100-Jahres-Bilanz Wer vom Klimawandel profitiert - und wen er ruiniert

Wärmer, feuchter, mehr Extremphänomene: Ein neuer "Klima-Trend-Atlas" zeigt, wie sich Europas Wetter binnen 100 Jahren gewandelt hat. Die Daten lassen ahnen, wer den Klimawandel wirklich fürchten muss - und wer profitieren wird.

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Wer geglaubt haben sollte, dass der Klimawandel ein gutes Jahr nach den dramatischen Warnungen des Uno-Klimarats nicht mehr en vogue sein könnte, durfte nach dem dritten Extremwetterkongress in Hamburg beruhigt nach Hause fahren: Der Ansturm der Medien war immens.

Strategisch günstig ließen die Organisatoren das Treffen am Mittwoch von Christian Schönwiese eröffnen. Der Meteorologe von der Universität Frankfurt stellte seinen neuen "Klima-Trend-Atlas" für Europa vor, der auf Beobachtungsdaten der vergangenen 100 Jahre beruht. Schönwiese hatte sich durch die Temperaturaufzeichnungen von 126 Wetterstationen gewühlt; für die Niederschlagsdaten wertete er gar die Messreihen von 521 Stationen aus.

Das Ergebnis: Es ist im Durchschnitt wärmer und feuchter geworden. Zwischen 1951 und 2000 zum Beispiel sei über ganz Europa eine Erwärmungszone zu erkennen, abgesehen vom äußersten Nordwesten und Südosten.

Allerdings: Während mancherorts die Temperatur im Jahresmittel nur um einige Zehntelgrad gestiegen ist, betrug die Erhitzung an anderen Stellen fast zwei Grad. Die Hotspots macht Schönwiese in Skandinavien aus; dort ist die mittlere Temperatur im Winter um drei Grad gestiegen. Und in Südfrankreich; dort ist es im Sommer im Schnitt um zwei Grad wärmer geworden.

Starke Regenfälle und milde Winter

So weit der Blick in die Vergangenheit. Die entscheidende Frage aber, ob diese Ergebnisse Rückschlüsse auf die Zukunft erlauben, geht Schönwiese äußerst zurückhaltend an. "Das ist eine Aufgabe für die Kollegen, die Klimamodelle erstellen", sagt Schönwiese im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur so viel könne man sagen: Der Trend der Erwärmung führe zu "intensiveren Extremereignissen" wie starken Regenfällen, sommerlicher Rekordhitze und äußerst milden Wintern.

Noch schwieriger ist die Vorhersage bei Stürmen - ein insbesondere für die deutschen Küsten enorm wichtiges Problem. "Eventuell wird es im Winter mehr starke Stürme geben", sagt Schönwiese. Aber das gelte nur "mit Vorsicht".

Das hält den Forscher freilich nicht davon ab, durchaus dramatisch klingende Prognosen für die Zukunft der deutschen Nordseeinseln zu stellen. "Die Sturmzunahme ist für diese Inseln gefährlich", sagt Schönwiese und erinnert an die Landverluste etwa auf Sylt. Er denke in dieser Hinsicht "nicht in Kategorien von Jahrhunderten, sondern von Jahrzehnten". "Die Friesischen Inseln sind erst durch Sturmtätigkeit entstanden", sagt Schönwiese. "Mich würde es nicht wundern, wenn die irgendwann wieder weg wären."

Wie vertrauenswürdig sind die Daten?

Auch im Mittelmeerraum werde es ungemütlich. "Ich würde davon abraten, im Hochsommer in diese Länder zu reisen", sagt der Meteorologe. Dafür habe die Erwärmung auch ihr Gutes, und zwar für die deutsche Tourismuswirtschaft: "An Nord- und Ostsee wird sich die Situation für den Tourismus sicherlich verbessern." Erst im Januar wurde eine Studie veröffentlicht, laut der die Temperaturen in der Ostsee-Region schneller gestiegen sind als im globalen Durchschnitt.

Wirklich neu an dem "Klima-Trend-Atlas" ist laut Schönwiese die regionale Aufschlüsselung der Daten: "Der Anwender kann in den Atlas schauen und sich die Veränderungen in seiner Region ansehen." Was der Anwender davon hat, bleibt allerdings weitgehend offen - Denn die Dichte der Wetterstationen ist in Europas Regionen sehr unterschiedlich, und außerdem beeinflussen nicht nur klimatische Ereignisse die Messreihen über die Jahrzehnte hinweg. Befindet sich eine Station etwa am Rand einer Stadt, kann sich das lokale Wetter allein durch deren Wachstum verändern.

Darüber hinaus besteht das Klima nicht nur aus den von Schönwiese erfassten Temperaturen und Niederschlagsmengen, sondern setzt sich aus einer ganzen Reihe weiterer Faktoren zusammen. "Es ist überhaupt nicht gesichert, inwiefern sich Messdaten aus der Vergangenheit auf die Zukunft übertragen lassen", wendet etwa der Münchner Meteorologe Michael Sachweh ein.

Wetter ist nicht gleich Klima

Auch Martin Claußen, Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, hat noch offene Fragen an Schönwieses "Klima-Trend-Atlas" - zum Beispiel warum die Daten nur eine Auflösung von 320 mal 320 Kilometer hergeben, auf den Karten aber wesentlich feinere Details zu erkennen sind. "Das ist aus meiner Sicht noch nicht befriedigend beantwortet", sagt Claußen. "Es stellt sich die Frage: Wie robust ist das?"

Meteorologe Sachweh sieht den größten Nutzen des "Klima-Trend-Atlasses" deshalb weniger auf wissenschaftlichem denn auf didaktischem Gebiet. "Er zeigt den Leuten, insbesondere den Medien, dass es nicht den globalen Klimatrend gibt, sondern dass wir es mit vielen lokalen Trends zu tun haben." Nicht nur deshalb gebe es bloß äußerst schwache direkte Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Naturkatastrophen.

Die "Bild"-Zeitung warnte freilich schon in einer Ankündigung des Extremwetterkongresses: "So schlimm trifft's Hamburg". Bei dem Treffen würden Experten über eine Frage diskutieren: "Was ist nur mit dem Wetter los?" Diese Frage allerdings ist einfach beantwortet: Mit dem Wetter ist los, was schon immer mit dem Wetter los war. "Extremereignisse wird es immer geben", sagt auch Schönwiese in jede Kamera.

Wetter und Klima seien schließlich zwei unterschiedliche Dinge. Um das zu erkennen, brauche man nur aus dem Fenster zu schauen, sagt der Forscher: Derzeit erlebe Deutschland das kälteste März-Ende seit Jahrzehnten - langfristige Erwärmung hin oder her.



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