Abholzung Biosprit-Boom gefährdet riesige Regenwaldgebiete

Die Zweifel an den Vorteilen von Biotreibstoffen wachsen: Der geplante Ausbau der Anbauflächen würde in Brasilien zum Verlust riesiger Regenwaldgebiete führen, wie Simulationen ergaben. Eine andere Studie schlägt einen Ausweg vor: die massenhafte Nutzung grüner Abfälle.

Illegale Brandrodung in Brasilien: Biosprit-Anbauflächen verdrängen Viehzüchter
AFP

Illegale Brandrodung in Brasilien: Biosprit-Anbauflächen verdrängen Viehzüchter


Wie umweltfreundlich sind Biotreibstoffe? Schon seit längerem bestehen schwerwiegende Zweifel, ob die Vorteile des alternativen Sprits die Nachteile wettmachen, die bei seiner Herstellung entstehen. Brasilien ist neben den USA führend bei der Produktion von Ethanol. Doch anders als die Vereinigten Staaten setzt das südamerikanische Land seit Jahrzehnten nicht auf Mais, sondern auf die hocheffiziente Zuckerrohr-Pflanze. Und das könnte indirekt dem Regenwald Schaden zufügen, wie eine Untersuchung jetzt ergeben hat.

Die Plantagen liegen nicht im Amazonas-Gebiet, sondern vor allem im Süden, Südosten und Nordosten Brasiliens. Zuckerrohr, aus dem im Übrigen auch der landestypische Schnaps Cachaça gewonnen wird, wächst derzeit auf etwa 8000 Quadratkilometern Fläche. Nach offiziellen Angaben könnte diese Fläche mehr als verachtfacht werden. Noch größer soll das Wachstumspotential bei Sojabohnen sein, aus denen Biodiesel gewonnen wird.

Das aber würde dazu führen, dass Rinderzüchter vor allem im Südosten Brasiliens verdrängt werden - und dann in Richtung Amazonas-Regenwald ausweichen und dort Flächen für die Viehhaltung abholzen. Durch diese Umwidmung der Landnutzung werde die Klimabilanz des Biosprits erheblich verschlechtert, schreiben die Forscher um David Lapola von der Universität Kassel im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Regenwald-Verlust in großer Menge befürchtet

Um das Ausbauziel bis 2020 zu erreichen, müssten laut der Simulation 57.200 Quadratkilometer Zuckerrohr-Anbaufläche hinzukommen; bei Soja wären es sogar 108.100 Quadratkilometer. Die neuen Flächen würden zu 88 Prozent aus ehemaligen Viehweiden bestehen. Die Folge: Rinderzüchter müssten fast 122.000 Quadratkilometer Waldfläche abholzen, um neuen Weideplatz für ihr Vieh zu kultivieren. Das entspricht in etwa einem Drittel der Fläche Deutschlands. Zuckerrohr wäre damit für 41 und Soja für 59 Prozent der indirekten Entwaldung verantwortlich.

Die Wissenschaftler rechnen vor, dass man 250 Jahre bräuchte, bis das von der Regenwaldabholzung verursachte Kohlendioxid durch die Vorteile der Biospritnutzung wieder ausgeglichen sei. Allerdings will die Regierung in Brasília die Abholzung im Amazonas bis 2020 um 80 Prozent reduzieren - und hat auf diesem Weg bereits beeindruckende Erfolge vorzuweisen.

Als einen Lösungsvorschlag regen Lapola und seine Kollegen an, in Brasilien statt Soja die ertragreicheren Ölpalmen anzupflanzen. Damit könnte die für Biodiesel bis 2020 zusätzlich benötigte Fläche von 108.100 auf nur 4200 Quadratkilometer reduziert werden. Brasilien ist seit Jahrzehnten führend auf dem Gebiet der Biospritherstellung. Über 90 Prozent der in Brasilien verkauften Neuwagen verfügen inzwischen über Motoren, die mit einer beliebigen Mischung aus herkömmlichem Benzin und Ethanol fahren. Ethanol ist mittlerweile nach Öl die zweitwichtigste Energiequelle in dem südamerikanischen Land.

IEA: Biosprit-Produktion könnte verdoppelt werden

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schlägt einen anderen Ansatz vor: Die Produktion von Biotreibstoffen könne bis zum Jahr 2030 verdoppelt werden, wenn man nur zehn Prozent der Abfälle aus der Land- und Forstwirtschaft nutzen würde. Schon nach heutigem Stand der Technik ließen sich auf diese Weise vier Prozent des weltweiten Kraftstoffverbrauchs im Verkehrsbereich decken. Das entspreche 125 Milliarden Litern Diesel oder 170 Milliarden Litern Ethanol pro Jahr, hieß es in der IEA-Untersuchung, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Biokraftstoffe decken demnach heute 1,7 Prozent des globalen Kraftstoffbedarfs im Verkehrssektor. Da sie meist aus Pflanzen wie Mais, Ölpalmen oder Raps hergestellt werden, steht ihre Herstellung in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und hat in den vergangenen Jahren die Kosten für Lebensmittel teils stark in die Höhe getrieben. Das verschärfte in vielen Entwicklungsländern die Versorgungslage.

Hinzu kommen laut IEA auch hohe Produktionskosten und relativ geringe CO2-Einsparungen heutiger Biokraftstoffe. "Wir brauchen einen Wechsel zu effizienteren Technologien, um den steigenden Biokraftstoffbedarf nachhaltig decken zu können", sagte Didier Houssin, IEA-Direktor für Energiemärkte und Energiesicherheit. Um das Potential der Biokraftstoffe der sogenannten zweiten Generation voll zu erschließen, müssen der Studie zufolge die Schwellen- und Entwicklungsländer einbezogen werden, da dort ein Großteil der Agrar- und Forstabfälle anfällt. Biokraftstoffe der zweiten Generation sollen nicht mehr aus Nutzpflanzen selbst, sondern aus den Resten gewonnen werden, die bei der ersten Verarbeitung überbleiben.

"Allerdings dürfen die Fehler bei der Entwicklung der ersten Generation von Biokraftstoffen nicht wiederholt werden", warnte Mike Enskat, Programmkoordinator für nachhaltige Energie bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die die Untersuchung finanziert hatte. Mit international vereinbarten Nachhaltigkeitsstandards für die Produktion von Biomasse und mit der Zertifizierung von Biokraftstoffen könne sichergestellt werden, dass sowohl ökologische als auch soziale Belange bei der Biokraftstoffproduktion beachtet würden.

Die IEA verwies in ihrer Studie darauf, dass in einigen Ländern Abfälle aus Land- und Forstwirtschaft bereits als Dünger oder zum Heizen verwendet werden. Hier müsse deshalb eine Abwägung stattfinden, ob ein Ausbau der Biokraftstoffproduktion sinnvoll sei. Auch die möglichen ökologischen Auswirkungen auf Nährstoffe im Boden und Wasserressourcen müssten untersucht werden, um eine nachhaltige Verwendung der zweiten Generation von Biokraftstoffen sicherzustellen.

mbe/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.