Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Abholzung auf Borneo: Orang-Utans verlieren ihre Heimat

Von Christian Lauenstein

Dramatische Prognose zur Entwaldung der Tropen-Insel Borneo: In wenigen Jahren könnte der Tieflandregenwald vollständig abgeholzt sein, fürchten Naturschützer vom WWF. Eine einzigartige Tierwelt droht zu verschwinden.

AP

Elf Jahre bleiben noch, dann dürfte für 50.000 Orang-Utans und tausend Elefanten kein Platz mehr sein auf Borneo. Wenn die neuesten Berechnungen der Naturschutzorganisation WWF stimmen, ist der Tieflandregenwald auf der Insel bis 2020 vollständig abgeholzt. "Die Situation ist dramatisch, viele Tiere sind extrem gefährdet", sagt WWF-Sprecher Christian Plaep.

Die Naturschützer haben Satellitenaufnahmen der Jahre 2003 bis 2008 ausgewertet und festgestellt, dass pro Jahr über eine Million Hektar Wald verschwinden - eine Fläche, die halb so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern. "Der stetige Verlust von Wald erreichte in den letzten 20 Jahren nie da gewesene Proportionen", sagt Plaep. Der Durchschnitt seit 1985 liegt bei 860.000 Hektar.

Borneo ist etwa doppelt so groß wie Deutschland und nach Grönland und Neuguinea die drittgrößte Insel der Welt. Die Landfläche ist aufgeteilt unter Indonesien, Malaysia und dem Sultanat Brunei. Die meisten Bewohner leben in bitterer Armut, Holz zählt zu den wichtigsten Rohstoffen und Einnahmequellen. So war Borneo noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast vollständig bewaldet, inzwischen sind es nur noch rund 50 Prozent.

"Extrem gefährlich für die Artenvielfalt"

Besonders schlimm ist die Situation im malaiischen Bundesstaat Sarawak. Rund 270.000 Hektar werden hier pro Jahr abgeholzt, die Behörden versuchen den Kahlschlag zu vertuschen. "Die Regierung von Sarawak veröffentlicht seit Jahren Waldzahlen, die nichts mit der Realität zu tun haben", sagt der WWF-Sprecher. "Offiziell wird durch das Department of Forestry eine jährliche Entwaldung von 50.000 Hektar angegeben."

Nur das Sultanat Brunei sorgt für positive Nachrichten, 60 Prozent der Wälder sind hier unter staatlichen Schutz gestellt. Doch das Sultanat ist ein kleines Land auf einer großen Insel: Allein die Fläche die Indonesien und Malaysia jährlich abholzen, ist doppelt so groß wie Brunei.

"Wir gehen davon aus, dass bei ungehinderter Abholzung der Tieflandregenwald bis 2020 vollständig verschwunden ist", sagt der Regenwald-Experte vom WWF, Markus Radday. "Das ist extrem gefährlich für die Artenvielfalt. Denn nur in den Gegenden bis zu 300 Höhenmetern finden zum Beispiel die Orang-Utans ausreichend Früchte als Nahrung." Durch eine weitere Abholzung würde aber nicht nur der Lebensraum für den Orang-Utan verschwinden. Auch Elefanten, Nasenaffen und Nashörner wären betroffen.

Die größte Bedrohung für die Wälder auf Borneo ist ihre Umwandlung in Plantagen. Die meisten Bäume müssen riesigen Monokulturen mit Ölpalmen weichen, allein Indonesien und Malaysia beliefern rund 85 Prozent des Weltmarkts. Das Palmöl wird von allen Industrienationen gebraucht: für Schokolade, Seife oder um in Blockheizkraftwerken Strom zu erzeugen. Häufig muss der Regenwald auch den schnell wachsenden Baumarten wie Akazien und Eukalyptus weichen, sie dienen vor allem der Papiergewinnung. Ein weiteres Problem sind die illegalen Holzeinschläge, auf Borneo hat sich regelrecht eine Holzmafia gebildet.

Zwei Waldarbeiter zerfleischt

Sollte die Abholzung auf Borneo nicht gestoppt werden können, glaubt WWF-Experte Radday auch an neue Konflikte zwischen Mensch und Tier. "Orang-Utans werden dann mit Sicherheit in menschlichen Siedlungen auf Nahrungssuche gehen." Im direkten Zweikampf mit den Menschen hätten die Tiere keine Chance zu überleben. Auf der indonesischen Nachbarinsel Sumatra häufen sich bereits die Angriffe von Tigern, der Tieflandregenwald ist hier weitgehend abgeholzt. Erst Anfang des Jahres hatte ein Tiger zwei Waldarbeiter zerfleischt, die in einem illegalen Holzfäller-Camp gearbeitet hatten.

Doch nicht nur die Tierwelt wäre von einer weiteren Entwaldung betroffen. "Ökologisch ist das in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe", sagt WWF-Experte Radday. Borneo sei neben Neuguinea eine der wenigen Regionen, in denen es noch große zusammenhängende Wälder gibt. Alle ursprünglichen ökologischen Waldfunktionen würden hier noch erfüllt, zum Beispiel die Regulierung des regionalen Wasserhaushalts oder der Ausgleich des regionalen Klimas. "Diese Funktionen des Waldes müssen wir unbedingt erhalten", so Radday.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Borneo: Alptraum im Paradies


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: