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Affen-Schule: Schimpansen gucken beim Nachbarn ab

Von Alexandra Trudslev

Werkzeug, Technik, individuelles Verhalten - das gibt es auch bei Schimpansen. Nicht nur innerhalb der Gruppe, sondern auch zwischen Affen-Clans verbreiten sich solche Fertigkeiten, haben Forscher beobachtet. Experten sehen das als Beleg: Unser nächster Verwandter beherrscht soziales Lernen.

Der Affe ist nichts ohne seine Gruppe. Nur mit ihr kann er überleben. Viele Experten gingen deshalb bisher davon aus, dass Schimpansen und viele ihrer Artgenossen nur innerhalb der Gruppe lernen und nur so ihre eigenen spezifischen Verhaltensweisen bilden - Forscher sprechen auch von Traditionen.

Beim Lernen: Schimpansen im Zoo von Edinburgh.
University of St. Andrews, UK

Beim Lernen: Schimpansen im Zoo von Edinburgh.

Am US-amerikanischen Yerkes National Primate Research Center konnten Wissenschaftler Ende vergangenen Jahres dann genau nachverfolgen: Im für Affengruppen typisch engen sozialen Gefüge werden Traditionen ausgebildet und weitergereicht. Nun zeigt ein internationales Forscherteam erstmalig in einer Studie, dass Schimpansen auch bei fremden Gruppen abschauen - um zu lernen.

Im Fachmagazin "Current Biology" schreibt die Gruppe um Andrew Whiten von der schottischen St. Andrew's University, dass es Gruppenlernen zumindest bei gefangenen Affen gibt. Denn die Forscher konnten zeigen, dass Traditionen sich über einzelne Affenkolonien hinweg ausbreiten können.

Der Schimpanse menschelt

Verhaltensforscher wie Jane Godall dokumentierten bereits in den sechziger Jahren: Schimpansen sind soziale Wesen, können mit Werkzeugen umgehen und auch mit Symbolen kommunizieren. Andere Wissenschaftler entdeckten, dass Kapuzineräffchen sogar um ihren Besitz feilschen können.

Damit zeigen die Tiere auf erstaunliche Weise, dass sie Eigenschaften besitzen, die Wissenschaftler als typisch menschlich einordnen. Wie aber lernen sie voneinander? Gibt es eine Form des sozialen Lernens wie beim Menschen? Kann sich daraus eine Kultur entwickeln? Der Schimpansen-Versuch des Whiten-Teams zeigt jetzt: Primaten gucken durchaus von anderen Gruppen aus der Ferne ab und machen ihr neues Wissen ohne Scheu zur eigenen Gruppentradition - wenn es ihnen einen Vorteil verschafft.

Antoine Spiteri, Mitautor der Studie sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir konnten erstmalig zeigen, dass Affen ausgeprägte Fähigkeiten besitzen, eben nicht nur von ihrer eigenen Gruppe zu lernen, sondern auch von Mitgliedern anderer Gruppen." Das bedeutet, dass Schimpansen prinzpiell die Möglichkeit haben, sich kulturell schneller zu entwickeln.

Spionage am Gartenzaun

Im Experiment wurden zwei im Zoo lebende Schimpansen aus zwei unterschiedlichen Gruppen - A und B - ausgewählt, um als Vorbildaffen eine Aufgabe zu lösen. Beide lernten völlig unterschiedliche Dinge. Der eine Schimpanse lernte zum Beispiel, wie er am besten an sein Essen im Kasten kommen konnte.

Nachdem beide Vorbildaffen eine Lösung für ihre Aufgaben gefunden hatte, wurden sie zurück in ihre Gruppen geschickt. Die Wissenschaftler beobachteten, inwiefern die Mitglieder diese neuen Angewohnheiten übernehmen. Sowohl die A-Affen, als auch die B-Affen schauten eifrig bei den jeweiligen Vorbildern ab. Zwei neue Traditionen bildeten sich aus.

Dann wurde allen Tieren der Gruppen A und B gestattet, aus der Ferne die jeweils andere Gruppe zu beobachten. Und zur Freude der Forscher hatten auch die neuen Zaungäste Interesse an den jeweils anderen Essenstechniken und übernahmen sie ohne Scheu.

"Experiment schon recht revolutionär"

"Dieses Experiment ist schon recht revolutionär", sagt Christophe Boesch, Schimpansenexperte am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropolgie in Leipzig. Damit sei ein wichtiger Beweis erbracht, dass soziales Lernen bei Tieren funktionieren kann.

Aufgrund von Beobachtungen wilder Affengruppen hatten Verhaltensforscher das schon länger vermutet. Der Beweis dafür stand aber aber noch aus.

Jedoch sei der Affe keinesfalls ein superintelligenter Schüler: "Oft machen Schimpansen etwas, weil sie das schon immer so gemacht haben. Neues übernehmen sie nur, wenn Gruppe das auch verinnerlicht hat." Deshalb bestünde zwar theoretisch die Möglichkeit, dass sich Gelerntes schneller über die Gruppe hinweg ausbreitet, aber bei wilden Tieren hielten sich Gruppentraditionen erstaunlich lang. Das heißt: Hat der Schimpanse keinen Nachbarn zum abgucken, bleibt er bei seiner Tradition.

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