7000 Meter tief Japan plant Rekordbohrung am Meeresboden

Von einem Forschungsschiff aus wollen japanische Wissenschaftler 7000 Meter ins Erdinnere vordringen - das wäre ein neuer Rekord für Seebohrungen. Die Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse über Erdbeben und den Ursprung des Lebens.


Borhschiff "Chikyu": "Eine neue Ära in den Lebenswissenschaften"
JAMSTEC/CDEX

Borhschiff "Chikyu": "Eine neue Ära in den Lebenswissenschaften"

Tokio - Sie wollen nicht hoch hinaus, sondern tief hinunter. Einen neuen Rekord für Seebohrungen haben sich japanische Wissenschaftler vorgenommen - der bisherige liegt bei etwas mehr als 2000 Metern. "Das war gerade mal ein Kratzen an der Oberfläche", sagt der Geowissenschaftler Jun Fukotomi, einer der Mitarbeiter des millionenschweren Projektes.

Die Forscher wollen mit Hilfe eines Spezialbohrers bis auf sieben Kilometer in die Erdkruste eindringen. Das tiefste Bohrloch auf dem Festland auf der russischen Halbinsel Kola misst 12.000 Meter; im deutschen Windischeschenbach nördlich von Weiden wurden 1994 mehr als 9000 Meter erreicht.

Für das ehrgeizige Projekt der 7000 Meter tiefen Seebohrung wurde eigens ein Schiff konstruiert. Das fast 58.000 Tonnen schwere Forschungsschiff "Chikyu" (japanisch für "Erde") soll in diesen Tagen fertig gestellt werden. Nach einer Trainingsphase wollen die Forscher im Lauf des Jahres mit Bohrungen am Meeresgrund beginnen.

Umgerechnet rund 445 Millionen Euro hat das Projekt des japanischen Zentrums für die Erforschung der Tiefen der Erde (CDEX) gekostet, das auch von der Regierung in Tokio finanziell unterstützt wurde. Die Unternehmung ist Teil des Internationalen Tiefseebohrprogramms, an dem neben Japan und den USA auch China und zwölf europäische Staaten beteiligt sind.

"Im Erdinnern herrschen hoher Druck, hohe Temperaturen, und es gibt kaum Sauerstoff. Ähnliche Bedingungen könnten bei der Entstehung der Erde geherrscht haben", sagt CDEX-Mitarbeiter Fukutomi. Durch das Sammeln von Gesteinsproben tief im Erdinnern hoffen die Forscher auf Organismen zu stoßen, die bereits bei der Entstehung der Erde existierten. "Wir können mit Hilfe dieser Mikroben zu einem besseren Verständnis der Evolution und der Ursprünge des Lebens kommen", hofft Fukutomi. Mit dem Projekt beginne "eine neue Ära in den Lebenswissenschaften", ist der Forscher überzeugt.

Der Rekordversuch vor der japanischen Küste soll im September 2007 beginnen. Zunächst ist in 2500 Meter Tiefe unter dem Meeresspiegel eine Probebohrung geplant, die bis auf 3500 Meter ins Erdinnere führt. Von diesem ersten Projekt erhoffen sich die Forscher vor allem Aufschluss über die Plattentektonik. In der Region um Japan stoßen vier Kontinentalplatten aufeinander, hier werden rund 20 Prozent der starken Erdbeben weltweit gemessen. Eine genauere Kenntnis der Interaktion zwischen den Platten könnte es den Forschern erleichtern, Beben künftig besser vorherzusagen.

In einem weiteren Schritt wollen die Forscher bei einer Wassertiefe von 4000 Meter bis auf 7000 Meter ins Erdinnere vordringen. Das Bohren auf dem Meeresgrund ist laut Fukotomi leichter als auf dem Festland, weil unter dem Meer die Erdkruste dünner ist als an Land. Dieser Vorteil ermöglicht den Wissenschaftlern zufolge tiefere Bohrungen.

Eine Besatzung von 100 Mann und 50 Wissenschaftlern soll auf der "Chikyu" Platz finden, deren Bohrturm 112 Meter über die Wasserlinie herausragt. Die verwendeten Bohrtechniken ähneln im Prinzip denen bei Ölbohrungen. Das Bohrsystem ist zudem mit einem speziellen Explosionsschutz ausgestattet, sollte der Bohrer in der Tiefe auf Öl- oder Gasvorräte stoßen.



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