Aerosole Himmel hat sich weltweit fast überall verdunkelt

Der Trend ist eindeutig: Weil die Menschheit immer mehr Schadstoffe in die Luft bläst, verdunkelt sich die Erdatmosphäre immer mehr. Forscher konnten diesen Effekt nun erstmals über mehrere Jahrzehnte nachweisen - nur Europa bildet seit einiger Zeit eine Ausnahme.


Schmutzige Luft kann den Treibhauseffekt dämmen. Das liegt daran, dass Myriaden von kleinen Schwebstoffpartikeln einen Teil des einfallenden Sonnenlichts direkt wieder zurück ins All reflektieren, bevor es unsere Erde weiter aufheizen kann. Einige dunkle Aerosole wie Ruß absorbieren die Strahlung und speichern die Wärme in der unteren Atmosphäre.

Die meisten Teilchen reflektieren das Sonnenlicht jedoch. Zudem tragen sie zur Wolkenbildung bei, da feinste Wassertröpfchen an den Aerosolen kondensieren. Dieser Effekt ist seit einiger Zeit bekannt - und damit auch die paradoxe Situation, dass Maßnahmen zur großflächigen Schadstoffminderung den Treibhauseffekt sogar noch verstärken würden.

Doch wenn es darum geht, den genauen Einfluss der Aerosole auf das Weltklima zu quantifizieren, tun sich Forscher bis heute ziemlich schwer. Eine Wissenschaftlergruppe um Kaicun Wang von der University of Maryland berichtet nun im Fachmagazin "Science", dass es ihnen gelungen ist, die Datengrundlage für die notwendigen Aerosol-Analysen stark zu erweitern. "Bisher hatten wir zu wenige verlässliche Daten", sagt Wang im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die meisten von ihnen liegen erst seit dem Jahr 2000 vor."

Wang spricht von Satellitendaten, die es noch nicht allzu lange gibt. Zur Erforschung der Aerosolgemische, ihrer räumlichen und zeitlichen Verbreitung und ihrer Auswirkung auf das Klima kommen heute Späher im Weltraum zum Einsatz. Diese messen die sogenannte Aerosol-optische Dicke (AOD), also den Anteil der Aerosole, die so groß sind, dass sie Einfluss auf die Sonneneinstrahlung am Erdboden haben.

Mit einem Kniff gelang es der Forschern nun, weitere Daten zugänglich zu machen: Sie werteten die Aufzeichnungen von 3250 Wetterstationen rund um den Globus aus. Sie alle registrieren im Rahmen des "World Weather Watch"-Programmes der Welt-Meteorologieorganisation insgesamt 18 Messwerte, die in eine zentrale Datenbank eingespeist werden. Zu den Angaben zählt auch die jeweilige Sichtweite, die von einem Mitarbeiter geschätzt wird.

Wang und seine Kollegen konnten nun anhand der Daten einen zunächst eher banal klingenden Sachverhalt belegen: Je mehr Aerosole, zum Beispiel als Smog, in der Luft sind, desto niedriger ist die Sichtweite. Weil die Forscher aber den direkten Zusammenhang der Satellitendaten mit den Wettermessungen belegten, konnten sie die automatischen Messungen aus dem All mit den menschlichen Wetterbeobachtungen auf der Erde kombinieren. "Die Methode ist solide", sagt Wang.

Damit lassen sich über einen weit längeren Zeitraum als bisher Aussagen zur weltweiten Aerosolsituation machen. In ihrem Artikel stellen die Forscher Daten aus dem Zeitraum zwischen 1973 und 2007 vor. Weil sie die Beobachtungsangaben jedoch nur dann in ihre statistischen Analyseprogramme fütterten, wenn mindestens 80 Prozent aller Stationen weltweit und jeweils in den sieben verschiedenen betrachteten Regionen Daten lieferten, gibt es in ihren Zeitreihen den einen oder anderen Sprung.

Trotzdem lässt sich ein Effekt klar erkennen: Global gesehen verdunkelt der Mensch mehr und mehr den Himmel. Besonders dramatisch fällt die sogenannte Extinktion des Lichts in den schnell wachsenden Küstenzonen Südostasiens aus, in denen die Industrie boomt. Hier sorgen unzählige Schornsteine, Autos und private Haushalte für eine Smogwolke gigantischen Ausmaßes. Die Atmosphäre lässt kontinuierlich weniger Licht durch. Auch in Südamerika gibt es einen ähnlich dramatischen Anstieg des Smogs. In Nordamerika blieben die Werte in dem betrachteten Zeitraum in etwa gleich.

Die Forscher um Wang folgern aus ihren Daten, dass der Uno-Weltklimarat den Ausstoß von stickstoffbasierten Aerosolen weltweit offenbar dramatisch unterschätzt hat, wohl auch wegen der verstärkten Verbrennung von Biomasse und Holz. Sie trübt die Atmosphäre noch einmal zusätzlich.

Einzig in Europa ist die Luft sauberer geworden. In den neuen Datenreihen lässt sich ein Trend erkennen, den Forscher bereits zuvor vermutet hatten. Weil seit Mitte der achtziger Jahre verstärkt Technologie zur Luftreinhaltung zum Einsatz kommt - und wohl nicht zuletzt durch den Zusammenbruch weiter Teile der Industrieproduktion in Osteuropa -, wird die Luft hierzulande immer besser. Damit steigt in unserer Region jedoch auch der Einfluss des Treibhauseffekts.

chs/lub/ddp/dpa/AFP

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