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800.000 Jahre altes Erbgut: Grönland war Grünland

In Grönland standen vor 800.000 bis 450.000 Jahren Nadelwälder, in denen urzeitliche Insekten summten. Das wissen Forscher, weil sie aus dreckigen Eiskernen die bislang älteste DNA herausfischen und analysieren konnten - Überraschungen über den Eispanzer inbegriffen.

Nur in den südlichsten Buchten Grönlands kann man heute klägliches Grün finden: Gras, Gestrüpp, kaum mehr. Vor 800.000 bis 450.000 Jahren hingegen wuchsen in Grönland Erlen, Fichten, Kiefern und Eiben. "Damals war es von einer Vielzahl an Nadelbäumen und Insekten bevölkert", sagt der Paleogenetiker Eske Willerslev von der Universität von Kopenhagen. Er hat in Bohrkernen des heute zwei Kilometer dicken Eispanzers über der arktischen Rieseninsel die Spuren längst verschwundenen Lebens gefunden - und damit einen neuen Altersrekord aufgestellt. Bislang war 300.000 bis 400.000 Jahre alte DNA aus Sibirien das älteste Erbgut, das Forscher entdecken konnten.

Fundstätte der uralten Lebensspuren war ein eher unspektakulärer Eisbohrkern aus dem Inneren Südgrönlands, der bereits 1981 gefördert worden war, dann aber 26 Jahre unbeachtet bei Minus 26 Grad Celsius im Kühlkeller des Kopenhagener Niels-Bohr-Instituts lagerte. Ein "dreckiges, unbedeutendes Stück" nennt es der Paleoklimatologe Jørgen Peder Steffensen rückblickend mit Ironie.

Denn in kleinste Mengen von Schluff - feinen Sedimentablagerungen - im Eis waren Momentaufnahmen aus der Vergangenheit eingelagert. Proben aus dem Bohrkern wurden nun vorsichtig aufgetaut, um diesen Schmutz von Äonen zu bergen. Zwar hatten Forscher schon deutlich älteres organisches Material gefunden, nie jedoch altes Erbgut, das so rein war, dass man es analysieren konnte. "Ziemlich beeindruckend, von schmutzigem Wasser zu einem Wald voller Insekten zu kommen", sagt Matthew Collins von der University of York in der Wissenschaftszeitschrift "Nature". Dort veröffentlicht ein internationales Forscherteam aus nicht weniger als 30 Autoren die Ergebnisse ihrer Analyse: "Wir zeigen hier, dass DNA und Aminosäuren begrabener Organismen aus den unteren Sektionen von Eisbohrkernen geborgen werden können."

Alterrekord sibirischer Mammuts und Bisons gebrochen

Vergleiche mit anderen arktischen Fundstellen zeigen nach Angaben der Forscher, dass es sich bei den gefundenen Resten von Pflanzen und wirbellosen Tieren um Bewohner Grönlands handelt - und nicht um Verunreinigung, die von weit her in die Arktis getragen wurden. Bis dato war der jüngste Hinweis auf grönländische Wälder 2,4 Millionen Jahre alt. Dass auch noch in der Zeit von vor 800.000 bis 450.000 Jahren noch ein Wald in Südgrönland wuchs, bedeutet, dass die Gegend damals während einer Warmphase eisfrei gewesen sein muss.

Der DNA-Altersrekord hat Bedeutung über Erlen, Fichten, Kiefern und Eiben hinaus. Das Riesenmolekül Desoxyribonukleinsäure (DNS bzw. DNA) muss im Zellkern ständig repariert werden, um nicht zu zerfallen. Mit dem Tod aber endet auch die fortwährende Wartung, sodass altes Erbgut - wenn überhaupt - nur in winzigen Schnipseln vorgefunden wird. Lange ging man davon aus, dass Erbgut von vor mehr als 100.000 Jahren aufgrund des Zerfalls schlicht nicht mehr lesbar sein würde. Das hatte Willerslev bereits im Jahr 2003 widerlegt, als er in "Science" DNA-Analysen von 300.000 bis 400.000 Jahre alten Mammuts, Bisons und Elchen aus sibirischem Permafrostboden präsentierte.

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