Affen Gespräche unter Verwandten

Es ist wie im Märchen: Menschen sprechen mit Tieren. Mit Hilfe von Gebärden und Lexigrammen haben einige Schimpansen es geschafft, die Sprachbarriere zu uns Menschen zu überbrücken. Was haben die Primaten uns zu sagen?

Von Uta Henschel


Den Rücken gebeugt, mit baumelnden Armen und in Bodennähe pendelnden Fingerspitzen, wanken 20 US-Bürger zur Audienz bei Washoe und ihrer Familie. Im "Chimpanzee and Human Communication Institute" (CHCI) in Ellensburg am Fuße der Cascade Mountains im Bundesstaat Washington gilt der aufrechte Gang geradezu als unhöflich. Auch das Entblößen von Oberkieferzähnen sollte in Gegenwart der Primaten möglichst unterdrückt werden. Denn die nichtmenschlichen Bewohner der 590 Quadratmeter großen Gehege im Institut empfinden menschliches Lächeln als Drohung.

Zärtliche Schimpansen: "Ich kitzele dich"
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Zärtliche Schimpansen: "Ich kitzele dich"

Wer sich am Wochenende gegen eine Gebühr von zehn Dollar zum etwa einstündigen "Chimposium" hier einfindet, muss bereit sein, ein paar Gewohnheiten vorübergehend abzulegen. Eine Dozentin mit dem Namensschild Lisa an der Bluse demonstriert den Teilnehmern, wie Schimpansen gehen. Und wie sie lächeln: mit heruntergezogener Oberlippe und vorgeschobenem Unterkiefer. Die Schnell-Dressur bringt den Besuchern ein Minimum an Benehmen bei, bevor sie vorgelassen werden. Immerhin handelt es sich nicht um irgendwelche Schimpansen in irgendeinem Gehege irgendeiner Stadt. Sondern um prominente Primaten, um Pioniere ihrer Art. Sie haben als Erste die Grenze zum Territorium der menschlichen Sprache überschritten und Homo sapiens sapiens sein kostbarstes Monopol streitig gemacht. Respekt ist geboten.

Washoe [ sie ist kürzlich verstorben, Anm. d. Red.], Tatu, Dar und Loulis beherrschen mit ihren Händen bis zu 240 Zeichen der Amerikanischen Gebärdensprache (American Sign Language, ASL). Und sie setzen diese originell ein, etwa um neue Wörter zu erfinden wie "Trinkfrucht" für Melone oder "Wasservogel" für Schwan; auch zum Fluchen: "dreckiger Loulis". Inhaltlich und syntaktisch durchschauen sie den Unterschied zwischen "Du kitzelst mich" und "Ich kitzele dich".

Washoe hat ihre ASL-Kenntnisse an die nächste Generation weitergegeben, an ihren Adoptivsohn Loulis. Und Tatu führt für alle Clanmitglieder den Kalender. Beim ersten Schnee erinnert sie die Betreuer daran, dass bald wieder "Vogelfleisch" fällig ist: Putenbraten zum traditionellen Thanksgiving-Fest. Ebenso kündigt Tatu jedes Jahr Geburtstage an, etwa "Ice Cream Washoe", und Weihnachten: "Zuckerbaum".

Beim Verteilen der Schlafdecken, beim Spiel, bei Mahlzeiten und mitten im handgreiflichen Familienstreit ist ASL die Umgangssprache der Schimpansen. Theoretisch könnten Gastgeber und Gäste des Chimposiums also während der Besuchszeiten ins Gespräch kommen – würden den Menschen dazu nicht die richtigen Worte fehlen.

Damit sie wenigstens artig "Hi" sagen, die Primaten beim Namen nennen und einige von deren Lieblingswörtern wie "fangen", "umarmen", "kitzeln", "komm" und "schnell" verstehen, büffelt Lisa mit der Gruppe ein paar Vokabeln.

Kurz bevor die Besucher zu den Gehegen geführt werden, lernen sie die Geste für "Demut": Das nach unten geknickte Handgelenk am emporgereckten Arm signalisiert Unterwürfigkeit. Bei uns, erklärt Lisa, stehen die Menschen in der Hierarchie unten, die Schimpansen oben.

Die Menschenaffen wissen das offenbar und kosten ihre Pole-Position gegenüber den Besuchern aus. Kein gekrümmter Rücken, kein Schimpansen-Lächeln, kein geknicktes Handgelenk lockt die Bewohner der Gehege an die raumhohen Scheiben. So leicht sind die Stars nicht zu haben.

Inmitten verstreuter Kleidung, Puppen, Schuhe, Traktorreifen ruht eine der dunklen Gestalten auf dem Rücken und blättert mit den Füßen in einem Magazin, während die Hände gestikulieren. Dar kommentiert die Abbildungen, er führt ein Selbstgespräch. Als typischer Kerl "mag er Motorräder", übersetzt Lisa seine Zeichen. Im Freigehege schwingt sich Loulis an einem Feuerwehrschlauch zu einer Plattform empor und wippt dort erregt auf und ab.

Fremde sind dem Jüngsten der Familie nicht geheuer. Die Dozentin schlägt vor, ihm etwas Nettes zu sagen. Sie kreuzt die Arme über der Brust, ihre Hände ruhen auf den Schultern. Die Gruppe macht es nach. Zwanzigfach fliegen die lautlosen Worte "Umarmung" und "Liebe" hinaus zu dem Verängstigten und besänftigen ihn so wirksam, als hätten sämtliche Besucher ihn an ihr Herz gedrückt.

Eine Unterhaltung ist in Gang gekommen. Die Schimpansin Tatu nutzt die entspannte Stimmung, um einen Lieblingswunsch loszuwerden: "Du Person Füße", gibt sie einer Zuschauerin durch die Scheibe zu verstehen. Und während die Frau einen Turnschuh auszieht und Tatu ihren nackten Fuß hinstreckt, vergessen alle Teilnehmer des Chimposiums, was sie kurz zuvor gelernt haben, und lächeln typisch menschlich.

In diesem Augenblick ist für die Anwesenden wahr geworden, was nur in Fabeln und Märchen möglich scheint: dass Menschen mit den Tieren sprechen können. Ein Erlebnis, das jedes Wochenende US-Bürger in Ellensburg bezaubert, seit die Psychologen Roger und Deborah Fouts das CHCI für ihre fingerfertigen Primaten gegründet haben.

Die Besucher sind Zeugen des ältesten und längsten Sprachforschungsprojekts mit Schimpansen. Es begann vor 40 Jahren, als zunächst Washoe, etwas später Tatu und Dar im Babyalter zu verschiedenen US-Paaren in Pflege gegeben wurden und aufwuchsen wie Kinder einer amerikanischen Mittelstandsfamilie.

Weil die menschlichen Betreuer in Gegenwart ihrer Zöglinge nur ASL sprachen, machten die Schimpansen es ihnen nach. Nicht anders als gehörlose Kinder lernten die jungen Primaten, mit den Händen zu reden. Sie verstanden, dass bestimmte Gesten symbolisch gemeint sind und zum Beispiel "Auto", "Telefon", "Zahnbürste", "dreckig", "weinen" und "mehr" bedeuten. Und die Schimpansenkinder benutzten den Code spontan, um sich mitzuteilen. Als die Ergebnisse 1969 veröffentlicht wurden, wirkten sie "epochal wie die erste Landung auf einem fremden Himmelskörper", schrieb damals die Londoner "Times". Plötzlich schien plausibel, dass die Wurzeln der Sprache älter sind als die Menschheit und ins Tierreich zurückreichen.

War es denkbar, dass die Fähigkeit, Worte zu verstehen, womöglich schon ausgebildet war, ehe die ersten Hominiden zu reden begannen?



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