Afrikanische Schweinepest Hunderttausende Wildschweine sollen sterben - wofür?

Erschießen, vergiften, aushungern: Jäger sollen großflächig Wildschweine töten, damit sich die Afrikanische Schweinepest nicht nach Deutschland ausbreitet. Tierschützer haben Zweifel, ob das hilft.

Erlegte Wildschweine (Archivbild)
REUTERS

Erlegte Wildschweine (Archivbild)

Von Johanna Sagmeister


Afrikanische Schweinepest - das klingt beängstigend. Und für Schweine, egal ob sie im Stall leben oder im Wald, ist der Erreger tatsächlich eine tödliche Gefahr. Mitunter sterben Tiere binnen 48 Stunden.

Anderen Haus- und Wildtierarten oder Menschen kann das Virus jedoch nichts anhaben. Auch der Verzehr infizierten Fleisches ist unbedenklich.

Trotzdem sorgt das Virus für Aufregung. Denn die Afrikanische Schweinepest (ASP) breitet sich kontinuierlich von Ost- nach Westeuropa aus. Mittlerweile sind Wildschweine in Tschechien und Polen betroffen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) verlangt entschlossene Maßnahmen, um eine Ausbreitung des Virus und Infektionen in Ställen zu verhindern. Als Hauptrisiko sehen die Bauern die schätzungsweise mindestens eine Million Wildscheine in Deutschland.

Drohendes Exportverbot für Fleisch

In der "Rheinischen Post" verlangte der DBV-Vizepräsident Werner Schwarz den Abschuss von 70 Prozent aller Tiere. Das würde vorbeugend helfen, und man sei bei einem Ausbruch in der Lage, die Situation schnell in den Griff zu bekommen, sagt ein Sprecher des DBV.

Unter den Schweinezüchtern geht die Angst um: Der Branche drohen im Falle eines Ausbruchs hohe wirtschaftliche Schäden. Infiziert sich in Deutschland nur ein einziges Schwein - egal ob Haus- oder Wildschwein- droht dem ganzen Land eine Handelssperre in Länder außerhalb der Europäischen Union. So soll der Export des Erregers über kontaminiertes Fleisch verhindert werden.

Rotte Wildschweine im Sauerland
imago/blickwinkel

Rotte Wildschweine im Sauerland

Beim Schweinefleisch ist Deutschland europaweit Exportmeister und profitiert von der erhöhten Nachfrage aus Asien. Der DBV schätzt, dass die Branche durch eine Handelssperre zwei bis drei Milliarden Euro pro Jahr verlieren könnte.

Politiker unterstützten das massenhafte Abschießen von Wildschweinen. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) erklärte, es spiele eine "zentrale Rolle bei der Prävention". Schmidt hat die Bundesländer dazu aufgefordert, Schonzeiten für Wildschweine aufzuheben und kündigte einen Schweinepest-Krisengipfel für Februar an. Bereits am morgigen Donnerstag treffen sich die Landwirtschaftsminister zu einer Sonder-Agrarministerkonferenz, bei der sie auch über die Schweinepest sprechen werden.

Erste Bundesländer haben bereits reagiert und ihre Jagdbedingungen erleichtert. In Brandenburg erhalten Jäger ab April eine Abschussprämie von 50 Euro, sobald mehr Tiere erlegt werden, als in der Jagdsaison vergangenen Jahres. Diese Aufwandsentschädigung deckt die Kosten für eine verpflichtende Untersuchung des Tieres auf den Erreger. In Sachsen sind sogar Änderungen im Jagdgesetz geplant, sodass der Fang mit Käfigen erlaubt ist.

Wildschweinjagd in Italien
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Wildschweinjagd in Italien

Aber nicht nur an den Grenzen machen sich Jäger vermehrt auf Wildschweinjagd. In Nordrhein-Westfalen gingen vergangene Woche etwa hundert Jäger in Waldgebieten rund um Bielefeld auf eine großflächige Treibjagd. Das sei eine Vorsichtsmaßnahme, hieß es von den Initiatoren, dem städtischen Veterinäramt Bielefeld und der Veterinärverwaltung NRW.

Bundesweit geht es wahrscheinlich um Hunderttausende Tiere, die zusätzlich getötet werden sollen. Pro Jahr erlegen Jäger etwa 600.000 Wildschweine.

Tierschützer kritisieren die von vielen geforderte massenweise Tötung. Sie bezeichnen die Maßnahme als "Aktionismus" und bezweifeln, dass die Seuche deshalb nicht nach Deutschland kommen wird. "Gegen eine Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest helfen solche Drückjagden nur bedingt", sagt Tierschützer Thomas Blaha.

Wildschweinfleisch ist eine Delikatesse, eigentlich

Der Vorsitzende der "Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz" ist der Meinung, dass eine intensive Jagd an den Grenzen zu Polen und Tschechien sowie eine intensive Schulung und Aufklärung der Jäger als Prävention ausreichen würden.

Sogar Jäger bekommen mittlerweile das Gefühl, die Wildschweine in Schutz nehmen zu müssen. Dabei haben viele von ihnen ganz unabhängig von der Virusinfektion ein Interesse daran, die Wildschweinpopulation zu verringern.

Zum einen sind die meisten Jäger dazu verpflichtet, Schäden zu bezahlen, die Wildschweine in ihrem Revier verursachen. Zum anderen ist Wildschweinfleisch eine Delikatesse, für das der Jäger bis zu zwei Euro pro Kilogramm verlangen kann.

In einigen Gebieten Deutschlands ist der Preis mittlerweile aber eingebrochen. Es gibt Meldungen, dass Händler kein Wildschweinfleisch mehr annehmen. Dabei ist es für den Menschen ungefährlich, infiziertes Fleisch zu essen.

"Alle zeigen mit dem Finger auf das Wildschwein", sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. "Dabei wandert der Erreger durch Wildschweine nur etwa 20 Kilometer pro Jahr." Er sieht die Jäger zwar in der Verantwortung bei der Prävention gegen die Seuche mitzuwirken, kann sich die vom Bauernverband geforderte Reduktion des Bestandes um 70 Prozent aber nur im Seuchenfall und im Seuchengebiet vorstellen.

Eckdaten zur Afrikanischen Schweinepest
Erreger
Afrikanisches Schweinepest-Virus
Befällt
ausschließlich Haus- und Wildschweine, ungefährlich für Mensch und andere Tiere
Symptome
Hohes Fieber, Hautrötungen, Erbrechen, Durchfall, Augenausfluss, unkoordinierte Bewegungen, plötzlicher Tod
Übertragung
Direkter Kontakt zwischen kranken und gesunden Tieren. Indirekt über die Fütterung von Abfällen mit infiziertem Schweinefleisch oder über Lederzecken, die von infizierten Tieren oder von anderen Infektionsträgern auf das Tier übergehen.
Virusquellen
Blut, Gewebe, Sekrete und Exkrete von kranken oder toten Tieren, infizierte Lederzecken, ASP bleibt in Schweinekot für 6 bis 10 Tage, in Schweinefleischprodukten über einige Monate und in gefrorenem Fleisch über Jahre.
Verlauf
Dauer von Infektionszeitpunkt bis zum Ausbruch der Krankheit sind 3 bis15 Tage. Im Falle einer akuten Verlaufsform 3 bis 4 Tage.
Bekämpfung
Es gibt keine Therapie. Aus diesem Grund sind Maßnahmen der Biosicherheit nötig. Diese umfassen die Vermeidung der Fütterung von Küchenabfällen, fest zugeordnete Kleidung, Quarantänezeiten für neue Tiere sowie die räumliche Trennung von unterschiedlichen Tiergruppen.

Quelle: ASForce (Targeted research effort on African swine fewer)

Dann spricht Reinwald nicht mehr von Jagd, sondern von Seuchenbekämpfung. "Die Methoden sind viel drastischer", sagt er. Wildschweine würden in dem betroffenen Gebiet beispielsweise vergiftet oder ausgehungert. Der Deutsche Jagdverband empfiehlt in dem Fall den Einsatz von Hubschraubern oder Drohnen, um Wildschweinrotten in schwer zugänglichen Gebieten wie Sumpflandschaften aufzuspüren.

Der Jäger glaubt nicht, dass ein Wildschwein das Schweinepest-Virus nach Deutschland bringen wird. "Wenn es bei der Verbreitung nur um das Wildschwein gehen würde, könnten wir uns entspannt zurücklehnen," sagt er.


SPIEGEL TV Magazin über Wildschweinplage auf Usedom

SPIEGEL TV

Reinwald sieht die größere Gefahr beim Transitverkehr zwischen den betroffenen osteuropäischen Ländern und Deutschland. Das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) bestätigt das. Der Faktor Mensch trage maßgeblich zur Verbreitung des Erregers bei.

Das Virus kann monatelang im Tier überleben, auch wenn es bereits gestorben ist. Es befindet sich also auch in Lebensmitteln, die aus kontaminiertem Fleisch hergestellt wurden. Immer wieder tragen weggeworfene Essensreste an Parkplätzen, Raststätten und in Industriegebieten dazu bei, dass Wildschweine sich mit dem Virus infizieren.

Ausbreitung sei "menschgemacht"

Große Sprünge in der Verbreitung der Seuche hat also der Mensch zu verantworten. Das beobachtet das FLI schon seit zehn Jahren. Auch bei den jüngsten Westbewegungen nach Warschau und in die Tschechische Republik geht das Institut davon aus, dass die Ausbreitung menschgemacht ist.

"Ob sich die Seuche über große Distanzen verbreiten kann, liegt in unserer Hand", sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts. An Raststätten und Parkplätzen stehen bereits Plakate vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die über die Afrikanische Schweinepest informieren.

Zwei Variablen bestimmen die Afrikanische Schweinepest maßgeblich: Der Mensch verbreitet das Virus, das Wildschwein stellt quasi den lokalen Lebensraum für den Erreger. Je mehr Wildschweine es gibt, umso besser können die Viren sich in einer Region etablieren.

Ethische Konflikte

Weil die Größe der Wildschweinpopulation eine entscheidende Rolle spielt, bewertet auch das Institut das massenhafte Töten als eine effektive Maßnahme für die spätere Seuchenbekämpfung. "Je weniger Wildschweine da sind, umso schwieriger hat es das Virus, sich auszubreiten", sagt Mettenleiter. Es scheint, als gehe es mittlerweile nicht mehr um die Frage, ob die Afrikanische Schweinepest kommt. Die spannende Frage ist vielmehr, wann sie kommt.

"In den letzten zehn Jahren hat es kein betroffenes Land fertiggebracht, die Afrikanische Schweinepest aus seinen Wildschweinpopulationen zu tilgen", sagt Mettenleiter. Um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, müsste man die Wildschweine praktisch ausrotten. Was ethische Konflikte mit sich bringt und auch nicht wirklich machbar ist. Ohne Impfstoff wird man die Seuche wohl nicht in den Griff bekommen. Und mit dem rechnet Mettenleiter frühestens in fünf Jahren.

Korrektur: Das Land Brandenburg zahlt die Abschussprämie derzeit noch nicht, sondern erst ab April. Wir haben diese Angabe berichtigt.



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Annabelle1811 17.01.2018
1. Ein gefundenes Fressen
für Jäger. Nun können sie sich mal so richtig austoben. Mir tun die armen Viecher leid, die jetzt so erbärmlich gejagt werden. Sagt einer, da kommt wieder so ein Virus zu uns ins Land und die Schweine übertragen den, schon gibt es Abschuß frei für so viele Schweine wie man will. Die machen doch eh bloß die Felder kaputt. Na klar, wer s glaubt, wird selig.
oidahund 17.01.2018
2.
Unabhängig von der Afrikansichen Schweinepest sollte man berücksichtigen, dass die Wildschweinpopulation seit den 90igern sich je nach Gebiet veracht- bis verzehnfacht hat. Eine Bejagung um 70 % gefährdet weder den Bestand noch kommt einer Ausrottung gleich. In den 50iger und 60iger Jahren gab es nur einen Bruchteil des derzeitigen Bestandes und selbst da war das Wildschwein noch weit von der Ausrottung entfernt. Von der ASP werden in erster Linie die Biobauren betroffen sein, die ihre Futtermittel weitgehnd selbst anbauen und dazu noch die Schweine auf die Weide lassen. Die industielle Schweinefleischproduktion mit importierten Futtermitteln und Desinfektionsschleusen, die es bereits gibt, werden in wesentlich geringerem Umfang betroffen sein.
svetlana_borowka 17.01.2018
3. Das ist wieder typisch.
Bloß nichts riskieren, da schießt man doch vorsorglich dann mal alles ab. So wie bei BSE-Verdacht ganze Herden gekeult wurden (wie man heute weiß, komplett umsonst) und auch nur beim leisesten Verdacht auf Vogelgrippe tausende von Enten platt gemacht wurden (und der Verdacht hatte sich dann gar nicht bestätigt). Und in ein paar Jahren stellt sich dann raus, dass das massenhafte Abschießen der Wildschweine Null aber wirklich Null Effekt hatte. Es ist unbeschreiblich, wie wir hier mit anderen Lebewesen umgehen. Aber Hauptsache der Rubel rollt.
frenchie3 17.01.2018
4. Wäre ja auch zu einfach
bei einer Bedrohung für ganz Europa mal eine ordentliche Summe hinzulegen und die besten Virologen aller Länder auf das Problem anzusetzen. Gerne im gutbezahlten Dreischichtsystem. So kaspert jeder Pharmakonzern vor sich hin nur um später der gutbezahlte Weltenretter zu sein.... wenn das überhaupt auf der Todoliste steht
zausi 17.01.2018
5. aha...
Ich wittere da nur ein Grund zu suchen um den Bestand zu minimieren damit der Gewinn maximiert wird. 70% weniger Ackerland Pflüger die den Gewinn schmälern von den Schreihälsen... meine Meinung. Die Wirtschaft, dicke Konten für den einzelnen darum geht's...
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