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21.07.2010
 

Sommerhitze

Gigantischer Algenteppich bedeckt große Teile der Ostsee

Warmes Wasser, wenig Wind, zu viele Nährstoffe: In der Ostsee hat sich ein Algenfilm von der Größe der Bundesrepublik gebildet. Er bedroht viele Meeresorganismen, warnt der WWF - und auch für Menschen ist die Plage gefährlich.

Hamburg - Seine riesigen Dimensionen sind aus der Satellitenperspektive gut zu erkennen: In der Ostsee hat sich der größte Algenfilm gebildet, der seit 2005 gesichtet wurde. Die Blaualgen, die zum Stamm der Cyanobakterien gehören, bedecken inzwischen eine Wasseroberfläche von rund 377.000 Quadratkilometern - das entspricht in etwa der Landfläche ganz Deutschlands.

Damit seien inzwischen 90 Prozent des Binnenmeers von dem Algenproblem betroffen, sagte eine Sprecherin der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) am Mittwoch in Hamburg. Nach Angaben des WWF zieht sich der Algenfilm derzeit von Finnland bis in die Kurische Nehrung, die Pommersche Bucht und bis nordwestlich von Rügen. In den deutschen Küstengewässern sind bisher besonders das Achterwasser und das Oderhaff sowie der Strelasund betroffen.

Im Grunde ist die sogenannte Algenblüte ein natürliches Phänomen. Doch in diesem Jahr hat die langanhaltende Periode mit hochsommerlichen Temperaturen und wenig Wind - gepaart mit der Tatsache, dass in der Ostsee mineralische Nährstoffe in Hülle und Fülle vorkommen - dazu beigetragen, dass sich die Blaualge explosionsartig vermehren konnte.

Todeszonen am Meeresgrund

Das sind keine guten Nachrichten für die Tiere und Pflanzen: Der Algenfilm trage zu einer Verschärfung des Sauerstoffproblems in der Ostsee bei, warnt der WWF. "Und der Sommer hat gerade erst begonnen", sagte der Stralsunder WWF-Projektleiter Jochen Lamp, der eine Algenplage an der deutschen Ostseeküste nicht mehr ausschließt. "Riesige Algenteppiche schaden in erster Linie der Meeresumwelt. Pflanzen sterben ab, und regelrechte Todeszonen ohne Sauerstoff bilden sich am Meeresgrund weiter aus." Sterben dann die Blaualgen ab, wird besonders viel Sauerstoff verbraucht und giftiger Schwefelwasserstoff gebildet, der allen Organismen am Ostseegrund schadet.

Weil Blaualgen bestimmte Wirkstoffe ausscheiden, können sie auch für den Menschen gefährlich werden: Einige Cyanobakterien-Arten produzieren Gifte, sogenannte Cyanotoxine, die zum Beispiel für die Leber schädlich sein und sogar zum Kreislaufschock führen können. Andere Blaualgen-Gifte stören das Zusammenspiel von Nerven- und Muskelzellen und können Krämpfe oder Lähmungserscheinungen auslösen.

Geraten die Blaualgen mit der Haut in Kontakt, kann dies zu Haut- und Schleimhautreizungen führen. Außerdem sind allergische Reaktionen möglich. Auch wer unter Neurodermitis oder Asthma leidet, sollte jeden Kontakt mit ihnen vermeiden. Wer größere Mengen des belasteten Wassers verschluckt, muss mit Durchfallerkrankungen rechnen.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft warnt die Bevölkerung davor, bei sichtbarer Blaualgen-Massenentwicklung ins Wasser zu gehen. Im Sommer 2001 wurden bereits Teile der deutschen Ostseestrände wegen der Blaualgen gesperrt.

"Überdüngung ist das größte Umweltproblem"

Einen Grund für das Massenwachstum der Blaualgen sieht der WWF in den Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft. Über Flüsse gelangen große Mengen Stickstoff und Phosphor aus Düngemitteln ins Meer, die bei günstigen Witterungsbedingungen die Algenblüte vorantreiben. "Überdüngung ist das größte Umweltproblem der Ostsee und der Motor für die Ausbreitung der sauerstoffarmen Zonen", sagt Lamp. "Es ist unverantwortlich, wenn die Ostseeanrainer ehrgeizige Ziele zum Stopp des Nährstoffeintrags beschließen und dann dieselben Staaten die Überdüngung anheizen."

In Schweden ist beispielsweise kürzlich die Düngemittelsteuer abgeschafft worden. In Mecklenburg-Vorpommern wurde das Landeswassergesetz so geändert, dass statt bisher bis auf sieben Meter jetzt bis auf einen Meter an Gräben und Bäche heran gedüngt und gespritzt werden darf.

Zum Schutz der belasteten Ostsee fordert der WWF daher strengere Maßstäbe für die Landwirtschaftseinträge, ein ostseeweites Verbot von Phosphaten in Waschmitteln und die konsequente Abwasserreinigung von Kreuzfahrt- und Fährschiffen. Die Abwässer müssten zudem während der Liegezeit in den Häfen entsorgt werden. Schätzungsweise 340 Tonnen Stickstoff und 112 Tonnen Phosphor gelangen jedes Jahr aus Abwässern der Passagierschifffahrt direkt ins Wasser der Ostsee.

cib/AFP/ddp

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