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15. Februar 2013, 00:10 Uhr

Experiment mit Primat

Schimpanse Ai zaubert mit Zahlen

Aus Boston berichtet Johann Grolle

Es ist ein erstaunliches Experiment. Nur für eine halbe Sekunde sieht der Affe Ai die Zahlen von eins bis neun auf einem Bildschirm. Dann verschwinden die Ziffern, und das Tier zeigt ihre Positionen in richtiger Reihenfolge auf. Ein Video zeigt den Test, an dem ein Mensch scheitern würde.

Schon der Name ist Programm: Tetsuro Matsuzawa hat seinen Schimpansen "Ai" getauft. Auf Japanisch heißt das: "Liebe". Primatenforscher Matsuzawa fühlt sich den Menschenverwandten aus dem afrikanischen Dschungel tief verbunden. Und er hat es sich zum Ziel gesetzt, auch seinen Mitmenschen Hochachtung vor diesen Tieren beizubringen.

Ai war noch ein Jungtier, als sich Matsuzawa seiner annahm. Er war damals 27 und stand noch ganz am Anfang seiner Wissenschaftlerkarriere. Jetzt endlich, nach fast 30 Jahren Forschung, hat Matsuzawa sein Ziel erreicht: Er hat den Beweis erbracht, dass Schimpansen - zumindest in einigen ihrer Fähigkeiten - dem menschlichen Vetter nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen sind.

Fast gelangweilt sieht Ai aus, wenn sie ihre Höchstleistung erbringt: Eine halbe Sekunde lang erscheint die Ziffernfolge 1 bis 9 in unterschiedlichen Positionen auf dem Bildschirm vor ihr. Dann sind nur noch neun kleine Quadrate zu sehen. Doch mit geradezu spielerischer Leichtigkeit tippt Ai die Symbole nacheinander an - in exakt der richtigen Reihenfolge (siehe Video unten).

Vor einigen Jahren, als Matsuzawa dasselbe Experiment mit der Ziffernfolge bis 7 vorführte, hielten es einige noch für möglich, dass ein Mensch mit viel Training ähnliches vollbringen könnte. "Neun Zahlen aber sind viel schwieriger als sieben", erklärt der Forscher. "Ich kann Ihnen versichern: Das würde keiner von Ihnen schaffen." Und niemand im Auditorium der großen AAAS-Konferenz in Boston, wo der Japaner seine Ergebnisse präsentierte, hatte Zweifel daran.

14 Schimpansen dreier Generationen klettern auf dem vielstöckigen Gerüst im Außengehege der Kyoto Universität herum. Und wenn sie Lust dazu haben, klettern sie über ein Gewirr von Laufstegen in den Laborraum, wo Monitore und Wissenschaftler hinter Plexiglas auf sie warten.

Schon als sie fünf war, hatte Ai die Farben samt der zugehörigen japanischen Schriftzeichen gelernt. Später kamen Schritt um Schritt die arabischen Ziffern hinzu. Inzwischen beherrscht Ai die Zahlenfolge von 1 bis 19 - für eine Schimpansin eine beeindruckende Leistung, für einen Menschen freilich nur eine leichte Übung.

Auf ungläubiges Staunen stößt dagegen vor allem Matsuzawas Nachweis, dass Ai Gedächtnisleistungen vollbringt, an der alle menschlichen Probanden scheitern. Seine Befunde werden die Forscher zwingen, tierische Kognition neu zu bewerten. Matsuzawa selbst findet sein Ergebnis gar nicht so erstaunlich: Ähnlich wie Hunde den Menschen im Riechen überträfen und Adler im Sehen, so sei der Schimpanse dem Menschen eben in Sachen Erinnern überlegen.

"Natürlich kann man jetzt die Frage stellen, wieso der Mensch diese Fähigkeit im Verlauf seiner Evolution verloren hat", meint Matsuzawa. Für wichtiger halte er jedoch eine andere Frage: "Wozu ist ein solches Erinnerungsvermögen überhaupt gut? Welchen Vorteil hätten wir davon?"

Matsuzawa geht davon aus, dass man den Nutzen eines Gedächtnisses mit hoher Erinnerungsfähigkeit leicht überschätzen könne. Möglicherweise wäre es für den Menschen gar nicht besonders hilfreich. Der japanische Forscher nimmt an, dass die Evolution Teile des Erinnerungsvermögens im Laufe der Menschwerdung geopfert haben könnte, um dafür andere kognitive Fähigkeiten zu entwickeln.

Denn ein allzu gutes Gedächtnis könnte ein tieferes Verständnis der Welt womöglich sogar behindert haben. "In unserem Denken gibt eine Zukunft und eine Vergangenheit", sagt Matsuzawa. "Die Schimpansen dagegen leben im Hier und Jetzt."

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