Weltkarte der Schifffahrt: Forscher finden Einfallstore tierischer Invasoren

Ballastwasser soll Schiffe auf der Fahrt stabilisieren, besonders wenn sie leer sind. Doch in den Tanks kommen immer wieder fremde Arten in Teile der Welt, wo sie nicht hingehören - und oft Probleme machen. Neue Forschungsergebnisse sollen nun helfen, das Problem zu lösen.

Weltweite Schifffahrtsrouten: Die gelben Strecken werden am häufigsten befahren Zur Großansicht

Weltweite Schifffahrtsrouten: Die gelben Strecken werden am häufigsten befahren

Die Invasion geschieht oft im Verborgenen: Die Rippenqualle kreuzt zum Beispiel seit einiger Zeit vor der deutschen Küste - und nicht nur in den tropisch warmen Gewässern des Atlantiks. Die chinesische Wollhandkrabbe zerschneidet die Netze von Elbfischern, in der Nordsee machen japanische Zuchtaustern den heimischen Miesmuscheln das Leben schwer - rund 170 eigentlich fremde Arten leben derzeit allein in der Nord- und Ostsee.

Gründe, warum es die Arten in unsere Gestade verschlagen hat, gibt es viele. Die Auster ist zum Beispiel aus Aquakulturen entwischt. Doch besonders viele Arten kommen über Balastwasser-Tanks von Handelsschiffen in die fremden Gefilde. Eine neue Weltkarte soll nun dabei helfen, zumindest dieses Problem besser in den Griff zu bekommen, auf ihr sind alle wichtigen Verbindungen der Weltschifffahrt eingezeichnet. Mit Hilfe der Grafik könnten Ökologen nun gezielt nach Einfallstoren für neue Arten fahnden.

Forscher um Bernd Blasius von der Universität Oldenburg haben die Reisen von genau 16.363 großen Frachtern im Jahr 2007 untersucht - insgesamt mehr als 490.000 Schiffsbewegungen. Die Daten stammen von automatischen Sendern, die mittlerweile auf allen großen Schiffen der Welt installiert sein müssen. Das sogenannte Automatic Identification System übermittelt ständig Schiffs- und Routeninformationen.

Wassertemperatur und Salzgehalt ebenfalls wichtig

"Wie man auf Netzwerken von Flugverbindungen die Ausbreitung von Seuchen modellieren kann, kann man es auf den Routen des Schiffsverkehrs mit der Arteninvasion tun", sagt Blasius im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Natürlich gebe es zusätzliche Faktoren wie Wassertemperatur und Salzgehalt im Zielgebiet zu beachten, die darüber entscheiden, ob eingeschleppte Arten überleben können.

Rund 90 Prozent des weltweiten Warentransports werden per Schiff abgewickelt. Weil bisher genaue Daten fehlten, wurde häufig das sogenannte Potenzgesetz zur Beschreibung der maritimen Verbindungen verwendet: Je kürzer die Reisestrecke, desto größer das Verkehrsaufkommen - bei einem Verhältnis, das ungefähr demjenigen zwischen Schwerkraft und der Entfernung zur Erde entspricht.

Im Fachmagazin "Royal Society Interface" berichten Blasius und seine Kollegen nun, dass das Potenzgesetz nur ungenaue Angaben für die Ausbreitung fremder Arten liefern kann. Denn nicht immer entscheidet nur die Entfernung: "Auf der Strecke zwischen Calais und Dover ist zum Beispiel übermäßig viel los. Von Calais nach Antwerpen fahren viel weniger Schiffe", erklärt der Forscher. Vor allem die schnell fahrenden Containerschiffe seien auf vorhersehbaren Routen zwischen den großen Häfen unterwegs, so die Forscher. Stückgutfrachter und Öltanker würden etwas weniger vorhersehbar und deutlich langsamer fahren.

Gerade diese Schiffe nehmen oft große Mengen Ballastwasser an Bord, wenn sie sich nach einem erfolgreichen Transportauftrag mit deutlich weniger Fracht - oder sogar ganz leer - auf die Rückreise machen. Konkret geht es zum Teil um bis zu 100.000 Tonnen Ballastwasser pro Schiff. In den Tanks gehen aber auch Fische, Plankton oder Schnecken mit auf die Reise.

Einige von ihnen könnten den Weg überleben, am Ankunftsort reüssieren und einheimischen Arten das Leben schwer machen. Die Internationale Seeschiffahrts-Organisation (IMO) hat ein Ballastwasser-Übereinkommen aufgelegt, um das Problem zu lösen. Doch viel bleibt noch zu tun: "Wenn man eine Art erst einmal im Hafen hat, ist es oft zu spät. Deswegen muss man versuchen, die Einfuhr zu stoppen, bevor es zu spät ist", sagt Forscher Blasius.

chs

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. ..
tylerdurdenvolland 14.01.2010
Zitat von sysopBallastwasser soll Schiffe auf der Fahrt stabilisieren, besonders wenn sie leer sind. Doch in den Tanks kommen immer wieder fremde Arten in Teile der Welt, wo sie nicht hingehören - und oft Probleme machen. Neue Forschungsergebnisse sollen nun helfen, das Problem zu lösen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,671767,00.html
Na endlich wendet sich der Spiegel mal den wesentlichen Problemen der Welt zu... Was täten wir ohne die Wissenschaft.... Endlich wird alles gut.
2. Neozoen und Neophyten
dubuc 14.01.2010
So ist das eben mit der Globalisierung und der allgemeinen Beschleunigung des Lebens. Schön für die Wissenschaftler in Oldenburg und ihre Forschungsmittel, aber stoppen lässt sich da gar nichts. Wenn es den Arten an ihrem neuen Standort gefällt und sie evtl. auch noch widerstandsfähiger sind, werden sie sich durchsetzen: Siehe Darwin! Wie will man denn das Ballastwasser untersuchen, mit dem Nackt(schnecken)scanner?
3. Momentane Verfahren
Hairy Dude 14.01.2010
Zitat von dubuc....Wie will man denn das Ballastwasser untersuchen, mit dem Nackt(schnecken)scanner?
Es gibt verschiedene Verfahren, das BW wird allerdings weniger untersucht, als vielmehr sterilisiert. In der erprobung befinden sich u.a. Filter (Problem allerdings bei der großen Durchsatzmenge), Chemiekalien (Problem: Umweltschutz), Bestrahlung mit UV Licht. Momentan wird noch zusätzlich das Ballastwasser nach aufnahmen im Hafen, sobald man auf See ist und eine gewisse Tiefe unter dem Kiel hat, noch mal komplett durchgetauscht, die die meisten Flachwasserorganismen in der Tiefsee nicht überleben. Problem, ist allerdings das Sediment in den Tanks, das sich mit der Zeit unweigerlich ansammelt, und bei kürzeren Reisen (Hamburg - Rotterdam z.b.) die fehlende Tiefseezone. Ein Nackschneckenscanner wäre allerdings wirklich mal was neues! :-)
4. ohGott...
michimüller 14.01.2010
...was für engstirnige Thoretiker! Aber gut, wärend diese Damen und Herren emsig Tropfen um Tropfen des Ballastwassers durchsieben, bringt der Urlaubsreisende fremde Arten in seiner schmutzigen Urlaubswäsche im Flugzeug mit, was dann über deren Köpfe hinwegbraust. Die sollten besser forschen wie eventuelle Vorteile dieser, durch unsere Mobilität bedingte weltweite Artenwanderung genutz werden können, denn wer sagt eigentlich, dass das so schlimm ist? Auch wieder engstirnige Theoretiker...
5. Ein bisschen polemisch...
rumble22 14.01.2010
Zitat von michimüller...was für engstirnige Thoretiker! Aber gut, wärend diese Damen und Herren emsig Tropfen um Tropfen des Ballastwassers durchsieben, bringt der Urlaubsreisende fremde Arten in seiner schmutzigen Urlaubswäsche im Flugzeug mit, was dann über deren Köpfe hinwegbraust. Die sollten besser forschen wie eventuelle Vorteile dieser, durch unsere Mobilität bedingte weltweite Artenwanderung genutz werden können, denn wer sagt eigentlich, dass das so schlimm ist? Auch wieder engstirnige Theoretiker...
...aber genau so ist es. Vor allem, weil diese Verteilung schon längst stattgefunden hat und sie irreversibel ist. Ob Bisamratten, Wollhandkrabben, Marmorkrebse, Ochsenfrösche, Halsbandsittiche und viele andere, sie nehmen mit Freuden ihre neuen Lebensräume an und verdrängen rigoros alles, was in diesen Nischen vorher präsent war. Was sollte man tun? Man kann einfach nichts mehr tun! Und es ist in meinen Augen auch heuchlerisch, ganze Biotobe durch Bauvorhaben platt zu machen, durch Autonbahnen Schneißen durch die Natur zu fräßen, aber Bürgern zu raten, Teichmolche aus Bayern nicht in NRW auszusetzen, da sonst die genetische Einzigartigkeit der regionalen Gruppen vermischt würden. Unsere heimische Natur existiert nur noch auf kleinen Inseln, welche von Naturschutzorganisationen gekaufte Flächen darstellen und auf denen der Zutritt für "normale" Bürger verboten ist. Freuen könne sich nur die Tiere, die sich an die Gegebenheiten schnell anpassen, für andere ist es oder wird es zu spät sein. Es tut weh, aber so ist es. Man sollte sich damit abfinden und vielleicht ein bisschen staunen, wie sich die Natur mit den Eindringlingen neu gestaltet. Noch eine kleine Geschichte! Nehmen wir den Marmorkrebs. Ein Monster für jedweden heimischen Naturliebhaber, denn er vermehrt sich durch Jungfernzeugung, das heißt, jeder Marmorkrebs ist ein Weibchen und erzeugt in einem Jahr tausende Klone, ohne sich paaren zu müssen. Er ist mit jedem Dreckloch voll Wasser zu frieden, ist schneller, agiler als Einheimische Krebse, hält Frost aus und verbreitet die Krebspest, die einheimische Arten dahinraffen lässt, wie kein anderer Faktor, während der amerikanischen Einwanderer imun ist und nur den gefährlichen Pilz an seine Umwelt abgibt. Nun, unbedarfte Aquarianer wundern sich nach ein paar Wochen, dass sie Nachwuchs haben, freuen sich anfangs. Doch schnelll werden die lästigen überschüssigen Vertreter in die Elbe, in den Rhein oder jedes beliebige Gewässer ausgebracht, wo sie nicht mehr zu stoppen sind. Und nun? Die Moral von der Geschichte ist...? Gehen sie mal in eine Zoohandlung! Für fünf EURO können sie sich einen kaufen, inklusive KEINER Beratung, um was es sich da handelt. Kein Verkaufsverbot, kein Einfuhrverbot. NIX! Den aus der Natur zu fischen ist unmöglich! Das dumme am Menschen ist, dass er immer erst handeln will, wenn er eigentlich nicht mehr handeln kann. Ein Naturliebhaber.
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