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30.04.2010
 

Katastrophe an US-Golfküste

Obama schlittert in die Ölkrise

Foto: AP

Die Ölpest im Golf von Mexiko droht zur politischen Gefahr für US-Präsident Obama zu werden. Viel zu lang verließ sich die Regierung auf den BP-Konzern, verspätet und hektisch startet sie nun ihr eigenes Krisenmanagement. Schon ist die Rede von "Obamas 'Katrina'".

Hamburg - Große Gefühle zu zeigen, ist normalerweise nicht die Sache von Katastrophenspezialisten, schon gar nicht im Angesicht einer Krise. Doch David Kennedy, seit mehr als 20 Jahren in Diensten der amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA, ist offenbar mehr als nur besorgt über den Ölteppich, der nach der Havarie der Bohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko auf die Küste Louisianas zuschwappt. "Ich habe Angst", sagte Kennedy. "Das ist eine sehr, sehr große Sache." Der schiere Umfang der Bemühungen, die zur Eindämmung der Katastrophe nötig sind, sei "überwältigend".

Schon jetzt ist klar, dass die USA vor einer der größten Umweltkatastrophen der vergangenen Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, stehen. Früher als erwartet erreichten am Freitag die ersten Ausläufer des Ölteppichs die Küste mit ihren hochsensiblen Ökosystemen, ihren ausgedehnten Sumpfgebieten und ihrer Fischereiindustrie. Und klar ist auch: Angesichts der schieren Menge an Öl und den örtlichen Gegebenheiten dürfte eine wirksame Bekämpfung der Ölpest ein Ding der Unmöglichkeit sein.

Außer dem ökologischen Desaster drohen der US-Politik nun auch politische Folgen. Präsident Barack Obama hatte erst Ende März eine energiepolitische Kehrtwende vollführt und angekündigt, Öl- und Gasbohrungen vor der US- Atlantikküste zu genehmigen - was ihm jetzt zur Belastung wird.

Haben die Behörden zu lange gezögert?

In die Kritik gerät auch das Krisenmanagement der Regierung. Tagelang gaben sich die Behörden mit einer Beobachterposition zufrieden und überließen die Bekämpfung des Ölaustritts weitgehend dem Ölkonzern BP, der die "Deepwater Horizon" von der Firma Transocean geleast hatte. Die Küstenwache unternahm keine eigene, unabhängige Untersuchung des Lecks am Meeresboden. Mary Landry, Befehlshaberin der Küstenwache im Katastrophengebiet, betonte immer wieder, BP sei für die Kosten und die Organisation der Gegenmaßnahmen verantwortlich. Die Küstenwache prüfe lediglich, ob alles seine Ordnung habe. "Es ist ausreichend Zeit, empfindliche Gebiete zu schützen und die Säuberungsmaßnahmen vorzubereiten", sagte Landry noch am Montag.


Am Mittwochabend - sechs Tage nach dem Unfall auf der "Deepwater Horizon" - stellte sich dann heraus, dass die Menge des austretenden Öls stark unterschätzt wurde. Eigene Nachforschungen der Behörden hatten ergeben, dass fast 800.000 Liter pro Tag ins Meer strömen - fünfmal mehr, als BP zuvor angegeben hatte. BP-Manager Doug Suttles zog die Schätzungen der Regierung anfangs in Zweifel, ehe er vor laufenden Kameras einräumen musste, dass die Behörden recht haben. Bisher sind alle Versuche, die Lecks zu schließen, gescheitert.

Bei der aktuellen Austrittsmenge könnte die jetzige Katastrophe die bisher schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA - den Untergang des Tankers "Exxon Valdez" von 1989 - innerhalb weniger Wochen in den Schatten stellen. Damals waren vor Alaska fast 41 Millionen Liter Rohöl ins Meer gelaufen. Diese Menge könnte im Golf von Mexiko in etwa 50 Tagen erreicht sein.

Schon wird in US-Medien die Frage erörtert, ob der Untergang der "Deepwater Horizon" nun zu "Obamas 'Katrina'" werde. Der Wirbelsturm, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehr als 1800 Menschen in den Tod riss, konnte erst durch das Versagen der Behörden seine fatalen Folgen entwickeln. Die Sturmkatastrophe wurde so zum persönlichen Waterloo für den damaligen US-Präsidenten George W. Bush.

Hätte Obama die Ölkatastrophe nun früher zur nationalen Angelegenheit erklären und so mehr Hilfe ermöglichen sollen? Hat man zu lange den Beteuerungen von BP Glauben geschenkt, es handele sich um einen beherrschbaren Vorfall? Hat man aus dem "Katrina"-Desaster nichts gelernt? Floridas Gouverneur Charlie Crist, der sich derzeit im Wahlkampf befindet, inspizierte den Ölteppich vom Flugzeug aus und äußerte anschließend böse Ahnungen. "Mir schien es", sagte er, "dass dieses Problem viel größer ist, als wir auch nur ahnen können."

Erste Bewohner des betroffenen Gebiets machen ihrem Ärger öffentlich Luft - allen voran die Fischer, die ihre Existenz bedroht sehen. "Sie haben uns belogen. Sie haben uns gesagt, dass 1000 Barrel Öl auslaufen, und ich habe geahnt, dass es mehr sein würden", sagte Cade Thomas, ein Fischer aus Venice. "Sobald die Plattform explodiert war, hätten sie sie mit Ölbarrieren abschotten sollen."

Neue Bohrungen in Frage gestellt

Eine Debatte um die Qualität des Krisenmanagements ist nicht die einzige politische Folge, die Obama im Zuge der Ölkatastrophe droht. Auch in der Klimapolitik gerät er erneut unter Druck. Mit der Genehmigung bislang ausgesetzter Ölbohrungen vor den Küsten wollte er die oppositionellen Republikaner dazu bewegen, seinem Klimaschutzgesetz zuzustimmen. Doch ob nach der Ölpest neue Bohrungen erlaubt werden, erscheint derzeit wieder fraglich.

Der demokratische Senator von New Jersey, Robert Menendez, verkündete bereits, er habe "große Schwierigkeiten, diesem Gesetz zuzustimmen". Zunächst müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein, sagte er der "New York Times". Vor dem Bau neuer Bohranlagen im Meer müssten die benachbarten Bundesstaaten ein Veto einlegen können, außerdem müsse es Studien über die ökologischen Folgen der Ölförderung geben. Man müsse auch die Einrichtung von Pufferzonen an der Küste erwägen.

Bill Nelson, demokratischer Senator aus Florida, verlangte schon vergangene Woche, die Erfahrungen mit Offshore-Bohrungen des vergangenen Jahrzehnts neu auszuwerten - um sicherzustellen, "dass sie den Erklärungen der Industrie über die Sicherheit der Bohrinseln nicht zuwiderlaufen". Und Floridas Gouverneur Charkie Crist, der sich bereits mehrfach für die Ölförderung vor der Küste ausgesprochen hatte, deutete am Dienstag an, er könne seine Meinung wegen des Unfalls auf "Deepwater Horizon" ändern.

Denn die Folgen an der Golfküste könnten verheerend sein. Unter anderem werden dort in großem Stil Austern und Krabben gezüchtet. Nach offiziellen Angaben holten die Fischer 2008 Shrimps im Wert von 442 Millionen Dollar aus dem Ozean. Eine Ölpest würde die Industrie hart treffen.

"Spill, Baby, Spill"

Die Schalentiere sind nicht die einzigen Lebewesen, die durch das Öl gefährdet sind. Nach Angaben von Louisianas Gouverneur Bobby Jindal sind nicht weniger als zehn Naturparks in seinem Staat und im benachbarten Mississippi bedroht. Auch der Tourismusbranche, die für die Wirtschaft an der Küste von lebenswichtiger Bedeutung ist, droht schwerer Schaden. Urlauber lassen jedes Jahr Milliarden Dollar in der Küstenregion und sichern damit Zehntausende Arbeitsplätze. Der Alptraum von Umweltschützern ist, dass die Ölpest bis zum Beginn der Hurrikansaison im Sommer andauert - und die Folgen durch Wirbelstürme dann noch verschärft werden könnten.

Präsident Obama bleibt nur der schwache Trost, dass die Folgen der Katastrophe nicht nur ihn betreffen dürften. Denn die Republikaner, darunter der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain und seine Vizekandidatin Sarah Palin, drängen zu einer verstärkten Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen vor den amerikanischen Küsten. Palin griff im Wahlkampf auch den Schlachtruf "Drill, Baby, Drill" auf.

Manchen verleitet der Ölaustritt im Golf - zu Englisch "oil spill" - zu sarkastischen Wortspielen. Die Katastrophe sei ein Wendepunkt in der nationalen Energiedebatte, sagte der demokratische Abgeordnete John Garamendi. "Wer 'Drill, Baby, Drill' sagt, muss demnächst auch 'Spill, Baby, Spill' sagen."

mbe/AP/Reuters/AFP

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