AKW-Zwischenfall in Slowenien Atom-Alarm, ein Fax und viel Verwirrung

Die Eilmeldung ließ das Schlimmste befürchten: Im slowenischen Kernkraftwerk Krsko habe es einen Störfall gegeben, wurde per EU-Warnsystem "Ecurie" verbreitet. Wenig später war die Verwirrung dann komplett: Die Slowenen faxten nach Wien, es handele sich lediglich um eine Übung. Nun haben die Behörden ihre Fehler eingestanden.

Sicherheitszaun in Krsko: Verwirrende Nachrichten von jenseits des Zauns
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Sicherheitszaun in Krsko: Verwirrende Nachrichten von jenseits des Zauns

Von , und Marion Kraske


Berlin - Vor knapp vier Jahren war alles noch ein Test. Slowenien, das Land war gerade Mitglied der EU geworden, lud Ende Oktober 2004 ein zur großen Katastrophenschutzübung. In einer sogenannten "Level-3-Exercise" sollte getestet werden, wie gut das EU-weite Atomwarnsystem "Ecurie" funktioniert. Das fiktionale Szenario: Im Bahnhof der Stadt Maribor sollte sich eine kleinere nukleare Explosion ereignet haben.

Die slowenischen Behörden schickten in schneller Folge vier Warnmeldungen heraus, wenig später quittierte Belgien als erstes EU-Land, dass man die Dramatik der Lage erkannt habe, bald darauf wurden in Österreich die - wiederum gespielten - ersten Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet: Einschränkungen beim öffentlichen Verkehr, bei der Verteilung von Lebensmitteln und so weiter.

Am späten Mittwochnachmittag wurde ein ähnliches Szenario für kurze Zeit Realität. Um 17.38 Uhr Ortszeit schickten die slowenische Atomsicherheitsbehörde (SNSA) eine Warnmeldung an die Zentrale des "Ecurie"-Systems: "Alarm". "Es war das erste Mal überhaupt, dass eine Nachricht mit dieser Dringlichkeit verschickt wurde", sagte Thomas Breuer von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das 1987 nach dem Reaktordesaster von Tschernobyl eingerichtete Warn-Netzwerk kennt drei Arten von Meldungen, die an alle EU-Länder, Kroatien und die Schweiz verschickt werden:

  • Nachrichten im Rahmen von Übungen, wie beim Szenario von Bahnhof Maribor
  • Informationen, über Situationen, die zunächst auf ein Land begrenzt sind, aber für Nachbarländer dringlich werden könnten, wie unlängst, als im schwedischen Atomkraftwerk Oskarshamn Spuren von Sprengstoff gefunden wurde. In diesen Fällen ist im Kopf der "Ecurie"-Meldung ein "I" zu vermerken
  • Alarmmeldungen, wie von der slowenischen Atomaufsichtsbehörde wegen des Vorfalls in Krsko

Das System hat mehrere Sicherheitsmechanismen: Alle Nachrichten sind codiert, je nach zu übertragender Information werden bestimmte Buchstabenfolgen verwendet. So sollen Übersetzungsfehler vermieden werden. Vor dem Versand wird jede Mail digital signiert, damit beim Empfänger automatisch die Echtheit geprüft werden kann.

Von Slowenien aus ging die Nachricht über ein spezielles Mailsystem ("CoDecS") in das EU-Lagezentrum nach Brüssel, von dort aus weiter nach Luxemburg. Dort sitzt die "Radiation Protection Unit", die Strahlenschutzabteilung der EU-Generaldirektion für Energie und Transport. Der zuständige Mitarbeiter war gerade auf dem Weg in den Feierabend. Hastig zurück an den Schreibtisch beordert, versicherte er sich bei den Behörden in Slowenien, ob man es nicht vielleicht doch mit einem Fehlalarm zu tun habe - doch Ljubljana bestätigte: Es gebe eine kritische Situation in Krsko, mit drohenden grenzüberschreitenden Folgen. Die Alarm-Meldung sei gerechtfertigt.

Was war passiert? Im Kühlwasserkreislauf des Reaktors von Krsko trat um 15.07 Uhr ein Leck auf - warum ist noch unklar. Der Reaktor wurde daraufhin heruntergefahren. Um 20.10 Uhr sei der Stillstand erreicht worden, teilt die slowenische Atomsicherheitsbehörde SNSA mittlerweile auf ihrer Webseite mit. Das ausgetretene Wasser sei innerhalb des Sicherheitsbehälters (Containment) geblieben, der den Reaktor umschließt. Es habe weder Gefahr für das Personal bestanden noch sei Kühlwasser nach außen gelangt.

Inzwischen hätten Experten den Sicherheitsbehälter betreten und bei einer ersten Untersuchung festgestellt, dass sich das Leck nahe der Kühlpumpe des Reaktors befindet. Um den Schaden beheben zu können, müsse der Reaktor weiter abgekühlt werden, erklärte SNSA-Dirketor Andrej Stritar. Dies werde vermutlich einige Tage dauern.

Die Warnmaschinerie kam ins Rollen

Am Mittwochabend brachte die Meldung aus Slowenien in der EU eine wahre Warnmaschinerie ins Rollen. In Deutschland lief die Mail in der Reaktorsicherheitsabteilung des Bundesumweltministeriums ein. Die Ministerialen ließen sich als erstes vom Wetterdienst über die Windverhältnisse in den nächstliegenden Gebieten in Bayern informieren, um einen sogenannten Trajektionsweg zu erstellen. Wohin würde eine mögliche nukleare Wolke ziehen? Doch bevor größere Schutzmaßnahmen ausgelöst wurden, kam die Entwarnung über das Computersystem. Um 19.30 Uhr deutscher Zeit wussten die Ministeriumsmitarbeiter durch entsprechende Präzisierungen über das "Ecurie"-System: Es wurde keine Radioaktivität freigesetzt. Die Slowenen hatten den Störfall offenbar falsch eingeschätzt.

Auch in Österreich schreckten die Nachrichten aus Slowenien die Behörden zunächst auf - und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn kurz nach der Meldung über das "Ecurie"-System hatte man in der Österreichischen Bundeswarnzentrale in Wien eine zweite, verwirrende Nachricht erhalten. Unter der Titelzeile "EXERCISE" verkündeten die Slowenen um 18.39 Uhr per Fax, dass gerade eine Übung laufe, so Ministeriumssprecher Daniel Kapp. Die Inhalte seien identisch gewesen mit den Angaben, die man von der EU erhalten habe.

Die Übungsmeldung ging auch an die in Wien ansässige Internationale Atomenergiebehörde IAEA. Die IAEA und das österreichische Umweltministerium fragten in Slowenien nach. Ergebnis: Die Slowenen hatten in der Eile ein falsches Formular benutzt, die nach Brüssel gesandte Alarmmeldung sei richtig. "Es war nur ein menschliches Versehen", erklärte Sloweniens Umweltminister Janez Pubodnik am Donnerstag. Auch der Leiter der slowenischen Atomschutzbehörde, Andrej Stritar, hatte zuvor den Fehler zugegeben.

Österreichs Umweltminister Josef Pröll will in Luxemburg nun klären, warum dieses "Wirrwarr" an Informationen aufgetreten ist. Pröll: "Auch wenn es offenkundig zu keinem radioaktiven Austritt in Krsko gekommen ist, sehe ich das Vertrauen in die Alarmierung durch Slowenien massiv infrage gestellt." Der Vorfall habe in Österreich große Besorgnis ausgelöst.

Atomkraftgegner kritisieren Wiener Informationspolitik

Anti-Atomkraftaktivisten kritisierten die Informationspolitik der österreichischen Behörden. So beklagte Roland Egger von der Initiative Atomstopp Oberösterreich: "Wenn tatsächlich etwas Ernsthaftes passiert wäre, wie wäre dann die Bevölkerung gewarnt worden?" Alleine vom Zeitpunkt des Störfalls bis zur Meldung darüber, dass etwas passiert sei, seien zwei volle Stunden vergangen. "In dieser Zeit kann eine radioaktive Wolke Österreich erreichen, ohne dass jemand etwas weiß." So resümiert Egger: "Bei einem echten Unfall hätte die Bevölkerung nicht gewusst, wie sie sich selber schützen oder wo sie notwendige Informationen erhalten kann."

Laut Egger sind Österreichs Grenzen im Umkreis von 200 Kilometern von mindestens zehn Atomkraftwerken umgeben – darunter extrem pannenanfällige Anlagen wie im tschechischen Temelin oder in Mochovce in der Slowakei. Damit sei das atomenergiefreie Land höchst gefährdet. Deswegen müsse es möglichst schnell eine landesweite Katastrophenübung geben. "Das ist die einzige Möglichkeit", sagte Egger, "um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein - so lange Europa nicht aus der Atomenergie aussteigt". Bislang sei die Alpenrepublik auf einen größeren Störfall nicht vorbereitet.

"Den radioaktiven Zerfall kann man nicht abschalten"

Die Gefahren eines Defekts im Primärkreislauf von Druckwasserreaktoren sind bekannt: Im schlimmsten Fall droht eine Kernschmelze. "93 Prozent der Wärme im Reaktor entstehen durch die Kettenreaktion", erklärt der Hannoveraner Nuklearexperte Helmut Hirsch, der nach eigenen Angaben das Umweltministerium in Wien und Greenpeace berät. Sieben Prozent der Wärme entstünden beim radioaktiven Zerfall der Spaltprodukte, und diese sieben Prozent seien bei Zwischenfällen das Problem. "Die Kettenreaktion ist schnell gestoppt, den radioaktiven Zerfall kann man hingegen nicht abschalten", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die sieben Prozent reichten aus, um den Kern zum Schmelzen zu bringen, wenn die entstehende Wärme nicht abgeführt werde. Er verliere seine Form, bringe den ihn umgebenden Stahlmantel zum Schmelzen und lande schließlich im Containment. Radioaktive Nuklide wie Jod, Cäsium und Edelgase würden freigesetzt. "Die Frage ist dann: Wie lange hält das Containment?" Wenn es schon kurz nach der Schmelze beschädigt werde, könnten zwei- bis dreimal so viele radioaktive Stoffe freigesetzt werden wie in Tschernobyl. Deshalb sei es wichtig, dass die Kühlung des Kerns funktioniere - auch und gerade nach dem Herunterfahren des Reaktors, betont Hirsch.

Einer, immerhin, konnte der ganzen Angelegenheit auch etwas Positives abgewinnen: Umweltminister Sigmar Gabriel lobte, dass das "Ecurie"-System seinen Zweck erfüllt habe. "Ich persönlich bin froh, dass wir testen konnten, ob dieses System (...) funktioniert", sagte Gabriel in den "Tagesthemen". Bei Greenpeace will man sich nicht auf die offiziellen Informationen verlassen. "Wir haben ein Team losgeschickt, das Gespräche mit den Behörden und mit der Betreiberfirma führen soll", sagte Greenpeace-Mann Breuer.



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