New Orleans/Washington - Eine US-Behörde soll Genehmigungen für Ölbohrungen im Meer erteilt haben, ohne die vorgeschriebenen Umweltzulassungen einzuholen. Darunter sei auch eine Genehmigung für die im Golf von Mexiko verunglückte Förderplattform "Deepwater Horizon", berichten die "New York Times" und die "Washington Post".
Die Zeitungen schreiben unter Berufung auf Akten und Insider, die US-Behörde für Rohstoffverwaltung MMS (Minerals Management Service) habe in Hunderten Fällen nicht die Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA kontaktiert. Diese ist unter anderem für den Schutz bedrohter Meerestiere verantwortlich - und muss gesetzlich vorgeschriebene Stellungnahmen für die Öl-Bohrgenehmigungen liefern. Den Berichten zufolge wurden mehr als 300 Bohrvorhaben und über hundert seismische Ölfeldsuchen genehmigt, ohne vorher die NOAA zu konsultieren.
Die MMS habe außerdem "routinemäßig" ihre eigenen Biologen und Techniker überstimmt. Warnungen vor Sicherheits- und Umweltrisiken bei Ölbohrprojekten im Golf von Mexiko und in Alaska seien immer wieder in den Wind geschlagen worden, sagten mehrere Wissenschaftler der "New York Times". Sie seien von MMS-Funktionären gedrängt worden, die Ergebnisse ihrer Studien nachträglich abzuändern, wenn diese vor Unfällen oder Umweltschäden gewarnt hätten.
Eine MMS-Sprecherin sagte der Zeitung, ihre Behörde habe Rücksprache mit der NOAA über den Schutz von gefährdeten Tierarten im Golf von Mexiko gehalten. Auf die Frage, ob sich die MMS auch die erforderlichen Zulassungen eingeholt habe, verweigerte sie der "New York Times" zufolge eine Stellungnahme. Die Sprecherin warf stattdessen der Regierung des früheren Präsidenten George W. Bush vor, Forscher bei Entscheidungen unter Druck gesetzt zu haben. Die Behörde arbeite inzwischen daran, den Experten mehr Einfluss zu geben.
Der MMS war bereits in den vergangenen Tagen ins Zwielicht geraten. In Anhörungen vor dem US-Kongress war bekannt geworden, dass es vor dem Unglück auf der "Deepwater Horizon" Sicherheitsverstöße gab. Unter anderem sollen Experten der Behörde den sogenannten Blowout Preventer vor dem Einsatz nicht auf Tauglichkeit geprüft haben. Das Ventil sollte ein Ausströmen von Öl am Meeresgrund verhindern - hat aber versagt.
Wie groß ist das Leck wirklich?
Immer noch strömen gewaltige Mengen Öl aus Lecks am Meeresboden in den Golf von Mexiko. Der Konzern BP, der die am 20. April explodierte Bohrplattform "Deepwater Horizon" betreibt, schätzte die Menge zunächst auf 1000 Barrel pro Tag. Als dann Wissenschaftler der US-Regierung selbst eine Prüfung durchführten, wurde die Menge auf 5000 Barrel oder 800.000 Liter pro Tag heraufgesetzt.
Doch selbst diese Schätzung, die am 28. April auf Basis von Luftbildern und Unterwasservideos abgegeben wurde, könnte noch zu niedrig liegen. NOAA-Chefin Jane Lubchenco nannte die 5000 Barrel eine nur grobe Annahme. Inzwischen kursieren weit höhere Werte. Ian MacDonald, ein Ozeanograf der Florida State University, spricht von geschätzt 26.000 Barrel pro Tag. Allerdings weist er darauf hin, dass die Zahl nicht von Fachkollegen geprüft wurde: "Eigentlich sollte ich keine solchen Zahlen in den Medien nennen", sagt MacDonald, "das sollten wir in wissenschaftlichen Artikeln tun."
BP-Vertreter haben bei Anhörungen im US-Kongress eingeräumt, dass der Ölstrom schlimmstenfalls auf 60.000 Barrel pro Tag anschwellen könnte. Dann würde etwa alle vier Tage die bei der "Exxon Valdez"-Havarie freigesetzte Ölmenge in den Golf von Mexiko fließen. Das Tankerunglück hatte 1989 vor Alaska eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Seefahrt ausgelöst.
BP unternimmt neuen Versuch mit dünnem Rohr
BP-Mitarbeiter argumentieren, man konzentriere sich lieber darauf, den Ölfluss zu stoppen, als seine Menge zu messen. Außerdem gebe es keine Möglichkeit zur genauen Erfassung. Das allerdings bezweifeln Experten: Instrumente zur Messung von Heißwasserquellen am Meeresboden sind ihnen zufolge geradezu dafür geschaffen. Zwei Forscher der renommierten Woods Hole Oceanographic Institution im US-Bundesstaat Massachusetts haben nach eigenen Angaben solche Messungen schon oft durchgeführt. Man sei auch von BP eingeladen gewesen, die Lage jetzt zu untersuchen, sagte Forscher Richard Camilli der "New York Times". Nach der Entscheidung, das Leck mit einer Stahlkuppel zu verschließen, sei man jedoch ausgeladen worden. BP machte dazu keine Angaben.
Der Konzern will dagegen jetzt versuchen, auf dem abgerissenen Steigrohr in 1500 Meter Tiefe ein Ventil anzubringen. Ferngesteuerte Roboter sollen dann ein zweites, nur 15 Zentimeter dickes Rohr einführen, um das ausströmende Öl abzupumpen. BP-Sprecher Bryan Ferguson sagte im Krisenzentrum in Mobile im US-Bundesstaat Alabama, es gebe "keinen genauen Zeitplan". Noch sei unklar, wie lange der Einsatz dauern werde.
Am Donnerstag hatte der Konzern einen zweiten Versuch unterbrochen, das Loch mit einer Stahlglocke abzudecken. Erst wenn die Installation des Absaugrohrs scheitert, soll diese Option wieder verfolgt werden. Ein erster Versuch mit einer größeren Stahlglocke war in der vergangenen Woche gescheitert, weil sich in ihrem Inneren eisähnliche Methanhydrate bildeten und das Absaugen des Öls verhinderten. Die neue Glocke ist kleiner, eine Wärmevorrichtung soll ein erneutes Verstopfen verhindern.
Gericht erlaubt neue Ölbohrungen vor Alaska
Umweltschützer und Bewohner der Golfküste sehen die immer neuen Probleme der Ölpest-Bekämpfer mit Sorge - im Rest des Landes herrscht dagegen Business as usual. Eine Umfrage hat ergeben, dass nach wie vor eine Mehrheit der US-Bürger für die Offshore-Ölförderung ist. Außerdem hat ein Gericht den Weg für neue Ölbohrungen vor der Küste Alaskas freigemacht. Das Berufungsgericht in Anchorage wies Klagen von Umweltschützern und Ureinwohnern gegen die für den Sommer geplanten Probebohrungen ab.
Die Kläger hatten der US-Regierung vorgeworfen, bei der Genehmigung des Projekts das Risiko eines Unfalls wie derzeit im Golf von Mexiko nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. Außerdem gefährdeten die geplanten Bohrungen bedrohte Tierarten wie den Grönlandwal.
Ein Vertreter von Shell sagte, die Zurückweisung der Klage belege, dass das Unternehmen belastbare Pläne für die Bohrungen vorgelegt habe. "Im Lichte des jüngsten Lecks im Golf von Mexiko arbeiten wir hart daran, zusätzliche Maßnahmen zu identifizieren, mit denen das Programm noch verstärkt werden könnte", sagte Pete Slaiby, Vizepräsident von Shell Alaska.
mbe/Reuters/dpa/AFP/apn
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"US-Ermittler geißeln branchenweiten Leichtsinn" Und? - wird die Geißel bald gegen Zahlung eines Lösegelds freigelassen oder im Hinterhof verscharrt. mehr...
Die Nachricht: Öl ist so gefährlich wir sollten die Förderung komplett verbieten! Gut, dass unsere weisen Politiker das EEG eingeführt haben. Auch wenn dadurch alles hundertmal so teuer ist und unsere Arbeitsplätze verloren [...] mehr...
Das ist der zwangsläufige Schluss. Oder haben SIe schon mal gesehen, dass man ein Auto kauft, welches 300 kmh fahren könnte und welches mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50kmh ausgestattet ist. Gemerkt haben wir nur [...] mehr...
Wie wäres mit einen neue Markt der "Tiefseeboden Öl Absauger" ? Also Schiffe die das Öl orten und per langen Schlauch das ausgetretene Öl der zerstörten Plattform am Meersboden absaugen. mehr...
Wir waren Ende Sept.-Anfang Aug. in New Orleans und Umgebung. Es ist nichts aber wirklich nichts von dem Disaster zu entdecken. Die Strände sind sauber, das Swamb um NO erscheint unbeschädigt. Der ganze Medienhype erscheint wie [...] mehr...
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