Abnehmendes Sonnenlicht: Die Erde verfinstert sich

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Die Erde wird immer dunkler: Seit den fünfziger Jahren ist die Menge an Sonnenlicht, die bis zur Erdoberfläche dringt, weltweit um mehr als zehn Prozent gesunken. Wissenschaftler wollten den Effekt zunächst nicht wahrhaben - und rätseln nun, ob eine neue Gefahr auf die Menschheit zukommt.

Luftverschmutzung (Braunkohlekraftwerk Neurath): Immer weniger Sonnenlicht erreicht die Erdoberfläche
DPA

Luftverschmutzung (Braunkohlekraftwerk Neurath): Immer weniger Sonnenlicht erreicht die Erdoberfläche

Als Atsumu Ohmura die Zahlenkolonnen von Strahlungsmessern in der Arktis und Antarktis prüfte, wollte er nur herausfinden, wie unterschiedlich stark die Sonne dort scheint. Doch das erwies sich als unerwartet schwierig. Der Grund erfüllte den Forscher mit Fassungslosigkeit: "Die Strahlung hat sich über die Jahre verändert", sagte Ohmura der "New York Times". "Ich hielt das für unglaublich." Seine Kollegen konnten ihren Unglauben im Gegensatz zu Ohmura nicht ablegen: Der Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich stellte "keinerlei Reaktion" fest, als er seine Erkenntnisse Mitte der achtziger Jahre auf einem Fachtreffen vorstellte.

Das aber ändert sich derzeit radikal. In Montreal tagen seit Montag die Canadian Geophysical Union und ihre Schwestervereinigung aus den USA. Erstmals treffen sich alle in diesem Bereich führenden Wissenschaftler. Der Tenor der Veranstaltung: Seit den fünfziger Jahren sinkt die Sonnenstrahlung auf der Erdoberfläche im Schnitt um zwei bis vier Prozent pro Jahrzehnt, in Europa und Asien tendenziell noch stärker.

37 Prozent weniger Sonnenlicht in Hongkong

In manchen Metropolen wie etwa Hongkong wurde gar eine Abnahme des Sonnenlichts um 37 Prozent gemessen. Andere Wissenschaftler wie etwa Beate Liepert von der New Yorker Columbia University setzen etwas geringere Werte an: Ihrer Meinung nach ist die Welt zwischen 1961 und 1990 um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Dekade dunkler geworden.

Das Phänomen ist entgegen früherer Annahmen nicht auf die Nordhalbkugel beschränkt, sondern hat sich weltweit ausgebreitet: Eine in Montreal vorgestellte Studie besagt, dass in Australien die Wasserverdunstung in den vergangenen 30 Jahren stark gesunken ist - was als Beweis für verminderte Sonnenstrahlung gewertet wird. "Das beweist, dass es ein globales Phänomen ist", sagte Michael Roderick von der Australien National University dem Online-Wissenschaftsdienst "Nature Science Update". Forscher sprechen deshalb mittlerweile vom "global dimming".

Dicke Luft: Dreckige Luftschichten unter einer Wolke vor Sydney
REUTERS

Dicke Luft: Dreckige Luftschichten unter einer Wolke vor Sydney

Bisherige Theorien gehen von einer doppelten Ursache aus. Durch die Klimaerwärmung kann die Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen, was zu verstärkter Wolkenbildung führt. Zusätzlich blasen die Menschen bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe immer mehr Dreck in die Atmosphäre. Kleinste Teilchen wie etwa Rußpartikel streuen und absorbieren das Sonnenlicht und tragen auch dazu bei, dass sich Wolken aus kleineren Tröpfchen bilden. In Gebieten mit hoher Umweltverschmutzung entstehen so hellere Wolken, die mehr Sonnenlicht ins All reflektieren und zugleich länger bestehen, da kleinere Tröpfchen weniger schnell als Regen zu Boden fallen.

Auswirkungen des "global dimming" unklar

Über die Auswirkungen des "global dimming" sind sich die Wissenschaftler indes uneinig. "Es könnte ein großer Gorilla am Esstisch hocken, von dem wir bisher nichts wussten", sagte Veerabhadran Ramanathan von der University of California in San Diego der "New York Times". Der australische Klimaforscher Roderick ist dagegen alles andere als beunruhigt - und gab der australischen Regierung gar den Rat, die Verdunkelung positiv zu bewerten.

Roderick glaubt, dass die globale Verdunkelung zu einem "negativen Feedback" gehört, einem Mechanismus, mit dem sich die vom Menschen verdreckte Atmosphäre selbst reguliert. So sei etwa das "Standard-Dogma", dass Australien wegen der Klimaerwärmung austrocknen werde, "schlicht falsch": "In Wahrheit wird die Welt immer feuchter."

Zudem führe das "global dimming" dazu, dass Pflanzen der Atmosphäre größere Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid entzögen, da das Licht durch den Verdunkelungseffekt nicht nur geschwächt, sondern auch gestreut werde. "Diffuses Licht wirkt, als setze man Pflanzen auf Steroide", sagte Roderick. Da das Licht vermehrt einen Zickzack-Kurs nehme anstatt in grader Linie auf die Erdoberfläche zu treffen, würden Blätter von allen Seiten bestrahlt. Selbst bei insgesamt abnehmender Lichtintensität, so die Theorie, werde die Photosynthese und damit die Bindung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre verstärkt.

Andere Wissenschaftler aber warnen davor, das "global dimming" als Begründung zu benutzen, den Umweltschutz zu verringern. So könne etwa die halbherzige Maßnahme, Partikel aus Abgasen herauszufiltern und weiterhin Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pusten, die Balance zerstören - und zu einer galoppierenden Erderwärmung führen.

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