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10.05.2010
 

Vulkan in Italien

Forscher wollen Neapels Magmamonster anbohren

Von Axel Bojanowski

Phlegräische Felder: Das Monster unter Neapel
Fotos
Thomas Wiersberg

Tief unter der Erde bei Neapel schlummert eine feurige Gefahr: Die Phlegräischen Felder gelten als einer der größten Vulkane der Welt - mitten in einem dichtbesiedelten Gebiet. Jetzt zeigt der Koloss ungewohnte Aktivität. Wissenschaftler sind alarmiert.

Die Bohrung bei Neapel zielt mitten ins Herz einer der gefährlichsten Lavaschleudern der Welt. Es geht um die Phlegräischen Felder, ein rund 150 Quadratkilometer großes Gebiet in der Nähe der Metropole am Mittelmeer.

Das gewagte Ziel des Unternehmens: Herausfinden, wo das Magma unter dem Areal brodelt. "Wir sind bereit", sagte Projektleiter Giuseppe De Natale vom INGV-Osservatorio Vesuviano in Neapel vergangene Woche auf der Jahrestagung der Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien.

Die Phlegräischen ("Brennenden") Felder nahe Neapel sind eine gespenstische Landschaft. Aus gelbbraunen Hügeln wehen schweflige Dämpfe, die nach faulen Eiern riechen. Mancherorts schießen Fontänen heißen Wassers aus der Erde. Doch kein Vulkankegel verrät das Ungetüm. Beim letzten großen Ausbruch vor 39.000 Jahren stürzte die Erdkruste ein, nachdem sich die riesige Magmakammer entleert hatte. Zurück blieb ein Krater, die sogenannte Caldera.

In ihr liegt nun der Großteil der Metropolregion Neapel (siehe Karte links). Angesichts von 1,5 Millionen Menschen in der näheren Umgebung handele es sich um "das gefährlichste Vulkangebiet der Welt", sagt De Natale. Eine große Eruption wie vor 39.000 Jahren könne gar "weite Teile Europas" unter einer dicken Ascheschicht begraben, ergänzt Agust Gudmundsson von der University of London.

Ein Wissenschaftlerkonsortium will in den nächsten Jahren im Rahmen des International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) und des Integrated Ocean Drilling Program (IODP) an sieben Stellen Bohrungen anbringen - sechs in den Meeresboden, eine an Land. Ziel sei es, Ausbrüche vorhersagen zu können und das Verhalten von Vulkanen zu verstehen, sagt De Natale.

Vorstoß ins Ungewisse

Die Forscher wollen Einblick in das Innere des Ungetüms erhalten und in den Bohrlöchern Messgeräte installieren. Zwar steht die Finanzierung noch nicht komplett. Doch die ersten beiden Bohrungen seien genehmigt, erklärte De Natale in Wien.

Der erste Vorstoß soll im September auf einem alten Fabrikgelände direkt an der Küste beginnen. Eigentlich war der Start schon für Dezember 2009 geplant. Doch die Bürokratie habe das Projekt verzögert, berichten Forscher. Die Planung war anspruchsvoll, Behörden mussten von den Sicherheitsvorkehrungen überzeugt werden.

Experten des Geoforschungszentrums Potsdam entwickelten eigens ein Bohrgerät, das der Hitze im Untergrund widerstehen soll. Magma erwärmt die Erdkruste im Bohrgebiet auf mehr als 500 Grad, erwarten die Experten. Doch Gefahr bestehe nicht, beruhigt De Natale. Befürchtungen von Vulkanologen, solche Bohrungen könnten Ausbrüche auslösen, bezeichnet er als "Unsinn".

Wie es im Untergrund aussieht, wissen die Forscher allerdings nur aus indirekten Beobachtungen, etwa mit Hilfe von Schallwellen, die Querschnittbilder des Bodens liefern. Die oberen Erdschichten der Phlegräischen Felder scheinen demnach uninteressant: Sie bestehen vor allem aus Kalkstein, sagt De Natale.

Was passiert, wenn die Bohrung auf Magma trifft?

Es gebe aber Hinweise auf Magma in sieben bis acht Kilometern Tiefe - und die wichtigste Frage ist laut De Natale, ob das geschmolzene Gestein auch in geringerer Tiefe schlummert. Die geplanten Bohrungen sollen bis zu vier Kilometer tief in den Boden vordringen. Damit erscheint es eher unwahrscheinlich, dass man direkt auf Magma trifft. Sollte es dennoch geschehen, wäre auch das kein Risiko, wie der Würzburger Vulkanologe Bernd Zimanowski meint. Eine Bohrung in eine Magmakammer ähnele einem "Stich in einen äußerst zähen Kuchenteig".

Eine solch schwerfällige Masse könne durch eine kleine Bohrung nicht in Wallung geraten, meint auch Christopher Kilburn vom University College London, ein leitender Wissenschaftler des Projekts. Um einen Ausbruch auszulösen, müsste "eine Kettenreaktion in einer großen Magmakammer in Gang kommen", die Gasblasen im Magma wachsen ließe und so den Druck im Untergrund stark erhöht. Ein "kleines Bohrloch" habe jedoch keinen solch großen Einfluss. Magma sei "viel zu zäh, um durch das Bohrloch zu fließen", so Kilburn.

Der Vulkan atmet

In Island jedoch ist vergangenes Jahr genau das geschehen. Ende Juni 2009 musste das Iceland Deep Drilling Project (IDDP) gestoppt werden, mit dem Erdwärmeenergie erschlossen werden sollte. Bei 2104 Metern war überraschend Magma ins Bohrloch gequollen. Mit einer kleinen Explosion hatte das heiße Vulkangemisch Bohrflüssigkeit verdampfen lassen. 2005 erschraken Forscher eines Bohrprojektes auf Hawaii, als eine Substanz mit der Konsistenz von dickem Sirup in ihr Bohrloch quoll. Auch hier mussten die Arbeiten eingestellt werden. Ansonsten blieben die Zwischenfälle aber folgenlos.

Explodieren könne das Magma ohnehin nur, wenn der Vulkan "sowieso vor dem Ausbruch" stünde, meint Kilburn. Für eine bevorstehende Eruption gebe es bei den Phlegräischen Feldern zwar keine Hinweise. Seit 1968 sei der Vulkan allerdings etwas unruhig geworden. Der Hafen der Stadt Pozzuoli habe sich seither um drei Meter gehoben; Straßen werfen Wellen.

Der Vulkan bewegt die Landschaft seit Menschengedenken. Davon zeugen drei berühmte Marmorsäulen aus der Römerzeit auf dem Marktplatz von Pozzuoli. Die Bauwerke stehen auf dem Trockenen und tragen dennoch Spuren von Muscheln. Nicht der Meeresspiegel schwankte hier so stark, sondern das Land. Wie ein unter der Erde atmender Riese heben und senken die Phlegräischen Felder das Gestein.

Mehrfach überschwemmte das Meer daher den Marktplatz von Pozzuoli. Dreimal in den vergangenen 2000 Jahren reichte das Wasser an die Muschellöcher heran, im 5., im 9. und im 14. Jahrhundert. Doch obwohl sich die Erde ständig bewegte, gab es Ausbrüche nur etwa alle 500 Jahre. Zuletzt spuckten die Phlegräischen Felder im Jahr 1538 etwas Lava und Asche; 24 Menschen sollen damals gestorben sein.

Stadt musste evakuiert werden

Bodenhebungen seien kein verlässliches Warnsignal für Vulkanausbrüche, resümiert De Natale. Vermutlich sei es nicht immer Magma, das den Untergrund hebe. Ebenso komme erhitztes Grundwasser in Frage. Als jedoch Anfang der achtziger Jahre der Boden immer heftiger bebte und Gebäude bröckelten, bekamen es die Behörden mit der Angst zu tun: Tausende Bewohner mussten die Altstadt von Pozzuoli verlassen - aus Furcht vor einer Eruption. Doch der Vulkan blieb friedlich.

Seither ist der Boden wieder abgesunken. Doch vor sechs Jahren hat er sich erneut zu heben begonnen, sagt De Natale. Viele Einwohner fragen sich nun: Was geht im Untergrund vor? Die Bohrungen sollen das Geheimnis der Brennenden Felder lüften.

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30.05.2010 von Frank Wagner: Ah ja.

Genau, so ein kleines Loch, das kriegt man doch ohne Probleme in den Griff..beweist BP ja täglich... mehr...

12.05.2010 von WalterJoergLangbein: Vorsicht!

Durch Zufall habe ich diese Meldung entdeckt. Vorsicht ist geboten! Mit Supervulkanen spielt man nicht. Der Ausbruch so eines Supervulkans kann zu einer weltweiten Apokalypse führen! Und in der Tat... es gibt einige [...] mehr...

11.05.2010 von Parvis: Durchmesser

Natürlich hat der Durchmesser etwas damit zu tun - die Menge des austretenden Gases wird durch den Druck und den Durchmesser der Bohrung bestimmt. Und bei einem Durchmesser von +-10 cm ist der Angriffspunkt bei einer [...] mehr...

11.05.2010 von mein_kommentar: Das Risiko bleibt

Ich verstehe, dass es über das Thema Gips einiges zu sagen gibt, aber ich finde, dass viele vergessen, dass dieses Forum zur Problematik entstanden ist Bohrungen in Magmenkammern abzuteufen. Tja, was könnte so eine Bohrung [...] mehr...

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Die Phlegräischen Felder, Riesen-Vulkan in Süditalien

Neapel ist umgeben von zwei Vulkangiganten: Dem Vesuv und den Phlegräischen Feldern. Im Umkreis leben Millionen Menschen. Heiße Quellen zeugen von einer mächtigen Magmakammer in der Tiefe. Doch kein Vulkankegel verrät die Phlegräischen Felder, er ist beim letzten großen Ausbruch vor 39.000 Jahren eingestürzt. Zurück blieb ein Krater, die sogenannte Caldera. Der Ausbruch war weltweit einer der größten der vergangenen hunderttausend Jahre. Selbst Nordeuropa wurde unter dicker Asche begraben. Dunkle Wolken kühlten das Klima auf Jahre hinaus. In den vergangenen zehntausend Jahren spuckten die Phlegräischen Felder durchschnittlich alle 500 Jahre Lava und Asche; kein Ausbruch erreichte jedoch die Stärke von vor 39.000 Jahren. Doch die nächste Großeruption scheint nur eine Frage der Zeit. Der Vulkan bewegt sich: Die ganze Region hebt und senkt sich meterweise - denn im Untergrund rumort das Magma.




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