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28.06.2010
 

Wahrnehmung

Gesichtserkennung funktioniert nur unter Artgenossen

Thatcher-Illusion: Verzerrungen erkennen wir sofort - außer wenn das Bild Kopf stehtZur Großansicht
MPI für biologische Kybernetik / Christoph Dahl

Thatcher-Illusion: Verzerrungen erkennen wir sofort - außer wenn das Bild Kopf steht

Manchmal unterliegt die Wahrnehmung einer Illusion: Steht ein Gesicht Kopf, erkennt man groteske Verzerrungen darin kaum. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass Gesichtserkennung nur bei Artgenossen funktioniert. Über abnormale Menschenbilder wundern sich Affen nicht - und umgekehrt.

Menschen erkennen Familien- oder Gruppenmitglieder innerhalb von Sekundenbruchteilen an ihrem Gesicht. Täglich begegnen wir einer Vielzahl von Menschen: der netten Bedienung beim Bäcker, dem Busfahrer oder den Arbeitskollegen im Büro. Ohne die Fähigkeit, Gesichter auf einen Blick zu erfassen und zu erkennen, könnten wir die Personen nicht unterscheiden. Das Gehirn überprüft dabei nicht nacheinander jedes einzelne Merkmal wie Augen, Nase, Mund oder Kinnpartie, sondern nimmt es als Einheit wahr. Sind Teile des Gesichts grotesk verzerrt oder gar verkehrt herum abgebildet, fällt es sofort auf.

Steht das Gesicht jedoch auf dem Kopf, tun wir uns schwer, begrenzte Veränderungen innerhalb des Gesichts wahrzunehmen (siehe Großansicht des Fotos). Dieses Phänomen wird Thatcher-Illusion genannt, nach der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, deren Fotografie 1980 ein Professor verwendet hatte, um die Illusion zu demonstrieren.

Gesichter wiedererkennen und einordnen zu können, war und ist eine überlebenswichtige evolutionäre Eigenschaft. Allerdings funktioniert sie nur eingeschränkt: Denn sowohl bei Menschen als auch bei Affen dient sie vorrangig zur Erkennung von Artgenossen. Das haben deutsche und südkoreanische Forscher jetzt mit Hilfe der Thatcher-Illusion herausgefunden, berichten sie im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B".

"Von klein auf werden wir auf die Gesichter anderer Menschen geprägt: eine lange Nase, der Schwung der Lippen, die viel zu dicken oder zu dünnen Augenbrauen. So lernen wir, die kleinen Unterschiede zu erkennen, die zu einem individuellen Aussehen beitragen", sagt Erstautor Christoph Dahl vom Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. Ähnlich ist es auch bei Affen. Sie lernen die Gesichtszüge ihrer Artgenossen zu erkennen und können so schnell die Identität jedes Gruppenmitglieds erfassen. "Sowohl beim Mensch als auch beim Rhesusaffen funktioniert dieses Prinzip jedoch nur bei Individuen der eigenen Art", sagt Dahl.

Dahl und seine Kollegen ließen 22 Menschen und drei Makaken zum Test antreten. Die fünf bis sieben Jahre alten Affen waren in Verbänden von 20 bis 30 Tieren gehalten worden, wodurch sie entsprechend Gelegenheit hatten, die Gesichter ihrer Artgenossen zu studieren. Menschliche Gesichter waren ihnen fremd, da ihre Pfleger stets Masken getragen hatten. Die menschlichen Probanden waren weder mit dem Effekt der Thatcher-Illusion noch mit Makaken näher vertraut.

Verzerrt oder normal?

Alle Versuchsteilnehmer bekamen nun Bilder von Artgenossen und Angehörigen der anderen Gruppe gezeigt: normale Bilder, kopfstehende normale Bilder, verzerrte und kopfstehende verzerrte Versionen. Dabei zeichneten die Forscher ihre Augenbewegungen mit Hilfe eines Blickverfolgungsgeräts auf.

Die Affen erkannten sofort, wenn Bilder ihrer Artgenossen grotesk verzerrt dargestellt worden waren. Wenn ein Bild die aufrechte, aber verzerrte Version eines Artgenossen zeigte, ruhte ihr Blick besonders lange darauf - ein Zeichen dafür, dass ihnen aufgefallen war, dass etwas mit dem Bild nicht stimmte. Zwischen dem kopfstehenden normalen und dem kopfstehenden verzerrten Bild gab es hingegen nur geringfügige Unterschiede in der Verweildauer. Umgekehrt fanden die Affen offensichtlich nichts Ungewöhnliches an den abnormalen Menschenbildern.

Genauso erging es Menschen, die verzerrte Affenbilder betrachten sollten: Sie erkannten die Unterschiede zur normalen Abbildung weder in der kopfstehenden noch in der aufrechten Variante - die Verweildauer war in beiden Fällen etwa gleich.

Erklärt wird die Thatcher-Illusion damit, dass nur bei der aufrechten Präsentation eines Gesichtes eine ganzheitliche Verarbeitungsweise stattfindet. Diese erlaubt es, feine Veränderungen in der Anordnung der einzelnen Gesichtsteile zu erkennen. Dreht man das ganze Gesicht um 180 Grad, geht diese Fähigkeit verloren.

Die Forscher sehen darin einen weiteren Beweis für die These, dass bei der Gesichtserkennung eine Spezialisierung auf Artgenossen vorliegt: Beim täglichen Umgang miteinander ist es besonders wichtig, ein Gegenüber rasch richtig einordnen und Informationen aus seinem Gesicht ablesen zu können.

cib/ddp

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