Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AKW-Katastrophe in Japan: Behörde warnt vor verseuchtem Trinkwasser

Die Kernschmelze im AKW Fukushima ist teilweise eingetreten. Jetzt warnt das japanische Gesundheitsministerium eindringlich vor dem Gebrauch von Regenwasser zur Herstellung von Trinkwasser. Dabei ist die Versorgung derzeit ohnehin schon problematisch.

AKW Fukushima: Teilweise Kernschmelze in Reaktor 2 Fotos
AFP/ JGSDF

Osaka - In Tokio sind Hamsterkäufe von Wasser an der Tagesordnung, in den Tsunami-Gebieten des Landes ist die Trinkwasserversorgung ohnehin schon schwierig. Jetzt kommt ein weiteres Problem auf die Bevölkerung zu: Japans Gesundheitsministerium hat Wasseraufbereitungsanlagen im ganzen Land angewiesen, kein Regenwasser mehr zu verwenden und Becken mit Plastikplanen abzudecken.

Die Sorge vor radioaktiver Strahlung in der Umwelt nimmt kontinuierlich zu - erst recht nach der Bestätigung, dass es im Reaktor 2 des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I teilweise zu einer Kernschmelze gekommen sei. Nach Einschätzung der japanischen Regierung kam radioaktives Material mit dem zur Kühlung eingesetzten Wasser in Berührung - vermutlich deshalb sei das Wasser verstrahlt, das in dem Reaktor entdeckt wurde, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag. Die erhöhte Strahlung sei offenbar auf den Block begrenzt. Die Regierung gehe davon aus, dass die Kernschmelze lediglich vorübergehend sei, so der Sprecher.

Da radioaktive Partikel aus dem schwer beschädigten AKW nun über das Regenwasser in Flüsse gelangen könnten, sollte aus Flüssen kein Trinkwasser mehr entnommen werden, sagte ein Ministeriumssprecher der Nachrichtenagentur AFP am Montag.

Allerdings sollten diese Maßnahmen nur in dem Maße umgesetzt werden, wie sie nicht die Trinkwasserversorgung gefährden. Und so stehen die Japaner nun vor einer weiteren Unsicherheit: Werden sich die Betreiber der Wasseraufbereitungsanlagen an die Anweisungen des Gesundheitsministeriums halten - oder aus Angst vor einer Wasserunterversorgung radioaktiv kontaminiertes Regenwasser in Kauf nehmen?

Vergangene Woche waren im Trinkwasser der Hauptstadt Tokio und mehreren anderen Städten erhöhte Werte von radioaktivem Jod 131 gemessen worden. Seitdem ist die Belastung aber wieder zurückgegangen.

Noch immer ist unklar, wie viel Radioaktivität bereits in die Umwelt gelangt ist - und wie viel noch seinen Weg aus dem Reaktor hinaus finden wird. Maßgeblich ist dabei die Menge sowie die Art radioaktiver Partikel, die etwa durch das Öffnen von Notventilen oder mit verdampftem Kühlwasser in die Atmosphäre gelangen und sich später dann als radioaktiver Niederschlag in Seen und Flüssen sammeln können. Ein Teil der Partikel kann dabei sogar in das Grundwasser gelangen.

Unterdessen fiel der Börsenwert der Betreibergesellschaft Tepco am Montag um 17,73 Prozent. Das Unternehmen steht wegen des Krisenmanagements in dem Kraftwerk, das bei dem schweren Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am 11. März beschädigt worden war, in der Kritik.

Am Sonntag hatte Tepco Angaben zur Höhe der radioaktiven Belastung des aus dem Reaktor 2 ausgetretenen Wassers korrigiert. Regierungssprecher Yukio Edano nannte daraufhin den Fehler des Unternehmens "völlig inakzeptabel".

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

cib/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
tarutaru 28.03.2011
Zitat von sysopDie Kernschmelze im AKW Fukushima ist teilweise eingetreten. Jetzt warnt das japanische Gesundheitsministerium eindringlich vor dem Gebrauch von Regenwasser zur Herstellung von Trinkwasser. Dabei ist die Versorgung derzeit ohnehin schon problematisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,753516,00.html
"Japans Gesundheitsministerium hat Wasseraufbereitungsanlagen im ganzen Land angewiesen, kein Regenwasser mehr zu verwenden und Becken mit Plastikplanen abzudecken." Nun würde ich gerne wissen, ob das exakt so forumliert wurde, oder ob es sich um eine 'freie Übersetzung' handelt. Bei ersterem gilt: Wohl dem der zwischen den Zeilen lesen kann...
2. "Jod 138"?
bz-mof 28.03.2011
Wer hat den da wieder falsch recherchiert oder falsch abgeschrieben? Iod-138 zerfällt in einer Minute zu 99,9%, d.h. das ist nach der Entstehung so schnell weg, daß man es gar nicht wirklich mitbekommt...
3. ...
Barath 28.03.2011
Zitat von sysopDie Kernschmelze im AKW Fukushima ist teilweise eingetreten. Jetzt warnt das japanische Gesundheitsministerium eindringlich vor dem Gebrauch von Regenwasser zur Herstellung von Trinkwasser. Dabei ist die Versorgung derzeit ohnehin schon problematisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,753516,00.html
Das Gesundheitsministerium hat sich sicherlich von der "German-angst" antstecken lassen. Die Gutmenschen hierzulande sind also schuld, für die Trinkwasser Probleme, die man jetzt in Japan hat! Aber die in Hysterie und Panik gekauften Geigerzähler werden nun die Lügen der Panikmacher entlarven, wenn herauskommt, daß die Radioaktivität des Wassers (abzüglich der Messfehler) doch völlig harmlos ist.
4. Vorübergehende Kernschmelze?
joderbaer 28.03.2011
Ich fass es nicht, entweder schlecht recherchiert (übersetzt) oder die verarschen munter weiter das Volk....
5. German Angst
Kurt G, 28.03.2011
Zitat von BarathDas Gesundheitsministerium hat sich sicherlich von der "German-angst" antstecken lassen. Die Gutmenschen hierzulande sind also schuld, für die Trinkwasser Probleme, die man jetzt in Japan hat! Aber die in Hysterie und Panik gekauften Geigerzähler werden nun die Lügen der Panikmacher entlarven, wenn herauskommt, daß die Radioaktivität des Wassers (abzüglich der Messfehler) doch völlig harmlos ist.
... die Killerphrase des März 2011. Strahlung ist nicht harmlos. Vor Ort nicht und in einem weiten Einzugsgebiet nicht. Sicherlich ist der Kauf von Geigerzählern in Deutschland zum gegenwärtigen zeitpunkt Ausruck von Angst und massiver Unsicherheit. Diese Panik aber mit all den berechtigten Bedenken gegen Atomkraft zu einem Brei zu vermengen und dies "German Angst" zu nennen, ist demagogisches Neusprech der Atom-Appeaser.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

Fotostrecke
Fukushima: Sorge um Reaktor 3


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: