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05.05.2010
 

CO2-Speicherung

"Wir wollen nicht das CO2-Klo Deutschlands werden"

Von Daniela Schröder

CCS-Technologie: Kohlendioxid unter die Erde
Fotos
DPA

Anstatt es in die Luft zu blasen, wollen Kohlekraftwerke das schädliche Treibhausgas CO2 einfach vergraben. Doch die Technik birgt möglicherweise Risiken, die noch nicht erforscht sind. Ein brandenburgisches Dörfchen wehrt sich jetzt vehement gegen die Testanlage eines Energieriesen.

Vom Kirchturm tönt Protest. Laut, dumpf, minutenlang. 350 Schläge, dann schweigt die große Glocke wieder. An jedem ersten Sonntag im Monat geht das so im kleinen Ort Letschin. Es ist ein Zeichen des Widerstands gegen große Pläne des Energiekonzerns Vattenfall Chart zeigen: Im brandenburgischen Oderbruch will der Stromerzeuger klimaschädliches Gas aus dem Verbrennen von Braunkohle künftig nicht mehr in die Luft blasen, sondern tief unter der Erde entsorgen.

350 Teilchen pro eine Million Teile Luft (ppm) fordern manche als Grenze der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre. Aktuell liegt sie bei gut 390 ppm. Nach der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen begann in Letschin die Mahnglocke zu läuten. Dann wurde sie auch zum Symbol des Protests gegen das Vattenfall-Projekt. Doch der kommt längst nicht mehr nur vom Kirchturm. Bei der jüngsten Demonstration gegen die CO2-Lager in der Region waren tausend Menschen dabei. Für die dünn besiedelte, für lautstarken Widerstand bisher nicht bekannte Gegend an der Grenze zu Polen eine beachtliche Zahl. Dass die Bürger gegen das Vorhaben des Energiekonzerns jetzt auch auf die Dorfplätze gehen, zeigt, wie sehr im Oderbruch die Wut gärt.

"Wir wollen nicht das CO2-Klo Deutschlands werden!" stand auf den Plakaten. "Unsere Heimat darf nicht zur Deponie verkommen", rief der lokale CDU-Bundestagsabgeordnete ins Megaphon. Zustimmende Pfiffe, die Demonstranten klatschten begeistert: Schüler und Rentner, Landwirte und Lehrer, Arbeiter und Unternehmer. Die Proteste im Oderbruch vereinen sie alle, denn hinter der Wut der Menschen steht Angst um die Zukunft ihrer ohnehin strukturschwachen Region. "Warum sollen ausgerechnet wir die Risikopille schlucken?" fragt Ulf Stumpe von der Bürgerinitiative CO2ntra Endlager.

Eine Versuchsanlage zum Abscheiden und Verflüssigen des Treibhausgases läuft bereits seit Herbst 2008 im brandenburgischen Vattenfall-Kraftwerk Schwarze Pumpe. Spätestens 2015 will der Energiekonzern den entscheidenden Schritt weiter gehen und ein Großprojekt starten. Im Braunkohlemeiler Jänschwalde soll die Carbon Capture Storage (CCS)-Technologie zum ersten Mal bei der kommerziellen Stromproduktion zum Einsatz kommen.

Lagerung von bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr

Das Kohlendioxid (carbon dioxide) soll nach dem Verbrennen der Kohle eingefangen (capture), über eine Pipeline abtransportiert und unterirdisch dauerhaft eingelagert (storage) werden. Für Letzteres hat Vattenfall zwei Standorte im Oderbruch im Auge, erste Erkundungen laufen. Salzwasser führende Gesteinsschichten in mehr als tausend Meter Tiefe könnten dort insgesamt bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aufnehmen.

Das Prinzip hinter der neuen Technologie klingt einfach: Gemessen am Brennwert setzt Kohle zwar mehr CO2 frei als jede andere Energieform - rund 1,2 Kilogramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom. Tief unter die Erde gepackt, kann das schädliche Treibhausgas die Atmosphäre jedoch nicht weiter aufheizen. Ein vermeintlich guter Weg also, um die umstrittenen Kohlekraftwerke weiter nutzen und gleichzeitig das Klima schützen zu können.

Wir sind nicht gegen Klimaschutz, sagen die Oderbrüchler, doch wie genau verhält sich das CO2 im Untergrund? Wer garantiert uns, dass wir nicht auf einer Zeitbombe sitzen, die uns eines Tages um die Ohren fliegt? Wer haftet in hundert Jahren für die Sicherheit unserer Urenkel? "Das sind keine diffusen Ängste hysterischer Leute", sagt der Aktivist Stumpe, ein junger Tierarzt. "Es geht um konkrete Fragen nach möglichen geologischen Problemen, doch bisher haben uns weder Wirtschaft noch Politik wissenschaftlich fundierte Antworten darauf gegeben."

Lange Bedenkenliste der Umwelt- und Energieexperten

Die gibt es auch gar nicht. Denn das Erforschen möglicher Risiken hat erst begonnen, Überwachungsmethoden für tief eingelagertes Gas sind noch nicht entwickelt. Entsprechend lang ist die Bedenkenliste der Umwelt- und Energieexperten. Ursachen und Folgen eines möglichen CO2-Lecks sind unbekannt, heißt es etwa beim Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), auch der Einfluss des Gases auf das Grundwasser sei nicht geklärt.

Zudem hängt die CCS-Technologie vom sicheren Speichern des CO2 ab - nur wenn das Gas in der Erde bleibt, sinkt die Konzentration in der Atmosphäre. Doch im Gegensatz zum Abtrennen des Kohlendioxids im Kraftwerk und einem sicheren Transport zum Speicher hängt die Zuverlässigkeit der Lager von natürlichen Gegebenheiten ab. Leere Erdgasfelder eignen sich besser als Salzwasserschichten, da sie bereits bewiesen haben, dass sie dicht halten. Geeignete Gasfelder allerdings gibt es in Deutschland wenige. Doch beim Klimaeffekt von CCS gilt eine ausreichende Speicherkapazität als Knackpunkt.

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CCS: Kohlendioxid unter die Erde

Technologie

AP
Beim CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage) wird Kohlendioxid aus dem Abgas von Kohlekraftwerken abgeschieden, verflüssigt und unter der Erde eingelagert. Für die konkrete Umsetzung der CO2-Sequestrierung gibt es mehrere Möglichkeiten, die teils bereits in Pilotanlagen erprobt werden. So lässt sich CO2 theoretisch auf drei Arten abtrennen: vor der Kohleverbrennung ("Pre Combustion"), bei der Verbrennung mit reinem Sauerstoff ("Oxyfuel") oder durch ein Waschen der Rauchgase ("Post Combustion"). Für den Transport des unter Druck verflüssigten Gases bieten sich vor allem Pipelines oder Schiffe an. Als Speicherstätten kommen in Deutschland leere Gasfelder oder tief liegende spezielle poröse Gesteinsschichten, sogenannte saline Aquifere, in Frage.

Bisherige Nutzung

Mögliche Vorteile

Kritik


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