• Drucken
  • Senden
  • Feedback
04.05.2010
 

Ölverschmutzte Vögel

Experten empfehlen Töten statt Putzen

Verschmutzter Basstölpel: Grenzt Reinigung an Tierquälerei?Zur Großansicht
AP

Verschmutzter Basstölpel: Grenzt Reinigung an Tierquälerei?

Am Golf von Mexiko bereiten sich Tierschützer auf das Reinigen Tausender ölverschmierter Vögel vor. Deutsche Experten empfehlen jedoch, die Tiere lieber zu töten statt sie zu säubern. Die Überlebenschance einmal verschmutzter Vögel liege bei weniger als einem Prozent.

Die Bilder werden sich gleichen: Wie nach der Havarie des Öltankers "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska werden nun nach dem Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko wieder Tierschützer in weißen Overalls ölverschmierte Vögel einsammeln und versuchen, ihr Gefieder von der klebrigen Masse zu befreien. Das erste gefundene Tier, einen einjährigen Basstölpel, präsentierten US-Wildtierexperten am Samstag den Journalisten.

Für manche Naturschützer grenzen diese Hilfsaktionen jedoch eher an Tierquälerei. "Die mittelfristige Überlebensrate verölter Vögel liegt seriösen Studien zufolge bei unter einem Prozent. Wir lehnen solche Vogelwaschungen deshalb ab", sagt die Biologin Silvia Gaus von der Schutzstation Wattenmeer in Husum.

Gaus spricht aus 20-jähriger Erfahrung. Sie erlebte die Havarie des Holzfrachters "Pallas" 1998 vor Amrum. Die 90 Tonnen Öl, die das Schiff damals verlor, drifteten in ein Vogelschutzgebiet und töteten etwa 13.000 Seevögel: Sie ertranken, erfroren oder verendeten an Stress. Und sie starben an Vergiftungen, verursacht von ihrem Putztrieb. Einmal in einer Öllache gelandet, versuchen die Vögel sofort, das klebrige Rohöl mit Schnabel und Zunge aus ihrem Gefieder zu entfernen - und schlucken dabei die giftige Masse.

Selbst der widerliche Geschmack und stechende Geruch hält die Vogel nicht von den Bemühungen ab, sich zu säubern. Der Grund: Ohne intaktes Gefieder überleben sie nicht, denn nur flauschige Federn speichern die Körperwärme und sind wasserabstoßend. Die Vögel scheinen das zu wissen: "Ihr Putztrieb ist größer als der Fresstrieb, und so lange die Federn schmutzig sind, fressen sie nicht", sagt Gaus.


Ölverschmierte Vögel einzufangen, um sie beim Putzen zu unterstützen, bereitet den Tieren allerdings oftmals derart großen Stress, dass sie an einem Herzschlag sterben können. Zudem kann die giftige Wirkung des geschluckten Öls meist nicht mehr mit Zwangsgaben von Aktivkohle gemindert werden, sagt Gaus. Viele Vögel verendeten deshalb später an Nieren- und Leberschäden.

Die Biologin hat zwar Verständnis für das Bemühen von Tierschützern, die sich verpflichtet fühlten, aus ethischen Gründen alles zur Rettung auch eines einzelnen Vogels zu tun. Doch besser sei es, ölverschmierte Tiere in Ruhe sterben zu lassen oder sie "kurz und schmerzlos" zu töten.

Jörn Ehlers, Sprecher der Umweltschutzorganisation WWF, stimmt dieser Einschätzung zu. "Vögeln, die so ölverschmiert sind, dass man sie fangen kann, kann man nicht mehr helfen", sagt er und erinnert an die Havarie der "Prestige" 2002 vor Spanien.

"In Deutschland nie besonders erfolgreich"

Damals liefen 64.000 Tonnen Schweröl aus, töteten 250.000 Seevögel und verdreckten mehrere tausend Kilometer der französischen und spanischen Küste. Tausende ölverschmierte Möwen, Papageientaucher und andere Seevögel wurden damals zur Reinigung in eine eigens eingerichtete Rettungsstelle ins spanische La Coruña gebracht. Doch nur 600 von ihnen überlebten die Waschvorgänge und konnten freigelassen werden. Die meisten davon starben vermutlich innerhalb weniger Tage: Einer britischen Studie zufolge liegt die mittlere Überlebensdauer gereinigter Vögel bei nur sieben Tagen. "Der WWF ist deshalb sehr zurückhaltend gegenüber solchen Säuberungsaktionen", sagt Ehlers.

Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sieht die Reinigung ölverschmierter Vögel hingegen weniger skeptisch. "Es stimmt, wir waren in Deutschland dabei nie besonders erfolgreich", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der Großteil der Tiere ist gestorben." Die Überlebensrate hänge jedoch auch von der Art des Öls, dem Umfeld und der Prozedur ab, nach der die Rettungsteams vorgingen. Je früher man die Vögel einsammle und je weniger Öl sie aufgenommen hätten, umso mehr könnten gerettet werden.

Wichtig sei auch ein geordneter Ablauf. Die Tiere müssten zuerst medizinisch untersucht werden, um zu entscheiden, ob sie eine Reinigung überhaupt überstehen würden, sagt Detloff. Danach müsse man die Vögel aufpäppeln. Und erst dann könne man mit der eigentlichen Reinigungsprozedur beginnen.

BP zeigt sich optimistisch

Die Arbeiten zur Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko kommen nach Angaben des Energiekonzerns BP unterdessen voran. Eine riesige Kuppel, die über das Leck am Meeresboden gestülpt werden soll, könne vielleicht noch am Dienstag zum Unglücksort transportiert werden, sagte BP-Einsatzleiter Doug Suttles. Tausende Helfer hofften derweil auf besseres Wetter, um den 110 mal 200 Kilometer großen Ölteppich mit Schwimmbarrieren einzudämmen.

BP teilte außerdem mit, Ingenieure hätten mit einer Entlastungsbohrung an der Unfallstelle begonnen. Die Bohrung bis in 5500 Meter Tiefe soll den Druck innerhalb der bestehenden Ölleitung und damit den Ölfluss reduzieren, dauert aber bis zu drei Monate. An der Bohrinsel "Deepwater Horizon" war es am 20. April zu einer Explosion gekommen, bei der elf Arbeiter starben. Zwei Tage später sank die Plattform, seither strömen täglich rund 800.000 Liter Öl aus.

hda/AFP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1851 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.11.2010 von vielblabla:

"US-Ermittler geißeln branchenweiten Leichtsinn" Und? - wird die Geißel bald gegen Zahlung eines Lösegelds freigelassen oder im Hinterhof verscharrt. mehr...

09.11.2010 von nitram1: Wieder mal ein Ideologie verbreitender Artikel!

Die Nachricht: Öl ist so gefährlich wir sollten die Förderung komplett verbieten! Gut, dass unsere weisen Politiker das EEG eingeführt haben. Auch wenn dadurch alles hundertmal so teuer ist und unsere Arbeitsplätze verloren [...] mehr...

09.11.2010 von SURE: ....

Das ist der zwangsläufige Schluss. Oder haben SIe schon mal gesehen, dass man ein Auto kauft, welches 300 kmh fahren könnte und welches mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50kmh ausgestattet ist. Gemerkt haben wir nur [...] mehr...

08.11.2010 von capitain_future: ÖL Absauger -Der neue Markt

Wie wäres mit einen neue Markt der "Tiefseeboden Öl Absauger" ? Also Schiffe die das Öl orten und per langen Schlauch das ausgetretene Öl der zerstörten Plattform am Meersboden absaugen. mehr...

06.11.2010 von AntonRedlich: Unsinn und nochmals Unsinn

Wir waren Ende Sept.-Anfang Aug. in New Orleans und Umgebung. Es ist nichts aber wirklich nichts von dem Disaster zu entdecken. Die Strände sind sauber, das Swamb um NO erscheint unbeschädigt. Der ganze Medienhype erscheint wie [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Ölpest im Golf von Mexiko

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen







TOP



TOP