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Acker-Benzin: Ökologen zweifeln an Biokraftstoff

Von Susanne Donner

Biokraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gelten als umweltfreundlich und werden von der EU massiv gefördert. Jetzt kommt ausgerechnet von Umweltschützern Einspruch gegen Benzin und Diesel aus Raps oder Zuckerrohr.

Johann Widmanns Brennerei im bayerischen Oberhaching produziert 250.000 Liter Alkohol im Jahr, Rohstoff für Arznei- und Genussmittel. Statt deutscher Mägen könnte der Kartoffelbauer neuerdings auch Autotanks befüllen: Bis Ende 2005 sollten zwei Prozent Bioethanol dem Benzin beigemischt werden, so fordert es die Biokraftstoff-Richtlinie der EU. Bis 2010 soll der Pflanzensprit-Anteil auf 5,75 Prozent klettern. Im gleichen Umfang soll herkömmlicher Diesel mit Methylester, zum Beispiel aus Raps, verlängert werden. Zurzeit sind die Biotreibstoffe von der Mineralölsteuer befreit, was einen regelrechten Boom entfacht hat.

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Viele Brennerei-Betreiber wollen hier mitmischen, und so liebäugelte auch Widmann mit dem Biokraftstoff. Aber aus der Geschäftsidee wurde nichts, zu übermächtig ist die Konkurrenz der Großunternehmen. Rückblickend kann Widmann dem vermeintlichen Ökoprojekt kaum noch etwas Gutes abgewinnen: Wirklich "Bio" seien die Pflanzenkraftstoffe eigentlich nicht. Die schicke Vorsilbe bringt ihnen allein der Umstand ein, dass sie aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt werden. Davon abgesehen gedeihen sie in konventioneller Landwirtschaft. Mit Pflanzenschutzmitteln, mit Gülle und viel Dünger.

Im Grünbuch der EU-Kommission "Hin zu einer europäischen Strategie für Energieversorgungssicherheit" wird das Ziel festgelegt, bis 2020 zwanzig Prozent der konventionellen Kraftstoffe durch alternative Kraftstoffe zu ersetzen. In einem noch unveröffentlichten Szenario für 2030 propagiert ein Expertengremium sogar, ein Viertel der Treibstoffe vom Acker zu holen. Auch die USA möchten sich mit Hilfe des Biosprits aus der Abhängigkeit vom Öl des Nahen Ostens befreien. Der Energy Policy Act von 2005 der US-Regierung sieht vor, im Kalenderjahr 2012 rund 28 Milliarden Liter Biotreibstoff an die Tankstellen zu bringen.

Zu Recht fragen Umweltverbände nun kritisch nach, wie viel Pflanzen-Kraftstoff die Erde verträgt. Die Auswirkungen auf Artenvielfalt, Wasser und Boden machen unter anderem dem Umweltverband BirdLife International Sorgen. Tatsächlich fallen die Ökobilanzen der biogenen Kraftstoffe in Anbetracht der Bio-Euphorie eher bescheiden aus.

Biokraftstoffe aus Weizen, Zuckerrüben oder Kartoffeln stoßen mehr Schwefeldioxide aus als Benzin. Der intensive Anbau der Energiepflanzen beschleunigt auch die Eutrophierung: Seen und Teiche kippen, weil sie mit zusätzlichen Stickstoffverbindungen überladen werden. "Es gibt gute Gründe, eine weitere Zunahme der Biokraftstoffe nicht zu favorisieren", resümiert das Institut für Energieund Umweltforschung in Heidelberg.

Schonungslose Kritik ernten die alternativen Treibstoffe auch von den US-Forschern David Pimentel von der Cornell University und Tad Patzek von der University of California in Berkeley, nach deren Urteil die Herstellung von Biokraftstoffen aus Pflanzen mehr Energie verschlingt, als diese am Ende freisetzt.

Namhafte Forscher wie Alexander Farrell von der University of California in Berkeley mildern zwar die harsche Kritik am Bioethanol. Aber auch Farrell bezeichnet die adäquaten Herstellungsverfahren für den Rohstoff gegenwärtig als zu teuer, um eine Option für die nahe Zukunft zu sein.

"Viele Diskussionen sind zu euphorisch. Es gibt auch Risiken, die erst allmählich sichtbar werden", bekräftigt Kurt-Jürgen Hülsbergen vom Lehrstuhl für Ökologischen Landbau am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München. Beim Düngen der Felder mit Stickstoff wird unter anderem Lachgas frei, was in frühen Untersuchungen nicht berücksichtigt wurde. Dieses Gas ist ein viel stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid.

Den Biokraftstoff-Forschern ist die Kritik der Ökologen nicht entgangen. Gern werden sogenannte BTL (Biomass to Liquid)-Biokraftstoffe als Lösung aller Probleme gepriesen.

Diese Treibstoffe können aus allen möglichen Rohstoffen von Holz über Bioabfälle bis hin zu Stroh gewonnen werden. Doch noch fehlen zu BTL-Kraftstoffen wissenschaftlich fundierte Ökobilanzen. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat im Januar erste Ergebnisse einer Studie präsentiert, die einen großtechnischen Einsatz von BTL nicht vor dem Jahr 2020 sieht.

Trotz finanzieller Anreize kommen deutsche Landwirte mit dem Anbau der Energiepflanzen nicht nach. Zwar gedeihen inzwischen auf knapp zwölf Prozent aller deutschen Äcker Energiepflanzen, vor allem Raps und Getreide. Doch das wird bei weitem nicht reichen, um die EU-Vorgaben zu erfüllen. Um die ab 2010 jährlich benötigten 22 Milliarden Liter Biokraftstoff für Europa zu liefern, müsste rund die Hälfte der Fläche Deutschlands nur mit Energiepflanzen bestellt werden.

An Importen führt deshalb schon jetzt kein Weg mehr vorbei. In riesigen Frachtern wird täglich billiges Palm- und Sojaöl aus Südamerika, Malaysia und Indonesien nach Europa transportiert. Der Biotreibstoff-Handel reißt dort riesige Wunden ins Ökosystem.

In Brasilien fällt der Urwald mittlerweile hauptsächlich für den Anbau von Sojabohnen, 15 Milliarden Liter Ethanol produziert das Land jährlich aus Zuckerrohr. Die Herstellung kostet dort nur knapp halb so viel wie in Europa. Auf riesigen Feldern wird das Zuckerrohr bis zu fünfmal im Jahr geerntet.

Doch wenn Millionen Hektar Regenwald gerodet werden, dann verliert der Vorteil der Kraftstoffe beim Klimaschutz jedes Fundament. Schon seit Monaten versucht die brasilianische Umweltschutzorganisation Fuconams, auf den Raubbau aufmerksam zu machen. In einer verzweifelten Aktion verbrannte sich der Präsident von Fuconams, Anselmo de Barras, bei einer Kundgebung im November 2005.

Noch bestehen Importzölle für die Einfuhr von Bioethanol in die EU, doch diese werden schon bald aufgehoben. Und sollte die Steuerbefreiung für Biodiesel, wie vom Bundesfinanzminister geplant, tatsächlich schon ab 1. August 2006 fallen, dann wird "kein Unternehmen mehr in Deutschland in eine Biokraftstoff-Anlage investieren. Es ist illusorisch, dass wir dann aus eigenen Stücken den Anteil von 5,75 Prozent erreichen", bekundet Ernst Schwanhold von BASF. Der Pflanzensprit wird dann mehr denn je aus Billiglohnländern nach Europa eingeführt werden. "Das ist eine ökologische Katastrophe. In diesen Ländern gibt es nicht annähernd solche Umweltstandards wie bei uns", schimpft Kartoffelbauer Widmann. Er hat mittlerweile seine Pläne begraben, jemals am Bioethanol-Boom teilzuhaben.

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

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