700-Kilo-Nager Biologen entdecken monströses Meerschweinchen

Es war das wohl größte Nagetier aller Zeiten: Forscher entdeckten die acht Millionen Jahre alten Überreste eines Säugers, der sich kaum von heutigen Meerschweinchen unterschied - bis auf sein Gewicht von 700 Kilogramm.


Nagendes Ungetüm: Forscher fanden die fossilen Überreste eines 700 Kilogramm schweren Meerschweinchens
DPA/ Carin L. Cain/ Science

Nagendes Ungetüm: Forscher fanden die fossilen Überreste eines 700 Kilogramm schweren Meerschweinchens

Es war so groß wie ein Büffel, ernährte sich von Gras und stellte seine niedlichen Verwandten gehörig in den Schatten: Phoberomys pattersoni, das größte jemals lebende Nagetier, machte vor acht Millionen Jahren den venezolanischen Urwald unsicher. So alt sind zumindest die fossilen Überreste des Riesennagers, die ein internationales Forscherteam jetzt analysiert hat.

Bereits im Mai 2000 entdeckt, blieben die Knochen lange Zeit unbeachtet - bis sich die Gruppe um Marcelo Sánchez-Villagra von der Universität Tübingen ihrer annahm. Wie die Biologen im Fachmagazin "Science" schreiben, gehört Phoberomys pattersoni offenbar zur Unterordnung Caviomorpha, den Meerschweinchenverwandten.

Und das Meerschwein, das hat Zähne...

Und Ähnlichkeiten mit den putzigen Haustieren sind durchaus zu erkennen. "Stellen Sie sich ein merkwürdiges Meerschweinchen vor, riesig, mit einem langen Schwanz, der beim Balancieren auf den Hinterbeinen hilft, und ständig nachwachsenden Zähnen", sagt Sánchez-Villagra.

Wie auch bei seinen nur ein Kilogramm schweren Verwandten in den Kinderzimmern waren bei der Riesen-Meersau die Hinterbeine deutlich kräftiger aufgebaut als die Vorderbeine. Anhand des Durchmessers der versteinerten Oberschenkelknochen gelang es den Wissenschaftlern, das Gewicht des Tieres abzuschätzen.

Überraschende Gewichtsunterschiede

Demnach brachte das Nagetier, dessen Überreste rund 250 Kilometer westlich der venezolanischen Hauptstadt Caracas entdeckt worden sind, gut 700 Kilogramm auf die Waage. Es war drei Meter lang und 1,30 Meter groß, wie die Analyse eines sehr gut erhaltenen Skeletts und eines Schädels aus einem zweiten Fund ergab. Zuvor kamen die einzigen Informationen über Phoberomys aus vereinzelt gefundenen Zähnen und Knochenfragmenten.

Dass es in der Familie der Nagetiere enorme Größenunterschiede gibt, war den Forschern schon vorher bekannt. Das tatsächliche Ausmaß überrascht dennoch. Während Mäuse rund 30 Gramm wiegen, bringt es der größte lebende Nager, das südamerikanische Wasserschwein (Capybaras), auf stolze 50 Kilogramm - so viel wie ein Schaf, aber noch immer nur ein Zehntel des Gewichts seines urzeitlichen Vorfahrens.

Doch warum schleichen heutzutage keine büffelgroßen Ratten mehr durch die Wälder?

Mittlerweile eine trockene Region, war der Fundort der Fossilien vor acht Millionen Jahren von dichten tropischen Wäldern überzogen, von Sümpfen voller Krokodile. Vielleicht waren es diese natürlichen Feinde, die den überdimensionierten Nagern zusetzten. Denn während sich kleinen Nagetieren eine einfache Fluchtmöglichkeit bietet - sie graben sich einfach ein -, bleibt ihren großen Verwandten nur die Flucht. Hier allerdings sind Huftiere deutlich im Vorteil - vielleicht das entscheidende evolutionäre Problem der Nager.

Alexander Stirn



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