Von Jörg Oberwittler
Berlin - Deutschland im Jahr 2050: In Baden-Württemberg reicht das Wasser der Flüsse nicht mehr zum Kühlen der Kraftwerke aus, am Oberrhein grassiert die Malaria und in Niedersachsen bedrohen Sturmfluten die Küste. Ein düsteres Zukunftszenario – und ein kostspieliges. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat Zahlen veröffentlicht, die nicht minder bedrohlich klingen. Weil sie hoch sind, und weil sie zeigen: Die Folgen des Klimawandels werden jeden irgendwie treffen.
Der Bericht des DIW basiert auf Simulationen der künftigen Klima-Entwicklung. Dafür verknüpfen die Ökonomen volkswirtschaftliche Daten mit Modellen für die regionale Klimaentwicklung in Deutschland. Solche Simulationen zeigen, welches örtliche Wetter zukünftig durch die globale Erwärmung wahrscheinlicher werden könnte. Veränderte Wetterlagen und besonders Extremwetterereignisse verursachen Kosten. Für die nächsten Jahrzehnte haben die DIW-Experten sie für die einzelnen deutschen Industriezweige berechnet.
Ihre Prognose: Rund 800 Milliarden könnte der Klimawandel die Deutschen schon bis zum Jahr 2050 kosten. Knapp drei Billionen (eine Zahl mit 12 Nullen) kostet er bis 2100 - falls nicht mehr im Umweltschutz unternommen wird. Mit einem Einbruch des Wirtschaftwachstums von durchschnittlich einem halben Prozent käme Deutschland den Berechnungen zufolge allerdings noch glimpflich davon, jedenfalls im Vergleich zu anderen Ländern.
Doch vor allem die hiesige Land- und Forstwirtschaft in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen werden Dürreperioden und Ernteeinbußen hart treffen. Dasselbe gilt für die deutsche Wintertourismus-Branche. Versicherungen, die Energiewirtschaft und der Gesundheitssektor werden ebenfalls Hauptleidtragende des Temperaturanstiegs sein.
Allein 330 Milliarden durch direkte Klimaschäden
"Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten und er kostet die deutsche Volkswirtschaft Milliarden", sagt Claudia Kemfert, beim DIW für Energie, Verkehr und Umwelt zuständig. Steige die weltweite Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 4,5 Grad Celsius, fielen allein in Deutschland schon bis zur Jahrhundertmitte Kosten von insgesamt knapp 800 Milliarden Euro an. Davon geht bereits ein Drittel auf das Konto direkter Folgeschäden durch extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen oder Stürme.
Die erhöhten Energiekosten, die als zweiter Punkt zu Buche schlagen, beziffert Kemfert auf knapp 300 Milliarden Euro. Wenn Kühltürme zu wenig Wasser aus Flüssen ziehen könnten, Stürme Hochspannungsleitungen schleifen und Hurrikane die Ölförderung gefährdeten, werde auch der Strom teurer. Dies werde in großem Maße auch die Privathaushalte treffen, "und zwar bis 2050 mit rund 250 Euro mehr pro Jahr für den Durchschnittshaushalt."
Bleiben drittens noch die Kosten für die Anpassung an den Klimawandel. Diese beziffert die Ökonomin des renommierten Berliner Instituts, das zu den führenden sechs deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten gehört, auf 170 Milliarden Euro. Damit meint Kemfert beispielsweise den Ausbau von Deichen und Schutzmauern, eine verbesserte Gebäude-Isolierung und die Einrichtung eines speziellen "Hitzewarnsystems", das detaillierte Pläne für den Katastrophenfall und entsprechende Vorsorgemaßnahmen umfasst.
Macht unterm Strich eine prognostizierte durchschnittliche Belastung des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahrzehnten von einem halben Prozent pro Jahr.
Klimawandel als Konjunkturbremser
Die düsteren Berechnungen der Berliner Ökonomen kann man indes nicht direkt mit dem Pessimismus des Stern-Report aus dem vergangenen Winter vergleichen.
Der britische Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern, hatte im Auftrag der britischen Regierung errechnet: Im globalen Durchschnitt könnten zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts verlorengehen, wenn die Menschheit ungebremst weiter auf die Klimakatastrophe zusteuert. Diese Zahlen wären mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 vergleichbar.
Dennoch ist die Berliner Studie mit Vorsicht zu lesen: Das DIW nimmt an, dass die globale Durchschnittslufttemperatur um 4,5 Grad Celsius steigen wird. Dieser Wert liegt am oberen Ende jener Spanne, von der der Uno-Klimarat ausgeht. Im Februar hatte er zahllose Studien und Modellrechnungen zum Thema ausgewertet - und eine Erwärmung zwischen durchschnittlich 2 und 4,5 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts als wahrscheinlich bezeichnet.
Keine "konkrete Prognose" - sondern Simulation
Solche Berechnungen sind aber umstritten: Die Anpassung des Menschen an veränderte Umweltbedingungen werde tendeziell unterschätzt, bemängeln Experten. In der Forschung, so hatte Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht zu SPIEGEL ONLINE gesagt, sei diese Anpassungsperspektive bislang stiefmütterlich behandelt worden.
DIW-Umweltexpertin Claudia Kemfert will den Bericht auch nicht als "konkrete Prognose", sondern als eine "Simulation und als Plädoyer für mehr Klimaschutz" verstanden wissen.
"Wir benötigen nichts geringeres als eine Energierevolution", mahnt sie. Allein 10,4 Tonnen Kohlendioxid würde jeder Bundesbürger jährlich verursachen. "Wenn wir bei der Erhöhung der Durchschnittstemperatur von 2 Grad bleiben wollen, dürfte er nur 3 Tonnen produzieren." Ein Wert, der nach Ansicht der Ökonomin allerdings kaum zu erreichen ist - zumal Länder wie China, Indien und Australien derzeit verstärkt Kohlekraftwerke bauen.
Einen Ausweg aus dieser Misere schlug die Umweltökonomin zum Schluss ebenfalls vor: "Wir brauchen einen breiten Energiemix." Mit seinem geplanten Ausstieg aus der Atomenergie stehe Deutschland weltweit ziemlich alleine da, bemerkte sie. Auf den derzeit wohl größten Klimafeind, die Kohle, würden Schwellenländer wohl auch in Zukunft stark bauen, so dass man sie nicht aus der Debatte aussparen könne, so Kemfert. Investitionen in CO2-arme Kohletechnologien seien darum eine bisher lange vernachlässigte Investition, um die Kosten von morgen zu reduzieren.
mit Material von AP/dpa/rtr
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