150 Jahre Evolutionstheorie Ist Darwin gescheitert?

Menschen, Tiere und Pflanzen sind nicht von Gott erschaffen, sondern Ergebnis der Evolution: Vor 150 Jahren veröffentlichte Charles Darwin diese revolutionäre Theorie. In der Forschung ist sie ein Riesenerfolg - populär war sie nie. Ist das menschliche Gehirn zu sehr auf einen Schöpfer gepolt?

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Die Nachricht klang nach großem Durchbruch. "Wissenschaftler der University of Oxford haben eine Lösung des Rätsels gefunden, das als 'Darwins Dilemma' bekannt ist", meldete unlängst die Londoner Geological Society. Charles Darwin, der in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden wäre, hat vor 150 Jahren sein epochales Werk "Über die Entstehung der Arten" veröffentlicht. Darin gestand er mit erfrischender Offenheit ein, dass er keine Ahnung habe, warum man aus der Zeit vor dem Kambrium - jener Ära, die vor rund 542 Millionen Jahren begann - einfach keine Fossilien finden könne.

Im Kambrium spielte sich Erstaunliches ab: Mehr als drei Milliarden Jahre, so schien es, hatte das Leben auf Erden lustlos dahingedämmert, ehe es in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer explosionsartigen Vermehrung der Arten kam. Wo vorher nur skelettlose Unscheinbarkeiten die Meere bevölkerten, traten plötzlich zahnbewehrte Räuber gegen gepanzerte Beute an.

Die sogenannte Kambrische Explosion stellte Wissenschaftler lange vor Rätsel. Religiöse führen sie gern als Gottesbeweis ins Feld: Wie, wenn nicht durch die Hand des Allmächtigen, konnte eine derartig komplexe Vielfalt binnen so kurzer Zeit entstehen?

Inzwischen weiß die Wissenschaft, dass es nicht unbedingt eine Explosion der Artenvielfalt gegeben hat, sondern eher eine rasante Zunahme von Arten mit harten Schalen und Körperteilen. Die gaben, anders als ihre wabbeligen Vorgänger, gute Fossilien ab und konnten so die Jahrmillionen überdauern. Und das wissen Biologen auch nicht erst seit Beginn des Darwin-Jubiläumsjahrs, wie man nach der Lektüre der etwas überschwänglichen Pressemitteilung der Geological Society glauben könnte: Fossile Spuren aus der Zeit vor dem Kambrium sind schon seit längerem bekannt.

Darwins revolutionäre Erkenntnis, dass die modernen Lebensformen das Resultat von Jahrmillionen natürlicher Auslese sind, hatte sich trotz des anfänglichen Dilemmas rasend schnell durchgesetzt. Die bis dahin vorherrschende Überzeugung, die Tier- und Pflanzenarten seien auf ewig unveränderbar, war über den Haufen geworden. Noch ungeheuerlicher war für die meisten von Darwins Zeitgenossen die Schlussfolgerung, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben. Nicht zuletzt deshalb wurde die Evolutionstheorie als eine Bedrohung der politischen, religiösen und sozialen Ordnung der Zeit gebrandmarkt.

Inzwischen ist die Evolutionslehre das am besten belegte Modell zur Erklärung der belebten Natur, das jemals existiert hat. Nur: Sein Erfolg in der Wissenschaft steht in keinem Verhältnis zu seiner Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit. Die Mehrheit der Menschheit weigert sich bis heute hartnäckig, das Offensichtliche zu akzeptieren.

"Gott ist tot", schrieb Nietzsche 1882 und meinte damit den Verlust des Sinns fürs Sakrale. Doch da war der Philosoph wohl etwas voreilig. Nicht nur in bildungsfernen Drittweltländern oder islamischen Gottesstaaten, auch in Industrienationen blüht der Glaube. Die US-Zeitschrift "American Spectator" spricht vom "Mythos des säkularen Westens": Es sei ein "völliges Rätsel", warum so viele Gelehrte und Journalisten glaubten, die Bewohner des Westens seien mehrheitlich Anhänger Darwins. Tatsächlich zeigen Umfragen seit Jahren das gleiche Bild: Die Religionen haben bisher allen Angriffen der Naturwissenschaften getrotzt.

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