Als die kanadische Eisforscherin Trudy Wohlleben auf die Aufnahme des Nasa-Satelliten "Aqua" vom 5. August blickte, entdeckte sie etwas Außergewöhnliches: An der Spitze der Zunge des Petermann-Gletschers, einer der beiden letzten großen Gletscher Grönlands, zeigte sich ein großer Riss.
Kurz darauf analysierten Forscher der University of Delaware die Bilder und Daten aus der Arktis eingehend. Das Ergebnis: Das Stück, das vom Gletscher abgebrochen war, hat eine Fläche von mindestens 260 Quadratkilometer und ist etwa 200 Meter dick. Jetzt treibe der Eiskoloss, der in etwa viermal so groß sei wie der New Yorker Stadtteil Manhattan und halb so hoch wie das Empire State Building, in die Nares Straße zwischen Grönland und Kanada, berichten die Wissenschaftler.
Der Petermann-Gletscher liegt etwa tausend Kilometer südlich des Nordpols im Norden Grönlands. Er verbindet den Grönländischen Eisschild direkt mit dem Ozean: Dabei schiebt er sein Eis aus dem Landesinneren in einer langgestreckten Zunge ins Meer hinaus. Wenn Teile davon abbrechen, sprechen Experten vom "Kalben" des Gletschers. Durch den jetzigen Abbruch der Zunge habe der Gletscher etwa ein Viertel seiner Fläche verloren, die auf dem Meer treibt.
"Das Frischwasser, das in dieser Eisinsel gespeichert ist, könnte den privaten Wasserverbrauch der USA 120 Tage lang stillen", sagte Andreas Muenchow, einer der Eisforscher. Sobald der Koloss in die Nares-Straße getrieben ist, werde er auf kleinere Inseln treffen - und vermutlich in kleinere Stücke zerbrechen. Er könnte aber auch entlang der Küsten festfrieren und den Kanal so verstopfen. Wenn sie nicht steckenbleibt, so der Wissenschaftler, würde die Eisinsel innerhalb der nächsten zwei Jahre entlang der Küste von Baffin Island und Labrador treiben und schließlich den Atlantik erreichen.
Permanent rutschen große Eismassen vom Festland Grönlands und der Antarktis ins Meer. Gewaltige Eisberge brechen ab und treiben auf den Ozean hinaus. Vor zwei Jahren hatten Forscher berechnet, wie schnell die Gletscher Eis verlieren. Zum letzten Mal entstand ein derart massiver Eisbrocken im Jahr 1962: Damals kalbte das Ward Hunt Ice Shelf, das größte Eisschelf in der Arktis. Damals brach ein knapp 560 Quadratkilometer großer Eisbrocken ab, und kleinere Stücke klemmten zwischen den Inseln in der Nares-Straße fest.
cib/dpa
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