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03.08.2010
 

Evolution bei Spinnen

Winzige Männchen haben riesige Vorteile

Spinnentiere: Riesige Weibchen, winzige Männchen
Fotos
REUTERS

Warum sind manche Spinnenweibchen geradezu monströs, die Männchen aber winzig? Früher glaubte man, dass die weibliche Fruchtbarkeit ein Grund dafür ist. Jetzt haben Forscher eine neue Theorie: Nur zierliche Männchen können Brücken schlagen - und verschaffen sich so einen entscheidenden Vorteil.

Es ist eine tödliche Begierde, der die Herren nur selten entkommen: Das stattliche Wespenspinnen-Weibchen übt auf die zierlichen Männchen eine große Anziehungskraft aus. Dieses Verlangen führt aber allzu oft in den Tod, denn die Weibchen sehen in ihrem Liebhaber nicht nur den Geschlechtspartner, sondern auch eine Beute. Nur wer flink genug ist und rechtzeitig den Absprung schafft, entrinnt dem Verderben. Ansonsten ist das Männchen dem Weibchen weit unterlegen.

Experten sprechen vom Geschlechtsdimorphismus, wenn Männchen und Weibchen ein unterschiedliches Erscheinungsbild haben. Bei den Spinnen können die Männchen zehn mal so klein sein wie ihre weiblichen Artgenossen - und in manchen Fällen nur ein Hundertstel der Masse auf die Waage bringen. Aber warum sind Männchen Winzlinge und Weibchen Riesen?

Auf diese Frage hat ein Forscherteam um Guadalupe Corcobado und Jordi Moya-Laraño vom Zentrum für Biologische Forschung in Spanien jetzt eine neue Antwort gefunden. Demnach könnte das Brückenschlagen - eine Art Transport - eine wichtige Rolle spielen: Vor allem Spinnen, die in Bäumen oder in Busch- und Wiesenregionen leben, nutzen diese Möglichkeit um von A nach B zu kommen. Ähnlich wie man es aus den "Spider Man"-Filmen kennt, wirft die Spinne einen Seidenfaden aus. Der Wind bläst den Faden davon, bis er auf einer benachbarten Pflanze hängenbleibt. An dieser Brücke Marke Eigenbau hangelt sich dann die Spinne entlang, und erreicht so Terra Incognita. Mit etwas Glück wartet dort das nächste paarungswillige Weibchen oder eine leckere Beute auf sie.

Wie im Fachmagazin "BMC Evolutionary Biology" nachzulesen ist, haben die Forscher festgestellt, dass nicht jede Spinne das Brückenschlagen gleich gut beherrscht. Vor allem die zierlichen Männchen haben dabei offenbar weitaus weniger Schwierigkeiten als ihre Weibchen.

Insgesamt beobachteten die Forscher 204 Spinnen aus 13 verschiedenen Arten - auch die berühmte schwarze Witwe war darunter - beim Brückenschlagen. Dafür setzten sie die Spinnen auf einen Stand, der etwa 30 Zentimeter von einer Pflanze entfernt war. Um eine leichte Brise im Wald zu simulieren, nutzten sie einen Ventilator, in etwa drei Metern Entfernung von der gegenüberliegenden Seite der Pflanze.

Dabei machten die Forscher eine eindeutige Beobachtung: Auf die Größe kommt es an. Fast alle Spinnen, die mehr als 150 Milligramm wogen, verfehlten die Aufgabe. Die Forscher testen Spinnen bis zu einem Gewicht von einem Gramm.

"Bei denjenigen Spinnenarten, die das Brückenschlagen als gängige Transportmethode nutzen, waren die kleinen Männchen weitaus effizienter", sagt die Biologin Moya-Laraño. Das bringe einen entscheidenden Vorteil mit: "Je kleiner das Männchen, desto mehr Paarungsmöglichkeiten wird es haben und somit seine Konkurrenz aus dem Rennen schlagen." Im Laufe der Evolution seien somit vor allem die kleinen Tiere überlebt, glauben die Forscher.

Die Biologen nehmen auch an, dass die Weibchen keinem derartigen Selektionsdruck ausgesetzt waren, weil ihr großer Körper ein Vorteil beim Zeugen von Nachkommen sei. Corcobado betont, dass die "Brückenbau-Theorie" auch nicht im Widerspruch mit bisherigen Hypothesen zum Geschlechtsdimorphismus bei Spinnentieren stünde.

Der Evolutionsbiologe Charles Darwin glaubte, dass Männchen kleiner seien, um den weiblichen Angriffen nach dem Geschlechtsverkehr zu entkommen. Doch inzwischen haben Evolutionsbiologen andere Hypothesen für den Dimorphismus der Spinnentiere: "Viele Studien legen nahe, dass vielmehr die weibliche Fruchtbarkeit zu diesen Größenunterschieden geführt hat", sagt die Biologin Moya-Laraño. Je größer das Spinnentier, desto mehr Nachkommen kann es zeugen. "Doch Fruchtbarkeit allein reicht nicht aus, um das Phänomen vollständig zu erklären." Schließlich gäbe es auch Arten, bei denen Männchen und Weibchen gleich groß seien.

Das Brückenschlagen dagegen würde erklären, warum bei manchen Arten die Größenunterschiede so enorm seien, schreiben die Forscher. Spinnen, die am Boden leben, müssen keine Brücken bauen, um sich fortzubewegen. Manche Arten, die in Bäumen leben, haben andere Eigenschaften, wie etwa Körperform oder Beschaffenheit der Seide, so dass sie keine Brücken schlagen können. Bei diesen Arten seien kaum Größenunterschiede festzustellen, berichten die Wissenschaftler.

cib

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