150 Millionen Jahre altes Virus Dinosaurier litt unter kaputten Knochen

Klein, aber gefährlich: Ein 150 Millionen Jahre alter Dinosaurierknochen zeigt Anzeichen einer Krankheit, die durch masernähnliche Erreger ausgelöst wird - und Menschen bis heute zu schaffen macht. Forscher sind begeistert, es ist die bisher früheste Spur von Viren.

Dinosaurierknochen mit Spuren der Paget-Krankheit: 150 Millionen Jahre alte Virenspur
dapd/ HZB/ A. Hilger/ F. Wieder

Dinosaurierknochen mit Spuren der Paget-Krankheit: 150 Millionen Jahre alte Virenspur


Viren sind heute allgegenwärtig - doch niemand weiß, wie sie entstanden sind. Manche Forscher gehen davon aus, dass die Winzlinge schon vor Jahrmilliarden existierten, noch bevor es überhaupt die ersten Einzeller gab. Andere Theorien besagen, dass Viren sich aus anderen Lebensformen oder aus der DNA von Wirtszellen heraus entwickelt haben.

Seit wann genau es Viren gibt, ist ebenso offen - denn von kleinen Schädlingen bleibt nichts übrig, dass sich nach langer Zeit noch finden ließe. Jetzt aber haben Wissenschaftler zumindest einen indirekten Hinweis entdeckt: In einem 150 Millionen Jahre alten Wirbelknochen eines Dinosauriers stießen sie auf Anzeichen für eine Knochenkrankheit, die durch masernähnliche Viren ausgelöst wird.

Diese Entdeckung sei eine Sensation, schreiben Florian Witzmann und Oliver Hampe vom Berliner Museum für Naturkunde im Fachmagazin "Current Biology". Noch nie zuvor habe man so alte Hinweise auf diesen Erregertyp gefunden. Die Knochenerkrankung könne nun erstmalig als indirekter Beweis für das Vorhandensein von Viren in erdgeschichtlicher Zeit angesehen werden.

Blumenkohlartige Struktur verrät Virenbefall

Entdeckt hatten die Forscher die Krankheitsanzeichen im Knochen des pflanzenfressenden Dinosauriers Dysalotosaurus lettowvorbecki. Er war in Tendaguru in Tansania ausgegraben und im Museum für Naturkunde aufbewahrt worden.

Wie sich jetzt herausgestellt habe, litt das Tier an der sogenannten Paget-Krankheit, so die Forscher. Beim Menschen führe diese Erkrankung zu deformierten und abnormal verdickten Knochen. Aus der Humanmedizin wisse man, dass masernähnliche Viren einer der Auslöser dieses Syndroms seien.

Die Analyse des fossilen Knochens habe ergeben, dass er - anders als andere Wirbel - eine gleichmäßige Verdickung im mittleren Abschnitt und eine blumenkohlartige Oberflächenstruktur besitze. In der Mikro-Computertomographie habe der Wirbel das charakteristische radiologische Erscheinungsbild der Paget-Krankheit offenbart: einen Abbau des Knochens im inneren Bereich und ein Wachstum im äußeren Bereich. Dieses führte zu einer Verdickung der Außenschicht.

Aus den radiologischen Befunden gehe hervor, dass der Infekt schon bei den Dinosauriern nach dem gleichen Muster verlaufen sei wie beim Menschen, glauben die Forscher. Daraus folge, dass es Paramyxoviren, die potentiellen Auslöser der Paget-Krankheit, bereits seit mindestens 150 Millionen Jahren geben müsse.

Die Paget-Krankheit befällt beim Menschen hauptsächlich den Schädel, die Wirbelsäule und die Beckenknochen. Archäologen haben bisher Hinweise auf die Erkrankung an Knochen bis zurück in die Jungsteinzeit gefunden. Nur vereinzelt existieren Belege für ein Vorkommen des Leidens auch bei anderen Tierarten wie dem Orang-Utan und Halbaffen, schreiben Witzmann und Hampe. Daher sei der Nachweis der Paget-Krankheit bei Fossilien von außergewöhnlicher Bedeutung.

mbe/dapd



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insgesamt 2 Beiträge
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radler_muc 12.09.2011
1. Der gelungene Nachweis und nicht das Krankheitsbild ist bemerkenswert
Ich finde die Tatsache, daß es bereits zu Urzeiten Viren gab, die auch heute noch bekannte Erkrankungen hervorriefen, gar nicht verwunderlich. Wahrscheinlich sind die Biester so alt wie das Leben auf der Erde und die besonders perfiden Mistdinger habe sich gehalten und weiterentwickelt. Mich würde interessieren, welche Evolution die Viren und die Immunsysteme der höheren Lebewesen durchgemacht haben, ob also unser heutiges Immunsystem mit den antiken Biester ein leichte Spiel hätte oder nicht. Das wird man leider (oder zum Glück) wohl nie rausfinden. Bemerkenswert ist jeden falls, daß die entwicklungsgeschichtlich sehr alten Krokodile ein ganz exquisites Immunsystem haben. Ergebnis von Jahrmillionen Weiterentwicklung?
Königstiger87 12.09.2011
2. kt
Zitat von radler_mucIch finde die Tatsache, daß es bereits zu Urzeiten Viren gab, die auch heute noch bekannte Erkrankungen hervorriefen, gar nicht verwunderlich. Wahrscheinlich sind die Biester so alt wie das Leben auf der Erde und die besonders perfiden Mistdinger habe sich gehalten und weiterentwickelt. Mich würde interessieren, welche Evolution die Viren und die Immunsysteme der höheren Lebewesen durchgemacht haben, ob also unser heutiges Immunsystem mit den antiken Biester ein leichte Spiel hätte oder nicht. Das wird man leider (oder zum Glück) wohl nie rausfinden. Bemerkenswert ist jeden falls, daß die entwicklungsgeschichtlich sehr alten Krokodile ein ganz exquisites Immunsystem haben. Ergebnis von Jahrmillionen Weiterentwicklung?
Absolut. Es ist ein evolutionäres Wettrüsten zwischen Wirt und Virus\Bakterium\Parasit. Mit dem Ergebnis, dass bei der Suche nach Sexualpartnern das passende Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Auch beim Menschen (Stichwort wie rieche ich andere Menschen).
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