Urzeittier Der Killerwal aus der Wüste

In einem ägyptischen Tal fanden Forscher einen gigantischen Urzeit-Friedhof. Ein ausgestorbenes Seeungeheuer ist besonders interessant: Der Wal mit den spitzen Zähnen war der mächtigste Meeresräuber seiner Zeit.

imago/Xinhua

Das Wadi al-Hitan ist eine Gegend, in der man ungern stranden möchte. Die knochentrockene Wüstensenke liegt mitten in Ägypten, in der kargen, felsigen Landschaft wächst nichts Grünes. Bis ins fruchtbare Niltal im Osten sind es einige Dutzend Kilometer Luftlinie. Und wer die wuselige Millionenstadt Kairo erreichen will, muss eine mehrstündige Fahrt durch die menschenleeren Weiten der Libyschen Wüste auf sich nehmen.

Dennoch ist Wadi al-Hitan ein besonderer Ort, er gehört sogar zum Unesco-Weltnaturerbe. Übersetzt bedeutet der Name Tal der Wale. Eine merkwürdige Bezeichnung für eine Wüstenregion, doch sie hat ihre Berechtigung. Hier fanden Paläontologen gleich einen ganzen Friedhof von Meerestieren aus der Urzeit - darunter mehr als 200 Walskelette, Tausende Fossilien wurden ausgegraben. Denn die Region war nicht immer so heiß und trocken wie heute. Vor rund 40 Millionen Jahren lag hier ein Teil des urzeitlichen Tethysmeers. Und darin schwammen allerlei bizarre Wesen.

Am auffälligsten war wohl ein mächtiges, schlangenartiges Tier, es wurde mehr als 17 Meter lang. Und verfügte über einen beeindruckenden Kiefer, in dem bis zu zehn Zentimeter lange Zähne steckten. Die Beißkraft des Ungeheuers ist die größte, die je für ein Säugetier ermittelt wurde. Mit seinen Kiefern hätte es leicht einen Kleintransporter hochheben können, rechneten Forscher aus. Zwei kümmerliche Beinchen, die aus den Flanken wuchsen, zeugten davon, dass die Vorfahren des Tiers einst Landlebewesen waren und eine erstaunliche Evolution durchlaufen haben.

Zudem lässt die Schwanzflosse, die schon der Fluke von heutigen Walen ähnelte, die Verwandtschaft mit diesen Meeressäugern erahnen - sonst glichen die Tiere eher einer Echse. Dabei waren Basilosaurier, so ihr wissenschaftlicher Name, die größten Säugetiere ihrer Zeit. Sie waren Vorfahren von heutigen Schwertwalen.

Dass die Tiere mit den Planktonfressern aus der Familie der Bartenwale weit weniger gemein haben als mit jagenden Orcas, konnten nun auch Forscher in einer Studie zeigen. Dafür hatte ein deutsch-ägyptisches Team um Manja Voss vom Berliner Museum für Naturkunde erstmals die Ernährung von Basilosaurus rekonstruiert. Die Grundlage der Analyse ist ein Skelett der Art Basilosaurus isis, das 2010 im östlichen Teil des Wadi ausgegraben wurde.

Nach der Studie der Forscher, die nun im Fachblatt "PLOS One" veröffentlicht wurde, stand der Urzeit-Wal in seinem damaligen Ökosystem sogar am Ende der Nahrungskette, es handelte sich um einen sogenannten Spitzenprädator.

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Dinosaurier: Fleischfresser aus Mailand

Die Forscher analysierten für die Untersuchung den Mageninhalt des Tiers. Sie schauten sich die fossilen Reste der Beutetiere an. Die Knochen lagen zwischen den Basilosaurus-Knochen - genau dort, wo sich der Magen befunden haben muss. Hier entdeckten sie die Teile eines Urzeithais sowie eines Knochenfischs.

Auch eine kleinere Walart stand auf dem Speiseplan, Dorudon genannt. Die Tiere erreichten eine Länge von etwa fünf Metern. Die Forscher fanden 13 Knochen dieser Art im Zentrum des Skeletts, sie gehörten möglicherweise zu zwei kleineren Jungtieren. Viele der Knochen wiesen Bissspuren auf oder waren zerbrochen. Schon frühere Analysen hatten gezeigt, dass solche Spuren an Dorudon-Fossilien von Basilosaurus-Zähnen stammen könnten.

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Urzeit-Wal: Wie Basilosaurus die Verwandschaft verdaute

Doch hat der Urzeit-Wal seine kleineren Verwandten gezielt gejagt oder hat er sich möglicherweise einfach an im Meer treibendem Aas bedient? Die Forscher gehen eher von einem Killer aus. Dafür spricht, dass

  • die meisten Bisspuren von Basilosaurus-Zähnen im Kopfbereich der Dorudon-Fossilien gefunden wurden. Genau dort würde ein Jäger versuchen, einen tödlichen Biss anzusetzen. Ein Aasfresser dagegen kann dort zuschnappen, wo es gerade passt.
  • nur wenige ausgewachsene Dorudon-Exemplare im Tal der Wale gefunden wurden. Vermutlich waren gerade Jungtiere für den größeren Basilosaurus das perfekte Opfer. Zudem hätte es ein Aasfresser eher auf ausgewachsene Dorudons abgesehen. Schließlich ist hier mehr dran.
  • auch heutige Orcas kleinere Wale jagen und fressen - dazu gehört etwa der Nachwuchs von Buckelwalen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Region um das Wadi al-Hitan einst ein Aufzuchtgebiet für Dorudon gewesen sein könnte. Und damit das ideale Jagdrevier für Basilosaurus-Wale.

Lange ging das allerdings nicht gut. Denn als zum Ende des Eozäns vor etwa 34 Millionen Jahren die Ozeane kühler wurden, starb Basilosaurus aus. Von da an beherrschten noch größere Räuber die Meere.

Einer von ihnen war der Urzeithai Carcharocles megalodon, mit einer Länge von bis zu 18 Metern ebenfalls ein perfekter Jäger. Doch während außerhalb des Tals der Wale kaum jemand Basilosaurus kennt, bringt es Megalodon immer wieder zu Aufmerksamkeit. Als perfekte Monstervorlage in ziemlich schlechten Kinofilmen. Zuletzt schwamm er etwa in "The Meg" über die Leinwand.

Video: Geheimnisse der Urzeit - Untergang der Dinosaurier

joe



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MagittaW 09.01.2019
1. "Lange ging das nicht gut"
ein bisschen musste ich lachen, als ich las, dass das Auffressen von kleineren Walen nicht lange gut ging. 6 Mio Jahre, laut Angaben aus dem Artikel. Nun, Hominiden gibts seit knapp 3 mio Jahren, Menschen seit 300.000 Jahren. Also wenn ein Zahnwal 6 Mio Jahre erfolgreich räubert, und sich evtl. evolutionär weiter entwickelt, dann ging das für meine Begriffe schon ziemlich lange gut. Rein wissenschaftlich gesprochen...
stefanschultze1 10.01.2019
2. Wenn das lange nicht gut ging also nur 6 Millionen Jahre
dann möchte ich sehen was die Zukunft über uns Menschen sagt. "Irgendwann kurzzeitig hat die Menschheit sich zufällig selbst ausgelöscht nachdem sie innerhalb kürzester Zeit fast den Planeten zerstört hätte. Zum Glück kam eine unheilbaren Pandemie von Schweinen übertragen der Erde zu Hilfe. Heutige Fossilien belegen den Wahnsinn der damaligen Menschheit mir geteilten Ländern."
permissiveactionlink 10.01.2019
3. Wundert mich nicht !
Ein Großteil der Bevölkerung interessiert sich nicht für Biologie, und Kinder allenfalls für Dinosaurier. So dürften auch die wenigsten Menschen die Frage nach dem größten lebenden Raubtier der Erde korrekt beantworten : Physeter macrocephalus, der Pottwal. Die größere Faszination für ausgestorbene Haie wie Carcharocles megalodon, oder für große Meeresraubreptilien der Urzeit wie zB. Predator X/Liopleurodon und anderen könnte damit zusammenhängen, dass uns echte Säugetiere einfach evolutiv zu nahe stehen und um diesen Angst-Schauder im Rücken zu verursachen. Die Wale aber entstanden erst nach dem Aussterben der Dinosaurier (Ausnahme : Vögel !) im Eozän vor 50 Mio Jahren auf dem Kontinent Laurasia im Bereich des heutigen Pakistan/Indien aus den Condylarthra, den Urhuftieren, und stehen damit den Kamelen, Schweinen, Flusspferden und Wiederkäuern evolutiv sehr nahe. Eine Untergruppe der Condylathren, die fleischfressenden Mesonychiden hatten wie die Wale dreihöckrige Zähne (Zähne sind sehr wichtig in der Paläontologie !). Aus den Pakicetiden (50 Mio Jahre) entwickelten sich die Ambulocetiden (48 Mio Jahre), daraus die Remingtonocetiden und schließlich die Protocetiden, die erste hochseetaugliche Ordnung früher Wale mit der Gattung Rhodocetus. Aus dieser Ordnung gingen später die Basilosauridae und die mehr delfinartigen Dorudontidae hervor. Alle hatten noch sichtbare Rudimente der hinteren Extremitäten und waren Zahnwale. Die Aufspaltung der Wale in Odontoceti (Zahnwale) und Mysticeti (Bartenwale) geschah erst später, im Oligozän.
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