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13.05.2010
 

Golf von Mexiko

Forscher verzweifeln an der Ölpest

Golf von Mexiko: Der verzweifelte Kampf gegen die Ölpest
Fotos
AFP

BP zeigt neue Aufnahmen des lecken Bohrrohrs im Golf von Mexiko - sie belegen: Das Öl fließt unaufhörlich. Den Rettern gehen bald die Optionen aus, die Regierung beruft jetzt ein Expertenteam ein. Nur die US-Bürger sind unbeeindruckt. Einer Umfrage zufolge beharrt eine Mehrheit auf der Offshore-Förderung.

Houston/Washington/London - Was tun, wenn einem die Ideen ausgehen? Man versammelt die schlauesten Fachleute, sperrt sie in einen Raum und hofft das Beste. Das zumindest scheint sich die US-Regierung gedacht zu haben, als sie jetzt einige der besten Wissenschaftler des Landes zum Ölpest-Brainstorming versammelt hat.

Physiker, Ingenieure, Geologen und andere Experten berieten derzeit in der BP-Zentrale im texanischen Houston darüber, wie das Problem zu lösen sei, sagte US-Energieminister Steven Chu. "Die intellektuelle Lokomotive dieses Landes" sei im Einsatz. "Wir machen Fortschritte", sagte Chu, selbst Nobelpreisträger in Physik. Worin die bestehen, verriet er allerdings nicht.

Die Wissenschaftler sollen die bislang vom britischen Ölkonzern BP unternommenen Versuche neu bewerten und mögliche Alternativen vorschlagen. Zudem sollen sie so viele Informationen wie möglich über die Katastrophe sammeln, um ein solches Desaster in Zukunft zu vermeiden. Der Konzern hat inzwischen Bilder von einem lecken Bohrrohr in der Tiefsee veröffentlicht (siehe Fotostrecke und Videos) - sie dokumentieren, dass ungebremst Öl austritt. Und auch, wie das Aufsetzen einer Stahlglocke vor wenigen Tagen gescheitert ist.

Der riesige Ölteppich, der nach der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko entstanden war, befand sich am Mittwoch nur etwa 15 Kilometer vom Festland entfernt. Nach letzten Schätzungen der staatlichen Ozean- und Wetterbehörde (NOAA) dürfte er am Samstag das Festland erreichen.

Hoffen auf Erfolg mit zweiter Stahlglocke

Derzeit ruhen die Hoffnungen auf einem weiteren Versuch zur Abdichtung des Öllecks mit einer anderen Stahlglocke, die über die leckende Förderanlage am Meeresgrund gestülpt werden soll. Nach Angaben von BP war die neue Glocke am Mittwoch "in unmittelbarer Nähe des Lecks" - das Herablassen verzögerte sich jedoch. Jetzt soll sie erst in den kommenden Tagen in Stellung gebracht werden. Ein Versuch mit der ersten Stahlglocke war in der vergangenen Woche gescheitert, weil sich in ihrem Inneren Eiskristalle gebildet und das Absaugen des Öls verhindert hatten. Die neue Glocke ist kleiner, eine Wärmevorrichtung soll Eis zum Schmelzen bringen.

Sollte auch der zweite Anlauf misslingen, werden die Optionen knapp. BP-Experten bereiten derzeit eine Aktion zum Verstopfen der Quelle mit Gummi- und Holzgeschossen vor. Die als "Junk Shot" ("Müll-Beschuss") bezeichnete Methode werde aber frühestens in der zweiten Hälfte der kommenden Woche zum Einsatz kommen, sagte BP-Manager Doug Suttles. Dabei würde das fehlerhafte Sicherheitsventil verstopft werden - der sogenannte "Blowout Preventer", der im Falle einer Havarie das Bohrloch eigentlich abschotten soll. Auch über die Installation eines zweiten "Blowout Preventers" oberhalb des defekten Geräts werde nachgedacht.

Die einzige Strategie, die mit einiger Sicherheit Erfolg verspricht, ist eine Entlastungsbohrung in der Nähe des Lecks. Sie soll es erlauben, das offene Bohrloch mit Beton oder einer anderen schweren Flüssigkeit zu verschließen. Eine solche Bohrung wird bereits vorangetrieben, doch es wird voraussichtlich noch bis zu drei Monate dauern, ehe man auf diese Weise den Ölausfluss stoppen kann.

Amerikaner untersützen Offshore-Bohrungen trotz Ölpest

Das Krisenmanagement der US-Regierung stößt auf Zustimmung. 42 Prozent zeigten sich einer GfK-Umfrage für die Nachrichtenagentur AP zufolge zufrieden mit der Reaktion von US-Präsident Barack Obama. Nur jeder dritte Befragte erklärte, er sei mit den Maßnahmen der Regierung unzufrieden. Die Ölpest war anfangs häufig mit dem Hurrikan "Katrina" verglichen worden, der 2005 New Orleans verwüstete - die Umfragewerte von Obamas Vorgänger George W. Bush hatten entsprechend gelitten.

Die Umfrage ergab außerdem, dass die US-Bürger Offshore-Bohrungen trotz der Ölpest weiterhin positiv gegenüberstehen. Nur 38 Prozent der Befragten sind gegen solche Projekte, 50 Prozent dafür. Allerdings zeigt sich hier ein klarer Unterschied zwischen den politischen Lagern: Während bei Republikanern eine Drei-zu-Eins-Mehrheit für Offshore-Bohrungen herrscht, sind bei den Demokraten 52 Prozent dagegen und nur 36 Prozent dafür.

Auch BP kommt in der aktuellen Umfrage relativ glimpflich davon: Nicht einmal jeder zweite Befragte (49 Prozent) äußerte sich negativ über den Ölkonzern, 32 Prozent bewerteten dessen Verhalten gar positiv - trotz der inzwischen bekannt gewordenen Versäumnisse bei den Sicherheitsmaßnahmen.

Hohe Kosten für BP

Dennoch dürfte die Ölpest für BP noch unangenehmer werden, als sie es ohnehin schon ist. In Anhörungen vor dem US-Senat wurden teils haarsträubende Sicherheitsmängel auf der gesunkenen Ölbohrplattform bekannt. So habe die für die Aufsicht der Ölförderung verantwortliche Rohstoffbehörde MMS den Blowout Preventer vor dem Einsatz nicht auf Tauglichkeit geprüft.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass der Blowout Preventer tatsächlich defekt war. Der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxmann sagte, in einem entscheidenden Hydrauliksystem des tonnenschweren Bauteils habe es ein Leck gegeben. Außerdem sei ein Sicherheitstest wenige Stunden vor der Explosion fehlgeschlagen. Das habe das Energie- und Handelskomitee des Senats herausgefunden.

Seit der Explosion auf "Deepwater Horizon" sind geschätzte 15 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko geströmt. Die Folgen haben BP nach eigenen Angaben bisher bereits 450 Millionen US-Dollar (355 Millionen Euro) gekostet. Der Konzern korrigierte damit am Donnerstag die vor einigen Tagen genannte Summe um 100 Millionen Dollar nach oben.

Wie hoch die Gesamtrechnung an BP ausfallen wird, lässt sich derzeit kaum absehen. Analysten sprechen von Beträgen zwischen einigen hundert Millionen und über zwölf Milliarden Dollar. Bisher wurden nach Angaben des Unternehmens 6700 Anträge auf Schadenersatz eingereicht, rund 1000 seien bereits bedient worden. Das alles bleibt auch für den Börsenwert von BP nicht ohne Folgen: Seit Beginn der Katastrophe am 20. April hat der Konzern rund 30 Milliarden Dollar an Wert verloren.

Juristen erwarten Flut von Schadensersatzklagen

Hinzu kommen juristische Auseinandersetzungen. Bisher wurden fast 100 Klagen gegen die an der Ölpest beteiligten Unternehmen angestrengt. Unter den Klägern befinden sich auch die Familien von einigen der elf Arbeiter, die bei der Explosion auf der Bohrplattform getötet wurden. Anwälte sehen einige der größten Sammelklagen in der Geschichte der USA heraufziehen. "Das ist nicht nur eine Umwelt-, sondern auch eine Rechtskatastrophe", sagte Troy King, Generalstaatsanwalt des US-Bundesstaats Alabama.

Die Entschädigungssummen könnten noch weit höher ausfallen als nach der Havarie des Tankers "Exxon Valdez", die 1989 eine Ölpest in Alaska ausgelöst hat. "Die wirtschaftlichen Folgen werden größer sein", sagte Zygmunt Plater, der an der juristischen Aufarbeitung des "Exxon Valdez"-Unglücks maßgeblich beteiligt war. Sowohl die Bevölkerungsdichte als auch die materiellen Werte entlang der Golfküste seien ungleich größer als an der Küste von Alaska.

So dürften nicht nur Fischer, sondern auch die Besitzer von Restaurants, Bootsverleihen, Hotels und Immobilien Schadensersatz fordern. Die betroffenen Bundesstaaten wiederum könnten wie die Kommunen verloren gegangene Steuereinnahmen geltend machen. "Die gesamte ökonomische Struktur von fünf Bundesstaaten ist betroffen", sagte der Rechtsanwalt Tim Howard, der eine der ersten Ölpest-Sammelklagen in Florida eingereicht hat. "Wir sprechen hier von einer Wirtschaftskraft in der Größenordnung einer halben Billion Dollar."

Die bisher eingereichten rund 100 Klagen dürften deshalb erst der Anfang sein. "Die Zahl der Fälle wird dramatisch steigen", sagte der Rechtsanwalt Robert Gordon, der rund 500 Fischer aus der Golfregion vertritt.

mbe/AFP/dpa/apn/Reuters

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Die neuesten Beiträge:
09.11.2010 von vielblabla:

"US-Ermittler geißeln branchenweiten Leichtsinn" Und? - wird die Geißel bald gegen Zahlung eines Lösegelds freigelassen oder im Hinterhof verscharrt. mehr...

09.11.2010 von nitram1: Wieder mal ein Ideologie verbreitender Artikel!

Die Nachricht: Öl ist so gefährlich wir sollten die Förderung komplett verbieten! Gut, dass unsere weisen Politiker das EEG eingeführt haben. Auch wenn dadurch alles hundertmal so teuer ist und unsere Arbeitsplätze verloren [...] mehr...

09.11.2010 von SURE: ....

Das ist der zwangsläufige Schluss. Oder haben SIe schon mal gesehen, dass man ein Auto kauft, welches 300 kmh fahren könnte und welches mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50kmh ausgestattet ist. Gemerkt haben wir nur [...] mehr...

08.11.2010 von capitain_future: ÖL Absauger -Der neue Markt

Wie wäres mit einen neue Markt der "Tiefseeboden Öl Absauger" ? Also Schiffe die das Öl orten und per langen Schlauch das ausgetretene Öl der zerstörten Plattform am Meersboden absaugen. mehr...

06.11.2010 von AntonRedlich: Unsinn und nochmals Unsinn

Wir waren Ende Sept.-Anfang Aug. in New Orleans und Umgebung. Es ist nichts aber wirklich nichts von dem Disaster zu entdecken. Die Strände sind sauber, das Swamb um NO erscheint unbeschädigt. Der ganze Medienhype erscheint wie [...] mehr...

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