen fördern.

Die Aschewolke über Nordeuropa beeinflusst auch die Reisepläne von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Am Vormittag befand sich die Kanzlerin auf dem Rückflug von ihrer USA-Reise über dem Atlantik, sagte ein Regierungssprecher am Freitag in Berlin. "Sollte es die Flugsicherheit erforderlich machen, würde die Flugroute der Kanzlerin angepasst werden."

Bislang war Merkels Landung für 15.30 Uhr in Berlin geplant. Doch der Luftraum der Hauptstadt wurde zumindest bis Freitagmittag gesperrt. Es war noch nicht absehbar, wann die Berliner Flughäfen wieder offen sein werden.

Unklar war am Freitagvormittag auch, wann und wo Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Deutschland landen wird. Guttenberg wollte mit den in Afghanistan verletzten Soldaten noch am Freitag nach Deutschland fliegen.

Erfreuliche Folgen des Vulkansausbruchs zeigen sich abends und morgens: Die Aschewolke färbt Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge tiefrot - ein Gruß aus der vulkanischen Hexenküche im Untergrund Islands.


Europaweit werden rund 60 Prozent der Flüge ausfallen. So sieht es derzeit an den Flughäfen aus:

  • Frankfurter Flughafen: Flugzeuge aus dem europäischen Luftraum dürfen von 8 Uhr bis 20 Uhr nicht mehr landen oder starten. Interkontinentalflüge werden umgeleitet, hauptsächlich nach München.
  • Hamburg: Seit Donnerstagabend geht hier nichts mehr. Ob der Betrieb am Freitag wieder aufgenommen wird, hängt davon ab, in welche Richtung und mit welchem Tempo sich die Aschewolke bewege, sagte eine Sprecherin.
  • Berlin: Die Flughäfen Schönefeld und Tegel wurden bis 20 Uhr gesperrt.
  • Düsseldorf: Die Sperrung wird mindestens bis 20 Uhr andauern.
  • Stuttgart: Ab Mittag war der Airport Stuttgart dicht, am gegen 14 Uhr wurde er zunächst wieder geöffnet.
  • Hannover, Bremen, Münster-Osnabrück, Köln-Bonn, Leipzig-Halle, Erfurt, Dresden, Saarbrücken, Nürnberg: Auf diesen Flughäfen wurde seit Donnerstagabend nach und nach der Flugbetrieb eingestellt, zuletzt am Freitagmittag in Nürnberg. "Wann An- und Abflüge wieder möglich sind, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen", sagte eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS). Am frühen Freitagnachmittag wurde in Saarbrücken wieder ein Teil des Flugverkehrs aufgenommen.
  • München: Hier gibt es derzeit noch Starts und Landungen. Am Vormittag mussten allerdings bereits etwa 360 Flüge gestrichen werden.
  • Europa: In Großbritannien, Irland, Belgien, den Niederlanden und den meisten skandinavischen Ländern wurde der Betrieb am Donnerstag komplett eingestellt. In Frankreich wurden schrittweise 25 Airports im Norden dichtgemacht - darunter das Drehkreuz Paris. Auch in Polen wurde der Luftraum in weiten Teilen gesperrt, in Österreich werden die Flughäfen ab Freitagnachmittag nach und nach geschlossen. Auch in den anderen Ländern werden Behinderungen bis zum Wochenende erwartet.
  • Transatlantikflüge: Wegen der Aschewolken wird am Freitag nach Einschätzung der europäischen Luftfahrtbehörde nur jeder zweite Flug über den Atlantik stattfinden können: "Wir erwarten, dass wegen der Aschewolke 50 Prozent der Transatlantikflüge abgesagt werden", erklärte eine Sprecherin von Eurocontrol in Brüssel. Die Lage im europäischen Luftverkehr selbst werde "nicht besser sein als am Donnerstag".

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Eyjafjallajökull

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Infos zum Flugverkehr und Reiseveranstalter

Aktuelle Informationen über Verspätungen und Flugausfälle geben die Flughäfen auf ihren Websites bekannt. Zur aktuellen Lage nach dem isländischen Vulkanausbruch ist eine Hotline der Flughäfen eingerichtet: 0180/5000186

Berliner Flughäfen
Flughafen Bremen
Flughafen Dresden
Flughafen Düsseldorf
Flughafen Erfurt
Flughafen Frankfurt
Flughafen Friedrichshafen
Flughafen Hamburg
Flughafen Hannover
Flughafen Köln/Bonn
Flughafen Leipzig/Halle
Flughafen München
Flughafen Münster/Osnabrück
Flughafen Nürnberg
Flughafen Paderborn
Flughafen Saarbrücken
Flughafen Stuttgart

Sperrung des Luftraums

Für eine Sperrung des Luftraums sind die nationalen Verkehrsministerien zuständig - in Deutschland dementsprechend das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Über eine etwaige Sperrung wird in enger Absprache mit der Deutschen Flugsicherung (DFS) entschieden.

Die Flugsicherungsbehörde Eurocontrol koordiniert die Flugbewegungen zwischen den verschiedenen europäischen Lufträumen. Ihr Hauptsitz ist in Brüssel, in Deutschland ist die Organisation nur für einen geringen Teil der Flüge im Norden des Landes zuständig. Um die Abstimmung der Flugpläne in Europa kümmert sich die Unterabteilung Central Flow Management Unit (CFMU). Von dort werden die Informationen zu den Fluglotsen an den Flughäfen weitergeleitet.

Karte

Der benötigte Flash Player 9 wurde nicht gefunden. mehr...

Eyjafjallajökull-Gletscher

Größere Kartenansicht

Vulkan Eyjafjallajökul

Der 1666 Meter hohe Vulkan Eyjafjallajökull im Süden Islands liegt großteils unter Eismassen verborgen. Er war bislang weniger aktiv als andere Vulkane Islands. Nur vier Eruptionen wurden seit der Besiedelung Islands dokumentiert. Sie verliefen anscheinend weniger explosiv als die aktuelle Eruption. Der Vulkan verfügt über einen vier Kilometer breiten Krater. Lava und Asche strömen zudem aus Klüften und Spalten, die sich über Dutzende Kilometer erstrecken.



TOP



TOP