Aerodynamik-Trick Spinnen fliegen an Fäden übers Meer

Um weit zu reisen, schleudern manche Spinnen einen langen Faden und fliegen gleich mit - manchmal Hunderte Kilometer weit. Wie die Tiere das anstellen, war bisher ein Rätsel. Britische Forscher haben jetzt eine mathematische Erklärung entwickelt.


"Ballooning", das war ohnehin ein unangemessenes Wort - schließlich verfügen Spinnen ja über keine Hülle voller warmer Luft. Allerdings wissen Zoologen schon lange: Einige der Tiere unternehmen Flugreisen. Dazu schießen sie mit aller Kraft einen Seidenfaden aus ihrem Hinterleib, dessen Schwung sie dann zu einem neuen Ort trägt.

Flieger: Zwei Spinnen-Männchen der Gattung Erigone - das rechte hebt den Unterleib, um einen Faden zu schleudern
Rothamsted Research

Flieger: Zwei Spinnen-Männchen der Gattung Erigone - das rechte hebt den Unterleib, um einen Faden zu schleudern

Diese Form der Fortbewegung wird Ballooning genannt, ebenso ist von Fliegen und Gleiten ist die Rede. Jedenfalls ist das physikalische Modell dahinter sehr schlicht und geht von einem starren, geraden Faden aus. In unbewegte Luft geschleudert, zieht dessen Schwung das Tierchen an seinem Ende gleichsam mit sich. Wie die Luftlandespinnen auf diese Art ein paar Meter weit kommen, kann das Modell noch erklären. Allerdings besiedeln achtbeinige Krabbeltierchen auch frisch entstandene Vulkaninseln. Mehrere Hundert Kilometer über den offenen Ozean sollen Spinnen schon geflogen sein - zum Erstaunen von Biologen und Physikern.

Britische Forscher des landwirtschaftlichen Forschungsinstituts Rothamsted Research glauben nun, erklären zu können, wie die Tiere dermaßen gewaltige Entfernungen überbrücken. In einem neuen mathematischen Modell gehen sie - komplizierter, aber dafür realitätsgetreuer - von einem flexiblen Spinnenfaden aus. Als elastische, flexible Zugleine würde er von Luftwirbeln verdreht, die Faden und Tier mitschleppten, teilten Andy Reynolds und Dave Bohan aus Rothamsted mit.

Wenn eine Spinne ihren Faden nicht in windstille Luft, sondern in eine Brise schleudere, dann winde und verdrehe sich die Seide wie ein Segel - "was ihre aerodynamischen Eigenschaften beeinflusst und ihren Anhang über kaum vorhersagbare Entfernung befördert", sagte Reynolds.

Die Agrarforscher aus Rothamsted interessieren sich vor allem für Spinnen, weil sie Jagd auf Insekten machen - und damit Landwirten bei der Schädlingsbekämpfung zur Seite stehen können. Bislang handelt es sich bei ihrer Erklärung weit reisender Luftlande-Spinnen aber nur um eine mathematisch-physikalische Modellrechnung.

Nun wollen Reynolds und Bohan Spinnen in einen Windkanal setzen, um sich den Luftfahrt-Einsatz des Spinnenfadens am lebenden Objekt anzuschauen.

stx

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