Adlerholz Jäger des verlorenen Schatzes

Es sieht aus wie gewöhnliche Holzsplitter, riecht betörend - und kostet ein Vermögen: Bis zu 62.000 Dollar bezahlen Liebhaber für ein Kilo Adlerholz. Rohstoffjäger haben die Bestände fast ausgerottet - doch die Jagd in den abgelegensten Urwäldern geht weiter.

Von Rüdiger Falksohn


Manchmal muss man weite Wege gehen; sieben Tagesmärsche durch den Dschungel sind nicht selten. Der Urwald dampft wie eine Waschküche, die Stechmücken feiern Blutorgien, und endlich findet sich ein einsamer Baum der Art Aquilaria agallocha. Gern wurzelt er auf einer Felsnase, vor allem wenn es dort schön schattig ist. Ihn gilt es nun zu fällen, zu zersägen und in die Zivilisation zu schleppen.

Adlerholz: Teuer, selten und bedroht
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Adlerholz: Teuer, selten und bedroht

Die Träger schultern bis zu 75 Kilo schwere Klötze. Die würden sie nicht auf sich nehmen, wären es bloß, wie Botaniker sagen, Seidelbastgewächse aus der Abteilung Bedecktsamer. Einige Arten hingegen lohnen durchaus aufwendige Expeditionen und den umständlichen Abtransport. Sie bilden nämlich, wenn ein bestimmter Schmarotzer sie befällt, im Kern des Stammes ein besonderes Harz. Es vertreibt den Phialophora parasitica genannten parasitären Pilz, es lässt den Stamm inwendig schwarzbraun dunkeln - und es riecht betörend.

Dieses frische Kernholz, das sogenannte Adlerholz, ist einer der begehrtesten Rohstoffe der Welt und entsprechend teuer. Es wird in kleinen Mengen angeboten, entweder in fester Form oder zu Öl gepresst, sofern das Harz noch nicht völlig ausgehärtet ist.

Ein Liter Öl kann, etwa bei vietnamesischen Zwischenhändlern, derzeit mehr als 10.000 Euro kosten, wobei der Kunde davon ausgehen sollte, dass der teure Sirup aus Profitgründen gestreckt worden ist. Für ein Kilo Adlerholz allerbester Qualität haben Liebhaber schon 62.000 Dollar gezahlt. Es wird deshalb meist grammweise abgerechnet und in Form von Splittern verkauft - kein Vergleich mit dem legendären "Rajatai", einem nahezu schwarzen Prunkstück, das 756 einem japanischen Tempel übereignet wurde und heute im Besitz des Tenno ist.

Mumien wurden mit seinem Harz einbalsamiert

Fachleute schwärmen vom aromatischen Crossover solcher Exemplare und fühlen sich an die Aromen von Steinpilz, Karotte, Jasmin, Holz und Erde erinnert. Reines Harzöl wiederum verströme eine Duftmelange aus Süßgras, Sandelholz und Patschuli, heißt es.

Schon von alters her war das Adlerharz begehrt, um Räucherstäbchen zu würzen, Mumien zu balsamieren oder Devotionalien zu präparieren. Liebende, umflort von seinem esoterischen Odeur, erreichten die höchsten Gipfel einfühlsamer Erregung. Auch gegen Tumore im Lungen- und Verdauungstrakt ist die Ölform manchmal eine Hilfe.

Solche Vorzüge führten zwangsläufig zur Dezimierung der mindestens 44 Arten umfassenden Aquilaria-Bestände. Ihr Lebensraum reichte einst von Indien über Hinterindien bis nach Neuguinea, doch weil nur erfahrene Einheimische halbwegs zuverlässig einen pilzbefallenen Baum von einem gesunden, weniger wertvollen zu unterscheiden wissen, wurden zahllose Stämme auf Verdacht gefällt. Ohnehin wird Adlerholz nur von acht Arten gebildet und das auch nur in jedem zehnten Baum.

Rohstoffjäger ohne jedes ökologische Sensorium warfen überall, wo sie der Holzrausch packte, ihre Kreissägen an. Oft genug erwiesen sich die Stämme als durchweg hell und schädlingsfrei, gerade gut genug für Möbel. Ehrwürdige, ausgewachsene und zudem wünschenswert verharzte Bäume gibt es nur noch in Gegenden, wohin sich lange Zeit nicht einmal die hartgesottenen Holzfäller wagten: im Westen des langjährigen Bürgerkriegslandes Kambodscha oder in abgelegensten Wäldern des sozialistisch-diktatorisch regierten Laos.

Japanische Konzerne schicken Adlerholzjäger nach Südostasien

In Indien, Bangladesch, Thailand oder China sind die Bäume quasi ausgerottet. Auch die malaysischen Bestände und die indonesischen auf Borneo und Irian Jaya haben schwer gelitten. Zeitweise wurden 1800 Tonnen jährlich geschlagen, nach heutigem Maßstab eine unerhörte Menge. Aber immer noch verdienen Polizei und Militärs am illegalen Einschlag mit. Ein Kilo durchschnittliches Adlerholz kostet anfangs 30 bis 90 Dollar und schon in den Kaufhäusern von Jakarta bis zu 1000 Dollar, bevor es, mit weiterem Aufschlag, in die Erste Welt gelangt.

Manche Bäume landen auch ohne solche Umwege bei der nimmersatten Parfümbranche. Japanische Konzerne etwa bezahlen sprachkundige Späher in halb Südostasien, und die erstatten Meldung, wenn in ihrem Beritt eine interessante Fuhre Adlerholz auf Trampelpfaden in besiedelte Gebiete gelangt. Aufkäufer schaffen dann den Liebesduftstoff ohne Umwege nach Osaka oder Tokio.

Um die letzten Bestände zu retten und trotzdem am Geschäft teilzuhaben, wird zum Beispiel im malaysischen Ort Parit Keroma versucht, Aquilaria-Bäume auf Plantagen zu züchten und gezielt mit Schmarotzern zu infizieren. Die Regierung in Kuala Lumpur unterstützt mit Forschungsgeldern solche Initiativen, um das letzte wilde Adlerholz zu retten.

150 Milliarden Dollar Umsatz macht die internationale Holzindustrie im Jahr. Jede dritte der rund 21.000 Holzarten ist gefährdet. Die kostbarste und erotischste, das Adlerholz, ist schon fast verschwunden.



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