Das blutrote Wasser scheint zu kochen, der schwimmende Koloss zuckt nur noch. Nebenan wartet schon ein riesiges Fabrikschiff darauf, das sterbende Tier an Bord zu hieven. So brutal, so bekannt - und bald wieder völlig legal? Beinahe jedem sind die Bilder einer Waljagd auf hoher See vertraut. Oft genug gehören auch protestierende Umweltschützer in Schlauchbooten dazu.
Eigentlich müssten solche Szenen seit 1986 der Vergangenheit angehören: Seither gibt es das internationale Moratorium gegen Walfang. Doch Länder wie Japan, Island und Norwegen harpunieren weiterhin Wale - mit verschiedenen Begründungen. Noch in diesem Monat will die heillos zerstrittene Internationale Walfangkommission (IWC) darüber beraten, ob das Töten der Meeressäuger zumindest für eine Übergangsphase wieder komplett legalisiert werden soll.
Manche fürchten einen Dammbruch, andere argumentieren, mit einem solchen Beschluss werde nur ein Zustand festgeschrieben, der de facto ohnehin Realität sei. "Das Moratorium war nie vollständig wirksam. Das muss man wissen, wenn man es jetzt zäh als Fortschritt verteidigt", sagt Gert Lindemann, deutscher Vertreter in der Internationalen Walfangkommission im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In der Tat sterben immer noch Hunderte von Walen pro Jahr, angeblich im Namen der Wissenschaft oder zur Verpflegung von traditionellen Arktisbewohnern - und am Ende allzu oft als Delikatesse für Gourmets.
In den Dokumentenmappen der IWC-Delegierten liegt nun ein umstrittener Vorschlag von IWC-Chef Cristian Maquieira aus Chile und dessen Vize Anthony Liverpool aus dem Karibikstaat Antigua und Barbuda. Auch Deutschland hat daran mitgearbeitet - auch wenn man in Berlin das Papier in seiner jetzigen Form nicht mittragen möchte. Großbritannien und Australien machen gegen das Papier ebenso Front wie Maquieiras Heimatland Chile.
Das Dokument "IWC/62/7" sieht eine zehnjährige Übergangsfrist vor. In dieser Zeit dürften Wale ganz legal gefangen werden, immerhin mit beständig sinkenden Fangquoten. Doch was danach kommen soll, das weiß niemand so recht. Optimisten hoffen darauf, dass das Töten der Tiere dann komplett endet. "Wir brauchen ein Szenario, das auf ein vollständiges Ende des kommerziellen Walfangs hinausläuft - und zwar ohne Schlupflöcher", sagt der deutsche IWC-Kommissar Lindemann. Doch Walfangstaaten wie Island haben bereits signalisiert, dass sie das keinesfalls akzeptieren würden.
"Das unausgereifteste, schlechteste Dokument seit langer Zeit"
"Etwas Walfang wird der Preis sein, den wir dafür zahlen müssen, dass die Zahl der getöteten Wale zurückgeht", wirbt IWC-Chef Maquieira. Umweltschützer sind mit dem Plan aber unzufrieden. Sie beklagen, dass Regelbrecher wie Japan, dessen Flotte die Wale angeblich aus wissenschaftlichen Gründen tötet, belohnt würden - und dann ganz legal auf Jagd gehen dürften. Außerdem, so fürchten die Walschützer, wäre das Töten auch nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist wohl kaum zu stoppen.
"Wir lehnen den Entwurf strikt ab. Das ist das unausgereifteste, schlechteste Dokument seit langer Zeit", sagt der Walschützer Nicolas Entrup von der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig gebe es aber großen politischen Druck auf die IWC. Nicht zuletzt die USA würden sich für das vorliegende Papier stark machen - um Fangquoten für die Inuit in Alaska langfristig zu sichern. "Dem was da auf dem Tisch liegt, werden wir nicht zustimmen", sagt auch der deutsche IWC-Kommissar Lindemann.
Das Hauptproblem ist evident: Wie soll ein totaler Walfang-Stopp durchgesetzt werden, wenn man den Geist des kommerziellen Walfangs wieder aus der Flasche gelassen hat?
Wörtlich heißt es in dem vorliegenden Kompromisspapier: "No governments are changing their fundamental positions on matters of principle" - keine Regierung ändere ihre fundamentalen Ansichten zur Frage des Walfangs. Islands IWC-Kommissar Tomas Heidar stellt das gegenüber SPIEGEL ONLINE auch noch einmal klar: Nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist wäre man aus Sicht seines Landes genau wieder an der Stelle, an der man heute ist.
Von einem endgültigen Ende des Walfangs ist man also noch weit entfernt.
"Die EU will nicht Island beitreten, sondern umgekehrt"
Selbst Island lehnt den vermeintlichen IWC-Kompromiss ab - wenn auch aus anderen Gründen. Die Regierung in Reykjavík will nicht akzeptieren, dass der internationale Handel mit Walfleisch verboten bleiben soll. "Das Exportverbot muss auch von Island vollständig akzeptiert werden", heißt es dagegen aus Berlin. " Die EU will nicht Island beitreten, sondern umgekehrt. Da gelten klare Spielregeln", sagt Lindemann.
Jahrelang haben sich in der knapp 90 Mitglieder zählenden Internationalen Walfangkommission Befürworter und Gegner des Walfangs gegenseitig blockiert. Doch in Agadir könnte es zu einem Showdown kommen. "Zünglein an der Waage ist die Europäische Union", sagt Walschützer Entrup. Das Problem: Die Europäer sind sich nicht einig. Einer Vielzahl von Walfanggegnern innerhalb der Union stehen einige Befürworter wie Dänemark und Schweden gegenüber.
Die EU-Staaten müssen zunächst intern klären, ob für die Abstimmung in Agadir Einstimmigkeit nötig ist - oder ob eine sogenannte qualifizierte Mehrheit ausreicht. Und was passiert eigentlich, wenn sich die Europäer nicht auf einen Mehrheitsbeschluss einigen können? In diesem Fall müssten sich die EU-Länder bei der entscheidenden Abstimmung enthalten - die Walfangbefürworter in der IWC könnten dann nach einer langen Zeit des Patts Oberhand gewinnen. Wer 75 Prozent der abgegebenen Stimmen zusammenbekommt, kann in dem Gremium eine Entscheidung herbeiführen.
Internationaler Gerichtshof befasst sich mit japanischem Walfang
Die Regierung von Australien will angesichts dieser Aussichten nun auf anderem Weg für einen Schutz der Wale sorgen: Am Dienstag reichte sie eine Klage beim Internationalen Gerichtshof in Den Hag ein. Japan, so die Forderung in der 15-seitigen Klageschrift, müsse seine vermeintlich wissenschaftlichen Harpunen-Aktivitäten im südlichen Ozean stoppen.
"Es hat sich herausgestellt, dass die jetzigen und vorgeschlagenen IWC-Prozesse den entscheidenden juristischen Streitpunkt zwischen Australien und Japan nicht lösen können", heißt es in der Klage, die von Lydia Morton, der australischen Botschafterin in den Niederlanden, unterzeichnet ist.
Es bleibt abzuwarten, ob sich die Den Haager Richter tatsächlich darauf einlassen werden, die Wissenschaftlichkeit des japanischen Walfangs zu bewerten - oder ob sie sich mit einem Verweis auf die Freiheit der Wissenschaft aus der Affäre ziehen. Lob bekommt der australische Vorstoß von Umweltschützern trotzdem: "Endlich geht eine Regierung über rhetorische Drohgebärden hinaus", sagt Nicolas Entrup. "Das war überfällig."
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Es gibt doch nur einen Weg: Kontrolle, Verstoss festgestellt, Schiff beschlagnahmen und Mannschaften in der Knast. Schiff ist unwiderruflich weg/als künstliches Riff geparkt und Mannschaften haben 2 Jahre schwedischen Urlaub [...] mehr...
Durch Jahrzehnte lang andauernden Walfang wurden viele Wal- und Delfinarten an den Rand der Ausrottung gebracht. Auch heute sind diese faszinierenden Meeressäuger immer noch der Bejagung und zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. [...] mehr...
Das sicher. Ich würde sogar behaupten, dass sich dieser Einsicht kein vernünftiger Mensch verweigern kann, das ist ja nicht grundlos auch das erste Gebot der FAO und ähnlicher Organisation. Weshalb erst recht auch jene zustimmen [...] mehr...
Natürliche Ressourcen müssen und können wir nutzen. Es darf aber nur maximal zu den nachwachsenden Teilen geschehen. Aus reiner Profitgier die Meere leer zu fischen und Urwälder abholzen muss passe sein. Zur Not gibts eben mal [...] mehr...
Nun, so ausgedrückt ist es natürlich schon was anderes. Auch wenn ich mich nicht in Absolutismen wie "nie" versteigen würde, ebenso ist es durchaus zweifelhaft, dass solche Kulturen alleine aufgrund ihrer niedrigen [...] mehr...
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