Affen Gespräche unter Verwandten

Von Uta Henschel

2. Teil: Forscherstreit: Zirkusnummer oder Initialzündung?


Die Diskussion spaltete die Forschungseliten in zwei Lager. Die Linguisten waren für sprechende Schimpansen noch nicht bereit. Sie machten vor allem methodische Mängel bei den wissenschaftlichen Versuchen mit den Primatenkindern geltend. Die Betreuer, behaupteten sie, hätten ihren Zöglingen bewusst oder unbewusst Zeichen gegeben. Die Leistungen seien Zirkusnummern, die ASL-Gebärden bedeutungslose Fingerübungen.

Vor lauter Enthusiasmus hätten die Wissenschaftler gegen das erste Gebot der Forschung verstoßen: Du sollst dein Forschungsobjekt nicht lieben. Dabei, so Roger Fouts, "bin ich dafür bezahlt worden, meine Probandin Washoe zu lieben, damit sie die Menschensprache in einer normalen, familiären Umgebung lernt".

Die Verhaltensforscher dagegen begrüßten die Resultate. Ungeachtet aller Kritik galten sie ihnen als eine Art Initialzündung. Bald existierten mehrere Laboratorien, in denen sich die Verständigung mit Delfinen, Seelöwen, Tauben, Gorillas, Bonobos, Papageien vielversprechend anließ. Einige Studien haben sich, wie jene der Fouts, zu Langzeitprojekten ausgewachsen.

Von diesen kamen jahrzehntelang immer neue Daten, neue Beweise für die verbalen Talente nichtmenschlicher Lebewesen. Sodass mittlerweile auch Dauerzweifler überzeugt worden sind. Nicht zuletzt, weil die Sprachvermittler auch an ihren experimentellen Techniken gefeilt haben, um methodisch unangreifbar zu werden.

Den Verdacht, ihren tierischen Schülern heimlich etwas vorzusagen, lassen Forscher heutzutage nicht mehr aufkommen. Oft werden die Testfragen durch einen Computer nach dem Zufallsprinzip ausgewählt oder von einem Kollegen bestimmt, der in einem anderen Raum sitzt und den Versuchsverlauf nicht verfolgen kann.

Manchmal wird die Lösung – etwa "Weintrauben" oder "Kaugummi" – auch in einem verschlossenen Behälter versteckt und einem Interviewer übergeben, der die richtige Antwort nicht kennt. Wissenschaftler verbinden sich die Augen, sitzen mit dem Rücken zum Probanden, verbergen ihr Gesicht hinter einer Maske oder tragen, wie Susan Savage-Rumbaugh vom Great Ape Trust (GAT) in Des Moines, Iowa, sogar einen Schweißerhelm, wenn es um Prüfungsfragen geht.

Statt der Schriftform der ASL, was für Ungeschulte schwer lesbar ist, hat die Biologin in ihrem Institut Lexigramme eingesetzt, die auf große Tafeln montiert sind. Ihre Schimpansen und Bonobos haben die Bedeutung der abstrakten Symbole gelernt und nutzen sie per Fingerdruck, um sich zu unterhalten. Mittlerweile verfügen die GAT-Primaten über 384 Vokabeln, benennen Objekte, Namen, Tätigkeiten, Eigenschaften und Orte auf dem Gelände des Instituts. Der Wortschatz der tierischen Sprachschüler ist mit den Jahren gewachsen. Anfangs gab es noch viele freie Plätze auf ihren Lexigramm-Tafeln. Bis neue Erfahrungen wie die erste Eiscreme oder der erste Clint-Eastwood-Film die Erschaffung neuer Bild-Begriffe und damit neuer Tasten nötig machten.

Und etwas Sensationelles ist noch hinzugekommen: Weil die Umgangssprache im GAT-Institut Englisch ist – jedenfalls für die dort arbeitenden Forscher und Betreuer –, haben einige der Bonobos sie, so nebenher, ebenfalls gelernt. Die Tiere verstehen "praktisch jedes Wort", sagt der amtierende Forschungs-Direktor Bill Fields.

Geht es um den wissenschaftlichen Nachweis ihrer Talente, um Belege dafür, dass die Primaten die richtige Taste drücken, Fragen stellen, korrekte Antworten geben, oder wird ihr Verständnis des Englischen getestet, dann werden Computer und Kameras zugeschaltet. Bei der Auswertung der tierischen Leistungen gibt es nichts zu deuteln, gelten nur objektive Kriterien.

Susan Savage-Rumbaugh mag unerbittlich sein, wenn es um objektivierbare Forschung geht. In puncto Liebe aber macht sie keine Zugeständnisse. So wenig wie Deborah und Roger Fouts in Ellensburg beugt sie sich der alten Forschungsmaxime, wonach Experimentatoren emotional Distanz halten müssen zu ihren Versuchstieren, sich vor all dem hüten sollen, was nicht messbar ist, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.

Die Biologin ist davon überzeugt, dass Sprachprojekte mit Tieren nur dann erfolgreich sind, wenn die Beteiligten einander vertrauen. Ihr Verhältnis zu den Primaten des GAT-Instituts in Iowas Hauptstadt ist eng – wie zwischen alten Freunden oder Kollegen, die sich seit Jahren kennen. Die Biologin teilt praktisch ihr Leben mit den Primaten.

Der Bonobo Kanzi, seine Schwester Panbanisha und Nyota, Panbanishas begabter Sohn, haben ihre Lexigramme nicht im Frontalunterricht gebüffelt. Sie sind ihnen von klein auf zugeflogen – ähnlich wie Menschenkinder die Muttersprache lernen.

Die Räume und die Umgebung des Instituts sind so angelegt, dass sie Gelegenheiten zum Sprechen schaffen. Viele ihrer Vokabeln haben die Bonobos bei Ausflügen im Wald gelernt – etwa um sich eine Stelle zu merken, wo Leckerbissen versteckt sind. Unterwegs wird gespielt, gezeltet, Holz gesammelt, Feuer gemacht.

Jeder Tag bringt Erlebnisse, Gesprächsstoff, Anlass, den Vorrat an Symbolen zu erweitern. Bei der Heimkehr haben die Tiere etwas zu erzählen. Neue Lexigramme werden in die Tastatur aufgenommen, eingeübt und Tage später aktiviert, wenn die Bonobos wieder einen Ausflug planen und ihren Betreuern beschreiben, welche Route sie nehmen und welche Ziele sie ansteuern möchten.

Auch Azy soll demnächst in einem eigenen Wald unterwegs sein können. Auf dem fast einen Quadratkilometer großen Gelände des Great Ape Trust wird für den Orang-Utan-Mann ein 1200 Quadratmeter messendes Terrain mit Bäumen bepflanzt. Wenn sich der 29-Jährige mit dem feurigen Fell dann zum ersten Mal in die Kronen schwingt, hat er so etwas wie die Oberstufe seiner Ausbildung erreicht.

Dort in den Wipfeln sind reizvolle Ziele eingeplant. Deren Namen werden in abstrakte Lexigramme übersetzt und eingereiht in die rund 70 bereits vorhandenen Symbole in Azys elektronischer Datei. Ist sie aktiviert und berührt der Orang die betreffenden Felder auf dem Touchscreen seines Computers mit dem Zeigefinger, wird ein Wald-Zeichen nach dem anderen aufleuchten. Geleitet von ihrer Bedeutung und von seiner mentalen Karte, bahnt sich der Orang in Gedanken einen Pfad durch die Äste.

Bedient Azy so den Computer, kann er seinen Betreuer Rob Shumaker auf den virtuellen Ausflug mitnehmen, ihm etwa darüber berichten, welche Route er bevorzugt. Der reale Wald gibt Azy mehr Orang-typische Bewegungsfreiheit; bietet ihm zudem Gelegenheit, frei zu entscheiden, was er unternehmen möchte. Und ebenso flexibel lernt Azy, seine Sprachkenntnisse anzuwenden. In diesem Institut, sagt Shumaker, "sollen die Primaten ihren Alltag möglichst selbst bestimmen. Wir ordnen nichts an, wir bieten ihnen Alternativen, und sie wählen aus".

Im Augenblick wählt der Orang ein Quiz. Seit kurzem stehen arabische Zahlen und Mengenlehre auf dem Stundenplan des Primaten. Nicht eben sein Lieblingsfach. Aber auch darin ist er menschlichen Jugendlichen nicht unähnlich.



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